Von Julia Wessel

Peter Stamm und die Flucht vor der Routine

Foto: Stefan Kubli

Alltag. Das bedeutet, jeden Tag dieselben Wege, zur Arbeit, zur Schule, die immer gleichen Begegnungen und Abläufe. Doch selbst, wenn alles nach Plan läuft, kann die Sicherheit, die diese Vorhersehbarkeit birgt, umschlagen, in ein Gefühl des Festgefahrenseins, des Stillstands und das Bedürfnis wachrufen, aus diesem ewigen Kreislauf auszubrechen, die Ketten des alten Lebens abzustreifen und hinter sich zu lassen. Eben dies lässt der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm den Protagonisten seines aktuellen Romans „Weit über das Land“ tun. Dabei erfahren wir nicht nur, wohin seine Reise ins Ungewisse geht, sondern auch, welche Konsequenzen seine Entscheidung für seine Familie und sein ganzes Umfeld hat.

Völlig unvermittelt und ohne, dass wir von seinen Beweggründen lesen können, lässt Thomas, als seine Frau eines Abends gerade nach den Kindern sieht, sein noch halbvolles Weinglas auf dem Gartentisch zurück und verlässt sein Haus und seine Familie: „An der Ecke angelangt, zögerte er einen Augenblick, dann bog er mit einem erstaunten Lächeln, das er mehr wahrnahm als empfand, zum Gartentor ab.“ (S. 13) Wie betrunken geht er die Straße hinunter und beginnt eine Reise, die länger dauern soll, als ein gewöhnlicher Abendspaziergang. Ob er das zu diesem Zeitpunkt schon weiß, bleibt ebenso unklar, wie der Anlass seiner Flucht. Doch eröffnet der Protagonist Stamms Roman mit der Beobachtung, die Hecken des familieneigenen Gartens verwandelten das Grundstück nachts in ein „dunkles Verlies, aus dem es kein Entkommen mehr gab“ (S. 9).

Keine Helden

Peter Stamm spielt in „Weit über das Land“ erneut seine größte Stärke aus: Die Abgründe menschlicher Entscheidungen in all ihren Facetten darzustellen. Schon in „Sieben Jahre“ ließ er uns Zeuge einer Dreiecksbeziehung werden, in der sich niemand freiwillig mit einem der Charaktere identifizieren wollen würde, aber stellenweise doch für jede von ihnen Verständnis aufbringen konnte. Diesmal begleitet der Leser einen Mann auf seinem größten Egotrip – weit über das Land: Alles zurücklassen auf Kosten seiner Frau und seiner Kinder, die ohne jede Erklärung und Chance auf Protest mit dem Verlust leben müssen. Wie auch in seinen letzten Romanen erzählt Stamm vom Ausbrechen aus dem durchschnittlichen Leben, das sich jedoch nicht immer als Neuanfang offenbart, sei es durch eine Enttäuschung („Ungefähre Landschaft“), einen Schicksalsschlag („Nacht ist der Tag“), oder wie hier, aus einem reinen Impuls heraus. In Stamms Romanen gibt es keine Helden, es gibt nur Menschen. Menschen, die uns exemplarisch unsere größten Schwächen vor Augen führen und Szenarien durchspielen, die wir uns oft ausmalen, aber selten umzusetzen wagen – nicht zuletzt, weil die Konsequenzen oftmals nicht nur uns selbst betreffen.

In Stamms Roman ist es Thomas‘ Frau Astrid, die die scheinbar leichtfertige Entscheidung ihres Mannes am schwersten trifft. In den ersten Tagen muss sie sein Verschwinden vor den Kindern erklären, vor seiner Sekretärin, Freunden und Nachbarn und schließlich mit Hilfe der Polizei auf die Suche nach ihm gehen. Denn eine Erklärung für Thomas‘ Verschwinden, da ist sie sich sicher, muss es geben: „Er musste weg, einfach mal weg. Vielleicht war das ja die Erklärung. Er hatte keine Geliebte, hatte kein Geld veruntreut, keine Schulden gemacht, die er nicht zurückzahlen konnte. Er hatte sich nichts angetan, er war einfach weggegangen. Das Bedürfnis war ihr ja selbst nicht fremd.“ (S. 67)

Flucht vor dem normalen Leben

Die anfängliche Sorge wird zu Wut über Thomas‘ Egoismus, zu Scham, dass sie nicht weiß, wo ihr Ehemann steckt, und schließlich zu hilfloser Traurigkeit. Abwechselnd mit der Gefühlsachterbahn Astrids begleiten wir Thomas auf seiner Reise, erleben dieselben Stunden und Tage, die wir zuvor durch Astrids Augen gesehen haben, aus seiner Perspektive. Wenngleich Stamm Wechsel wie diese nach eigener Aussage als unästhetisch empfindet, sind sie doch nötig, um die Handlung – wenn auch auf den ersten Blick nicht allzu komplex – im Ganzen zu durchdringen und schaffen darüber hinaus erstaunliche Effekte. Schon aus den Zeit- und Perspektivensprüngen wird deutlich, wie unterschiedlich schnell die Zeit für die beiden Protagonisten vergehen muss. Auffällig ist, dass der Erzähler keinerlei Wertung Thomas‘ Entscheidung vornimmt. Vollkommen neutral und wie gewohnt detailreich und ausschweifend beschreibt Stamm die Umgebung der Geschehnisse, als hätte er jeden seiner Schauplätze selbst besucht und über Stunden beobachtet – ganz im Gegensatz zu den wenigen Momenten der Innensicht seiner Figuren, die er uns gewährt.

Stamm lässt uns mit Thomas über die Weiten der Schweizer Hügellandschaft blicken und die Freiheit spüren – fern von jeder Erreichbarkeit, ohne Wlan, ohne Whatsapp, weit ab von jeder Verpflichtung. Es ist dieses Gefühl, die Sehnsucht nach dieser Unabhängigkeit, die uns den flüchtigen Ehemann nicht verurteilen lässt. Denn wer wünscht sich nicht manchmal, spontan in den Urlaub zu fahren und am Strand zu liegen, statt ins Büro, oder in die Schule zu gehen, Klausuren zu schreiben? Wer hat sich nicht schon erschlagen gefühlt von den zahlreichen privaten und beruflichen Verpflichtungen, und sich manchmal gewünscht, davonzulaufen, anstatt sich mit alledem auseinandersetzen zu müssen? Manchmal wissen wir nicht, wo wir beginnen sollen. Und manchmal, wenn gerade eigentlich alles rund läuft, reicht uns unser Alltag einfach nicht, wollen wir Abwechslung von den immer gleichen Abläufen. Stamms Thomas kennt dieses Gefühl nur zu gut: „Auch er war Teil dieses stillen Übereinkommens gewesen, hatte funktioniert, wie es von ihm erwartet worden war, ohne dass dies jemals ausgesprochen worden wäre.“ (S.72) Alles läuft seinen Gang und natürlich gibt es weitaus schlechtere Schicksale. Und doch reicht ihm sein friedliches Familienleben nicht, sein Job, sein wöchentliches Volleyballspielen. Die allgegenwärtige Frage scheint zu lauten: Ist da noch mehr?

Sicherheitsnetze

Im Durchspielen dieses „Ich bin dann mal weg“- Szenarios erweist sich Peter Stamm wieder einmal als brillanter Beobachter und schonungsloser Menschenkenner, der nie das Bedürfnis hat, über das Ungewöhnliche zu schreiben, sondern stattdessen das ganz normale Leben seziert, mit allen Sehnsüchten und geheimen Wünschen, in denen seine Leser sich oft widerwillig selbst erkennen. Sein neuestes Werk erfordert trotz des anfangs langsamen Erzähltempos die volle Aufmerksamkeit des Lesers, um die zahlreichen stilistischen Tricks zu bemerken. Es ist ein Roman, der mit Möglichkeiten spielt, der unvermittelt vom Konjunktiv ins Präsens springt und die zuvor nur erdachte Handlung des Protagonisten geschehen lässt. Während die Erzählung im Laufe des Romans an Tempo gewinnt, die Beschreibungen weniger detailreich werden, die Zeitsprünge größer, schöpft Stamm die Möglichkeiten seiner Handlung weit über die üblichen Grenzen aus und lässt dem Leser selbst die Entscheidung, welcher Variante er Glauben schenken möchte. „Für mich ist der Inhalt vor allem das Transportmittel für die Form.“, erklärt Stamm seinen außergewöhnlichen Stil.

Wohin Thomas‘ Reise letztlich führt, soll an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden. Doch das ist entgegen der anfänglichen Erwartung auch nicht die Essenz des Romans. „Weit über das Land“ bietet mehr, als die ersten der groß bedruckten 224 Seiten vermuten lassen – zumindest, wenn man bereit ist, statt mit einem glatten Ende mit einer Menge offener Fragen zurückgelassen zu werden. Doch ein glattes Ende braucht diese ambivalente Thematik auch nicht. Gerade die Neutralität und das reine Andeuten von Möglichkeiten sind es, auf deren Basis die romaninterne Welt Stamms funktioniert. Es ist mehr als eine Geschichte vom Auswandern, von einem Familienvater auf der Flucht vor der Verantwortung, oder einer gescheiterten Ehe. Wie jede von Stamms Erzählungen ist auch diese eine Geschichte über Menschen und die Schwächen der Menschlichkeit. Über die Sicherheitsnetze, die wir uns selbst knüpfen und über den manchmal egoistischen Mut, sie abzustreifen, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Oder, wie Thomas sich erinnert: „Ein Gebäude, hatte er irgendwo gelesen, sei erst fertig, wenn es zur Ruine zerfallen sei. Vielleicht galt dasselbe für Menschen.“ (S. 73)

Peter Stamm, geboren 1963 in Scherzingen im Kanton Thurgau, studierte nach einer kaufmännischen Ausbildung einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie. Seit 1990 ist es als freier Autor und Journalist tätig. Sein Debutroman „Agnes“ (1998) dient mittlerweile als Schullektüre, die gleichnamige Verfilmung feierte diesen Juni Premiere. Es folgten fünf weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken, sowie unter dem Titel „Die Vertreibung aus dem Paradies“ seine Bamberger Poetikvorlesungen. Er lebt in Winterthur und hält regelmäßig Lesungen in Deutschland und in der Schweiz.


Peter Stamm
Weit über das Land
Roman

224 Seiten, gebunden
S. FISCHER, Frankfurt 2016
ISBN 978-3-10-002227-1

Eine Leseprobe und weitere Infos gibt es hier.

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