Von Marajka Parplies

Foto: Literatur Biennale Wuppertal

„Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann.“ Dieses Zitat am Ende einer Lesung von Saša Staniši? Ende Mai im Rahmen der Literatur Biennale in Wuppertal bleibt im Gedächtnis hängen. Nicht nur, weil er sehr ambivalent zu verstehen ist, denn Zufälle lassen sich nicht beeinflussen. Zufälle passieren ungewollt. Oder auch nicht. Möglicherweise gibt es auch keine Zufälle. Glück hat deshalb derjenige, der Entscheidungen trifft. Der in der Lage ist, gut durchdachte Entscheidungen zu treffen. Staniši? traf in der Vergangenheit einige gute Entscheidungen. Er entschied sich, aus seinem zufälligen Aufenthalt in Deutschland das Richtige für sich zu machen. Sein Studium beispielsweise. Sein vorhandenes Talent, den richtigen Personen zu zeigen und Bücher zu schreiben. Nur auf diesem Wege konnte Staniši? den Leipziger Buchpreis verliehen bekommen und ein bekannter und gleichermaßen beliebter Schriftsteller werden. Die diesjährige Literatur Biennale stand unter dem Motto „Utopie Heimat“. Wo in heutigen Zeiten das Wort Heimat für viele Menschen verloren gegangen ist, weil sie durch Flucht alles verloren haben, was für sie die Heimat gewesen ist, informiert Saša Staniši? seine Zuhörer auf der Lesung, was Heimat für ihn bedeutet. Moderiert wurde die Veranstaltung von Hubert Spiegel, FAZ-Redakteur im Feuilleton.

Sein neuester Erzählungenband „Fallensteller“ behandelt das Thema Heimat in verschiedenen Kapiteln. Im Kapitel „Fallensteller“ wird von Menschen erzählt, die (sich) selbst Fallen bauen und in eben diese Fallen treten. Staniši? verliebte sich auf einer Reise vor einigen Jahren in ein kleines Dorf, dessen Handlung auch in seinem letzten Roman „Vor dem Fest“  aus dem Jahre 2014 in ein kleines Dorf in der Uckermark verlegt wurde. Hier im fiktiven Ort Fürstenfelde, der an die Stadt Fürstenwerda erinnern soll, knüpft er an. Mittlerweile ein Touristenmagnet von literaturbegeisterten Menschen geworden, die als radelnde Literaturtouristen auf den Spuren des Vorgängers „Vor dem Fest“ fahren, ist dieses Dorf mit seinen Bewohnern zufällig Schauplatz für viele unterhaltsame Randgeschichten. „Mann Mann Mann, Fürstenfelde, Literaturmetropole. Mehr Literaten als Nazis, und das jetzt, wo wegen den Flüchtlingen jeder ein bisschen besorgt ist, sogar die SPD, und in Sachsen montags gegen die Reisefreiheit demonstriert wird, wo vor gar nicht so langer Zeit noch für die Reisefreiheit demonstriert wurde“, heißt es im Kapitel Fallensteller über das Dorf. Die Landschaft wird bilderreich beschrieben und selbst die Bewohner kann man sich beim Lesen leibhaftig vorstellen. „Fallensteller“ erzählt in einer längeren Erzählung die Geschichte eines kürzlich in das Dorf gezogenen Rattenfängers, der seine Mitmenschen und Tiere mit aufgestellten Fallen vor Bedrohungen beschützen möchte. Einmal wird der Fallensteller gefragt: „Wo kommen Sie eigentlich her? Die Fragerin bekommt keine Antwort, aber das muss ja auch nicht sein. Auf der Welt wird ohnehin häufig unnützes Zeug geredet. Staniši? schreibt nur: „Es geht in Unterhaltungen nicht unbedingt darum, einander zu verstehen, sondern es miteinander auszuhalten.“ So stellt man sich das Leben in einem kleinen Ort vor. Anonymität kann man sich abschminken. Staniši? bringt sich selbst mit viel Wortwitz in die Geschichten ein, was man während der Lesung auch deutlich zu spüren bekommt. Mit seinem Charme und der besonderen Weise, wie er während der Lesung die Sätze beim Vorlesen betont, fängt er das Publikum ein und eben dieses tappt in seine „Falle“ und lässt sich mit dem Gehörten auf die Reise in das Dorf Fürstenfelde mitnehmen. Ja, Reisen: Es geht viel um das Reisen, z.B. in Kapiteln wie „Mo und ich für die Dauer der Reise“. Mo hat eine blonde Halbschwester, die einen – „Achtung Klischee“ – blonden Schweden heiratet. In Stockholm. Mo und der Ich-Erzähler sind beide eingeladen. Irgendwann im Laufe des Kapitels ist von Islands Hauptstadt die Rede und welche Orte man besser als Tourist meiden sollte und von Nachrichtensendungen, die im Hotel angeschaut werden sollen/müssen, wo die Rede ist von zerbombten Krankenhäusern in Syrien und man nahtlos auf die bedrohte Vogelart der Turteltaube zu sprechen kommt. Auch das ist Staniši?. Er springt von einem Thema zum nächsten, er schreibt von durch Krieg zerstörten Gebäuden und nimmt uns Leser mit in seine Erinnerungen an seine eigene zerstörte Heimat, wenn auch nicht direkt. Er nimmt tagesaktuelle Thematiken mit in seine Erzählungen, so nebensächlich, dass sie nicht tragisch wirken. Dennoch ernst gemeint. Ebenso werden Außenseiter des Lebens beachtet. In „Ferienlager im Wald“ handelt es sich um eine Klassenfahrt in den Wald, wo in Waldhütten genächtigt werden soll, um die daheimgebliebenen Mütter einige Tage von ihrer Mutterrolle zu entbinden. „Mutter hat schon Pläne gemacht. Pläne ohne mich. Mutter kann ohne mich um sich jünger sein, als mit mir um sich. Endlich wieder mit Freunden trinken und spät wegbelieben. Ich finde das okay. Mütter sind okay.“ Der Sohn soll reisen, damit Mutter sich wiederfinden kann, indem sie wieder sie selbst sein kann, die Verantwortung abgeben kann. Frei sein. Das bedeutet nichts anderes als Freiheit, auch wenn sich der Ich-Erzähler den Gegebenheiten der Gruppe und des Waldes anpassen muss, also in diesen Tagen „unfrei“ ist.

