Von Lara Ehlis

Foto: Literatur Biennale Wuppertal

In die behagliche Enge der Viertelbar haben sich die Zuhörer am Abend des 1. Juni vor dem Regen zurückgezogen, um Matthias Nawrat zu lauschen. Kurz vor Beginn der Lesung wird es so voll, dass noch einzelne Stühle in den Raum getragen werden. Im Rahmen der dritten „Wuppertaler Literatur Biennale“ und „Literatur im Viertel“ wird der Autor sich – unter dem Motto „Utopie Heimat“ – mit dem Journalisten und Redakteur Ulrich Hufen unterhalten und Einblicke in sein neues Werk gewähren.

Während der Wuppertaler Regen prasselt, erläutert Nawrat den Ausgangspunkt seines neuen Romans „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ (Rowohlt-Verlag 2015): Die Erzählung beginnt mit dem Tod des namensgebenden Opas Jurek im polnischen Dorf Opole Anfang der 1990er Jahre. Wie in Polen üblich, hält das Dorf eine Woche lang Totenwache. Und zu diesem Anlass trägt die gesamte Nachbarschaft Geschichten des Opas Jurek zusammen, die dabei oft wiederholt und abgeändert werden. Ungewöhnlich ist die Erzählstimme des Romans, denn es handelt sich um ein Erzähler-Wir in Form der Enkel Jureks. Diese wiederum wanderten in den späten 1980er Jahren von Opole nach Deutschland aus und erhielten von ihrem Großvater den Auftrag, nicht zu vergessen, woher sie kommen.

„Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ ist eine fragmentarische Wieder-Erzählung der Erinnerungen Jureks. Ganz nebenbei bekommt der Leser Einblicke in die polnische Geschichte: Matthias Nawrat reichert seine Fiktion mit Facetten der polnischen Geschichte an und sensibilisiert so für ein historisches Gedächtnis. Die Erzählungen reichen dabei von Jureks Sehnsucht nach Kanada und der Eröffnung eines Bergsteigerladens, über den Direktorposten in einem Geschäft namens „Paradies“ bis zu dem Aufenthalt im Konzentrationslager Auschwitz.

Immer wieder greift Ulrich Hufen die Parallelen der Erzählungen Nawrats zu seinen persönlichen Erlebnissen und Eindrücken in der DDR auf: grade die Thematik des Ausreiseantrags weckt in ihm Erinnerungen an die (nicht vorhandenen) Möglichkeiten. Jurek und er haben die Sehnsucht nach der, wie Nawrat es formuliert, „großen Freiheit zu Reisen“ gemeinsam.

Besonders wichtig vor dem Hintergrund der erzählten Episoden war Nawrat die Beschäftigung mit der Frage, wie man, als Enkelgeneration, solche Ereignisse wie Auschwitz erinnern darf. Die Sprache stellte sich für ihn hierbei zum einen als Problem, zum anderen jedoch auch als möglicher Verfremdungseffekt dar. Der Autor versucht, die Unerzählbarkeit zu umgehen, indem die Figuren in seinem Roman auf humorvolle Weise von schlimmen Erlebnissen berichten. Er sieht die humoristische Übertreibung als Möglichkeit, „die Würde zurückzuholen“.

Dass der Autor selbst zufällig auch aus Opole stammt, lässt die Frage aufkommen, wie viel eigene Familiengeschichte in dem Roman verarbeitet wurde. Nawrat gibt schmunzelnd zu, dass er nicht mehr genau wisse, welche Teile autobiographisch und welche erfunden seien. „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ gründet sich außerdem, wie der Autor zugibt, auf einem „Amalgam an Einflüssen“: Als literarische Vorbilder nennt er zum einen tschechische Literaten wie Jaroslav Hašek (1883–1923), der Roman stehe aber auch in der Tradition des spanischen Schelmenromans.

Matthias Nawrat stellt in seinem neuen Roman Heimat als ein Geflecht von Erinnerungen dar. Diese werden erzählt von der Enkelgeneration. Die Geschichte wird dabei durch die Neu-Erzählungen von gelebten Episoden wieder zum Leben erweckt. Das Ergebnis ist ein Erinnerungs-Teppich voll von humorvoll berichteten Ereignissen. Die kollektive Erinnerung des ganzen Dorfes Opole zentriert sich in der einzelnen Figur des Opas Jurek, durch den die Geschichte Polens ein exemplarisches Gesicht erhält.

Wer hören möchte, wie Matthias Nawrat über seinen neuen Roman spricht, kann dies hier bei Funkhaus Europa tun. Ansehen kann man sich hier ein Interview von der Frankfurter Buchmesse (3sat).

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