Von Katja Schettler

Urban Prayers von Björn Bicker

Foto: Füssenich

Urbanität verbindet der westlich geprägte Europäer in der Regel mit säkularen Lebensentwürfen. Religiöses Leben scheint aus dieser Perspektive in Widerspruch zu einem urbanen Leben zu stehen. Christliche Kirchen bestimmen zwar immer noch das Stadtbild vieler Großstädte, doch immer mehr Kirchen bleiben am Sonntag leer. Eine Konsequenz ist – wenn nicht Abriss – die Umfunktionierung zu säkularen Räumen. Der Autor, Künstler und Dramaturg Björn Bicker schreibt in „Was glaubt ihr denn. Urban prayers“ über sich, dass er das gewöhnliche, säkulare Leben eines christlich geprägten Westdeutschen gelebt habe. Christlich sozialisiert bricht er sein Studium der evangelischen Theologie ab, weil ihm seine Kommilitonen zu fromm sind. Sein Verhältnis zum Glauben positioniert er im Zweifel. Über den Glauben zu sprechen, ohne weltfremd oder altmodisch zu wirken, schien ihm unmöglich.

Der 11. September 2001 markiert eine Zäsur in der Weltgemeinschaft. Das Religiöse bricht in Gestalt des Terrors massiv in die westliche Welt ein. Religion begegnet hier im Fundamentalismus und wird in der Hauptsache mit dem Islam konnotiert. Die Annahme, Religion werde zunehmend unwichtig in einer säkularen, von Wissenschaft und Technik bestimmten Welt, kann spätestens seit dieser Anschläge und der Debatte um das Gewaltpotenzial von Religionen nicht mehr aufrechterhalten werden.

Doch die „Rückkehr der Religion“ kann und darf nicht auf Gewalt reduziert werden. Dies führt zu einer Verknappung gesellschaftlicher Realität, die von Vielfalt und eben auch religiöser Vielfalt geprägt ist. Jürgen Habermas bringt 2001 den nicht unumstrittenen Begriff der postsäkularen Gesellschaft in die öffentliche Debatte. Die Religiosität unserer neuen Nachbarn konfrontiert uns mit unserer eigenen (nicht-)religiösen Sozialisation und (Nicht-)Religiosität. Menschen, die ihre Heimat aus unterschiedlichen Gründen verlassen mussten, bringen ihre Religion mit und leben diese. Religion wird im öffentlichen Raum präsent und trifft auf urbane Lebensformen.

2013 kommt das Theaterprojekt „Urban Prayers“ auf die Bühne der Münchner Kammerspiele. Björn Bicker hat religiöse Orte in der Stadt aufgesucht, hat mit Menschen unterschiedlicher Konfession und Glaubensrichtung gesprochen, hat ihre Stimmen aufgenommen und zu einem Text-, zu einem Klangteppich verwoben. 2016 erscheint das Theaterprojekt im Kunstmann-Verlag als poetischer Text. Ein Chor der gläubigen Bürger und einzelne Bürger und Bürgerinnen begegnen uns, stellen Fragen und erzählen uns ihre Geschichte(n). „Was glaubt ihr denn. Urban Prayers“ zeigt, dass wir, dass Deutschland eine neue Erzählung braucht – eine neue Erzählung als Zuwanderungsgesellschaft, in der Religionen und Religiosität ein Teil der Identität(en) ausmacht. Am 10. November kommt Björn Bicker nach Wuppertal in die CityKirche in Elberfeld. Björn Bicker, Marco Wohlwend und Silvia Munzón López lesen aus „Was glaubt ihr denn“; Thilo Guschas, Journalist und Islamwissenschaftler, moderiert die Lesung und das Gespräch mit Björn Bicker. Im Herbst 2015 hat Thilo Guschas Flüchtlingsunterkünfte aufgesucht und Geflüchteten genau die Frage gestellt, die auch Björn Bicker in die Stadt hineingefragt hat: Was glaubt ihr denn? Neue Stimmen und Geschichten kommen hinzu. Religiöse Vielfalt ist urbane Realität.

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