von Sarah Werbelow

Die Hardcover Ausgabe umfasst 416 Seiten und ist im Original bei Rowohlt erschienen.
Erscheinungstermin: 28.08.2015
Erscheinungstermin Taschenbuch: 17.02.2017

Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wie oft Opa Jurek in Matthias Nawrats neuem Roman „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ wirklich gestorben ist. Denn in seiner Geschichte geht es nicht nur um den Tod. Auch wenn die Erzählung nun einmal genau damit anfängt…

Der Titel dieses Romans macht auf jeden Fall schon mal neugierig darauf, was es denn mit diesem Opa Jurek auf sich hat. Wie kann es sein, dass er öfter als einmal stirbt? Die Tode des Opas Jurek sind vielseitiger Natur. Sie treten hervor aus einem Gefühl der Hilflosigkeit, der tiefen Angst und des Schreckens. Und während wir all diese Tode mit Opa Jure in seinen vielen kleinen Geschichten miterleben, können wir nur eine große Bewunderung für ihn empfinden. Wie gut, dass ein Literaturheld für den Leser ja eigentlich niemals so wirklich sterben kann!

Gleich zu Beginn der Geschichte wird dem Leser bewusst, dass dieser Opa Jurek ein besonderer Mensch gewesen sein muss. Zum Tag seiner Beerdigung sind viele interessante Persönlichkeiten nach Opole gereist, um sich an sein Leben zu erinnern und sich zu verabschieden. Darunter sind der Bürgermeister der Stadt, Redakteure, der Vorstand eines Fußballclubs und natürlich die Familie des Opas Jurek und seine Enkel. Die Enkel verbringen mit ihrer Mutter, ihrem Onkel und der Oma Zofia einige Tage in Opole und erkunden den Ort ihrer Kindheit. Während dieser gemeinsamen Zeit erinnern sie sich aber vor allem auch an den gerade verstorbenen Großvater. Aus der Sicht der Enkel, die sich der Leser bewundernd, melancholisch und nostalgisch, aber dennoch nicht verklärt vorstellen kann, werden viele kleine Geschichten und Anekdoten aus der Familiengeschichte erzählt. Damit folgen die Enkel im weiteren Verlauf des Romans dem Wunsch ihres Opas:

„Und dann sagte er, dass wir uns merken sollten, was er uns erzählt habe. Dass wir ab und zu an ihn denken, dass wir ihn und sein Leben in Erinnerung behalten, dass wir ja nichts vergessen sollten.“ Seite 11

In Vergessenheit geraten wird Opa Jurek sicherlich nicht. Wie könnte man einen solch außergewöhnlichen Charakter so schnell vergessen? Er liebt die polnischen Delikatessen über alles, lässt sich nichts gefallen, wenn es darum geht, ein verantwortungsvoller Direktor zu sein und bringt den Leser mit mehr als nur einer skurrilen Unternehmung zum Lachen. Zum Beispiel erzählen die Enkel von einer großangelegten Möbeltauschaktion, die in dem damaligen Wohnort des Opas nach dem Krieg stattfand. Die Menschen hatten kaum genug Nahrung und es fehlte an allem. Und doch schafft es diese Geschichte, das Leid irgendwie erträglich zu machen und dem Leser, wie bei unzähligen anderen Momenten in diesem Roman, ein Schmunzeln zu entlocken. Eine andere Anekdote – und noch dazu meine geheime Lieblingsgeschichte – beginnt so:

„Mit der genauen Anweisung unserer Oma Zofia, ja nicht ohne Suppengemüse nach Hause zurückzukommen, insbesondere nicht ohne frische Petersilie, und mit einer der letzten Flaschen seiner im Sommer produzierten Aufguss-Spezialität aus Holunder verließ er nach einer Tasse Kaffee und im ersten Morgenlicht die Wohnung und stand eine halbe Stunde später auf dem Platz der Roten Armee vor dem Blechhäuschen von Edek Baumann, der viele Jahre zuvor der Kapitän des OKS Odra gewesen war und inzwischen das Gemüse seiner Eltern aus Krapkowice verkaufte.“ Seite 357 – 358

Es wäre doch aber zu einfach gewesen, wenn Opa Jurek das Suppengemüse bei Edek Baumann gekauft hätte, nicht wahr? Wie sich Opa Jurek am Ende der Jagd nach Suppengemüse kurzerhand außer Landes wiederfindet, ist eine der vielen kuriosen und witzigen Geschichten, die es sich lohnt, als Leser selbst zu erfahren.

Hinzu kommen auch die vielen Geschichten des Vaters, also Opa Jureks Sohn, und sein Traum, nach Kanada zu gehen und Bergsteiger zu werden. Schließlich eröffnet der Vater in Polen das „Yukon“, ein spezielles Fachgeschäft für Bergsteigerausrüstung. Damit erfüllt er sich ein kleines Stück seines Traums und erzählt mit dieser einzigartigen Unternehmensgründung gleichzeitig die sehnsuchtsvolle Geschichte einer ganzen Generation, die im Zeichen des Aufbruchs steht. Sie verleiht dem Roman zusätzlich Momente starker Individualität und steigert das Erlebnismoment der Familiengeschichte, die wunderbarer und merkwürdiger im wahren Leben nicht hätte sein können.

Im Rahmen dieser Geschichten des Opas und Vaters und auch der Enkel webt Matthias Nawrat ein dichtes Netz einer Familiengeschichte mit einzigartigen Charakteren, die zusätzlich vor den historischen und politischen Hintergründen Polens zur Zeit des zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach auf vielen verschiedenen Bedeutungsebenen wirken.

Insbesondere Opa Jureks Zeit in Auschwitz und seine schrecklichen Erlebnisse im Arbeitslager sind den Enkeln nur als seine „schwierige Zeit“ bekannt. Nun werden diese Erlebnisse jedoch keinesfalls tabuisiert, sondern in den Erzählungen des Opas mit einem absurden Humor versehen. Und trotzdem verstehen die Enkel ihren Opa und wissen, diese vermeintliche Naivität als besondere Intelligenz zu deuten. Die Grenzen zwischen erlebtem Grauen und Unsagbarem verschwimmen so langsam und eröffnen die Möglichkeit, die Stille und das Schweigen zu brechen und über die Vergangenheit zu sprechen.

Die Geschichte wird nicht immer chronologisch erzählt und so wechseln sich auch Kapitel aus der Gegenwart, nach der Beerdigung des Opas, mit Kapiteln aus der Vergangenheit des Opas und der Oma ab. Dabei spielt auch die Geschichte des Vaters eine große Rolle und bringt auch noch die Ebene einer dritten Generation mit ein.

In „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ werden Erzählungen und gelebte Geschichte neu erzählt. Matthias Nawrat hätte genauso gut den Opa die Geschichten direkt erzählen lassen können, aber er entschied sich, den Enkeln den Erzählauftrag zu schenken. Durch die Generation der Enkel werden ganz neue Aspekte der Geschichten betrachtet und gleich mit Eindrücken und Interpretationen versehen. Und auch fragt sich der Leser des Öfteren, inwieweit die Figuren der Geschichte autobiografischer Natur und vielleicht an die Familiengeschichte von Matthias Nawrat angelehnt sein könnten. Matthias Nawrat wurde 1979 im polnischen Opole geboren und zog zehn Jahre später mit seiner Familie nach Deutschland.

Unglaublich geschickt bewandert Matthias Nawrat den schmalen Weg zwischen Fiktion und Realität. Die Geschichte des Opas klingt nicht nur in einer Szene ein klein wenig außergewöhnlich und ich als Leser frage mich, inwieweit denn nun das Erzählte auch wirklich genau so geschehen ist. Auch gerade das macht die Besonderheit dieses Romans aus. Auf die Frage, wie viel seiner eigenen Familiengeschichte in der von Opa Jurek steckt, antwortet Matthias Nawrat in einem Interview:

„Auf dem Papier war es von Anfang an lebendig und eigenständig, weit mehr als eine Ansammlung von Fakten. Vieles von dem, was ich in diesem Buch erzähle, ist wirklich passiert, aber vieles habe ich erfunden. Die Grenze verläuft manchmal in ein und demselben Satz.“ Hier geht’s zum vollständigen Interview.

Das Leben des Opas und die Familiengeschichte fügen sich nach und nach zusammen, als ob der Leser den Enkeln über die Schulter schaut, wie sie eine Schachtel mit Erinnerungsfotos durchschauen. Und da sind natürlich schöne und lustige Erinnerungen dabei. Aber auch traurige und schockierende. Doch der Roman „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ gleicht keineswegs einem Trauerspiel, sondern bringt einen einzigartigen Humor hervor, der viele Emotionen und Interpretationen zugleich für Figuren und Leser beinhalten kann. Diesen humoristischen Erzählstil hat Matthias Nawrat bewusst gewählt. In einem Interview sagt er:

„Aber dass ich die Erlebnisse des Opas Jurek und der anderen Figuren nur indirekt erzähle, verweist andererseits auch auf das Drama der Unerzählbarkeit von geschichtlichem Leid. Der Humor, mit dem meine Eltern und Großeltern uns über ihr Leben erzählt haben, diente ja nicht der Verharmlosung. Er stellte eine Überlebensstrategie dar. Deshalb wird der eigentliche Schmerz erst in diesem Humor spürbar, nicht in den Fakten selbst.“

Humor und Fakten. Literatur und Erinnerung. Geschichte und Politik. Familie und Nation. Ironie und Charme. „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ findet auf vielfältige Weise einen Weg, Momente des tiefen Schmerzes und solche des kleinen Glücks zu vereinen und sie sowohl als Geschichte einer ganzen Nation aufzuarbeiten sowie sie als sehr persönliche und emotionale Erlebnisse einer Familie für den Leser erfahrbar zu machen. Besonders gut gelungen ist Matthias Nawrat die Vereinigung von drei Generationen und die Verhandlung ihrer Werte und Ansichtsweisen in einer Erzählung. Mit „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ schafft Matthias Nawrat ein kleines Stück Heimat – die Familie –, die keineswegs Utopie sein muss, sondern Geschichte und zugleich Zukunft sein kann.

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Foto: Sebastian Hänel

Matthias Nawrat wurde 1979 in Opole geboren und kam zehn Jahre später mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Biologie und am Schweizer Literaturinstitut in Biel. Seine Veröffentlichungen umfassen „Wir zwei allein“ (2012), „Unternehmer“ (2014) und „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ (2015). Außerdem wurden seine Romane bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Im Jahr 2016 erhält Matthias Nawrat den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis für sein Buch „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“. Die Begründung der Jury kann hier nachgelesen werden.

  • Matthias Nawrat und sein Buch „Die vielen Tode des Opas Jurek“ waren auch vertreten bei der Wuppertaler Literatur Biennale 2016 zum Thema Utopie Heimat. Hier finden Sie Informationen zur Veranstaltung.
  • Matthias Nawrat war im Rahmen der Buchtipp-Reihe „Ein goldener Herbst“ bei Funkhaus Europa zu hören. Darin erzählt er über seine Arbeit als Autor und vor allem aber über seinen dritten Roman und die Figur des Opa Jurek. Die beiden Audio-Ausschnitte können auf der Funkhaus Europa Seite angehört werden.

Wer Matthias Nawrat auch gerne einmal persönlich treffen möchte, der hat Glück. Denn in den kommenden Monaten finden auch wieder Lesungen zu „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ mit Matthias Nawrat am 07. September in Neuss, am 27. Oktober in Nürnberg und am 02. November in Cottbus statt. Hier erfahren Sie mehr zu den einzelnen Terminen und auch zum Autor Matthias Nawrat: http://www.rowohlt.de/autor/matthias-nawrat.html

Hier gibt es eine Leseprobe des Romans „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“.

Bloggerin:

Ich bin Sarah, leidenschaftliche Leserin englischsprachiger Bücher, Bloggerin und Weltenbummlerin. Meine letzte Reise führte mich in das traumhafte Irland. Gerade wage ich ein neues sprachliches Abenteuer, indem ich Japanisch lerne. Außerdem liebe ich es zu kochen und zu fotografieren. Meine beiden Hunde sind das Größte für mich, mit ihnen gehe ich auch im Regen spazieren. Und danach als Belohnung lese ich gemütlich ein Buch auf der Couch, während sie friedlich schlafen. Das macht glücklich!

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