Staniši? erzählt an diesem Abend viel aus der Vergangenheit. Das ist auch gut, denn aus erster Hand zu erfahren, wie man die eigene Flucht aus der Heimat erlebt und was man daraus gemacht hat, ist gerade in heutigen Zeiten wichtig und richtig. Veranstaltungen wie die Literatur Biennale laden dazu ein, über den Tellerrand zu blicken und sich für kleine Momente keine Gedanken um das eigene bequeme Leben zu machen. Staniši? erzählt, dass er und seine Familie nach ihrer Flucht viel Hilfe und Unterstützung erhalten haben, um sich in Deutschland einzufinden. Obwohl Seehofer damals wie heute in der Agenda vertreten war, merkte Staniši? nichts von der „Nicht-Willkommenspolitik“. Im Gegenteil, sein Lehrer auf der Gesamtschule entdeckte sein schöpferisches Potenzial und nahm sich seiner an. Dem Jungen, der kaum Deutsch sprach und sich schnell zum begeisterten und talentierten Schreiber entwickelte. Die Flucht aus seiner Heimat verarbeitet er in tragisch-komischen Geschichten. Er macht sich Gedanken um das eigene Wohlbefinden, um seine Vergangenheit, um seine Familie. Eine besonders schöne Geschichte, die ihm der Moderator Hubert Spiegel entlocken konnte, war die eines Erlebnisses mit seiner Mutter. Er ging nach einigen Wochen in Deutschland mit ihr spazieren und sie kamen an ein Schloss. Da Staniši? aus seiner vorherigen Heimat im Gedächtnis nur zerschossene Schlossruinen mitbrachte, erinnert er sich besonders an den Geschmack von Schokoladeneis, welches seine Mutter ihm kaufte, während beide das Schloss bestaunten. Seitdem verbindet er mit dem Geschmack von Schokoladeneis seine ersten Heimatgefühle an Deutschland, an Heidelberg. Auch das ist Staniši?. Immer positiv. Vergangenheit ist vergangen. Die Vergangenheit kann nach Schokolade schmecken. Kann. Staniši? hat für sich die Schokoladenseite in seinem Leben entschieden.

Please follow and like us: