Von Sebastian Schulz

Die Aufarbeitung läuft

Sowohl die Nürnberger Prozesse als auch die Nachfolgeprozesse sind eine tiefe Auseinandersetzung mit einem verbrecherischen Teil der deutschen Vergangenheit. Doch die tatsächliche Aufarbeitung gerade in der Justiz ist noch eher jung. Professor Dr. Norbert Frei von der Universität Jena legte im Zuge einer Veranstaltungsreihe zu den Nürnberger Prozessen in Wuppertal eine umfangreiche Übersicht über Daten und Ergebnisse der Prozesse vor.

Die rechtliche Grundlage und der Umgang mit den politischen Vertretern Nazi-Deutschlands war vor allem vor einem internationalen Strafgericht ein Novum. Tatsächlich sprach Norbert Frei sogar von einem „sozialwissenschaftlichen Experiment“, das die Siegermächte faktisch vornahmen.

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Die Reaktionen und Beurteilungen der Prozesse durch die deutsche Bevölkerung seien jedoch höchst wechselhaft gewesen, betont der Historiker. In Zahlen, die durch alliierte Befragungen in den Besatzungszonen vorgenommen worden, ergaben sich Schwankungen im Meinungsbild. Trotz des bis dahin ungekannten Ausmaßes der medialen Berichterstattung wechselte der Bestandteil von Befürwortern der Prozesse zwischen 1945/46 und 1950 von 78% auf 38%. Zunehmend schien die Bevölkerung zu Beginn der 1950er-Jahre eine Weiterführung der Prozesse in Frage zu stellen. Seit dem Frühjahr 1949 bildeten sich sogar Juristenkreise, die sich zunehmend für Begnadigungen einiger Funktionäre aussprachen. Ihre Begründung lag dabei oft bei den zunehmenden Verlagerungen der Nachfolgeprozesse in die einzelnen Besatzungszonen und einem daraus folgendem Mangel an einem Informationsaustausch. Schon 1948 warfen vermeintlich unkompromittierte Vertreter der Kirchen den Alliierten eine justizielle Willkür vor. Dabei verloren sich Anschuldigungen oft in Einzelaspekte, die zum Beispiel die Sowjetunion als Ankläger in Frage stellen sollten. Hinzu kam, dass der Entschluss der Alliierten, aus Deutschland erneut eine Industrienation zu gestalten, einen kompletten Austausch von Fachkräften in Verwaltung und Justiz ausschloss. Die oft erwähnte Entnazifizierung Deutschlands wurde somit dem Pragmatismus eines staatlichen Aufbaus untergeordnet.

Insbesondere in der Justiz sieht Norbert Frei eine Grundlage für die wechselhafte Beurteilung der Nürnberger Prozesse. Denn eine Integration von Funktionären des dritten Reiches in hohe Positionen im Beamtentum und der Justiz hatte laut Norbert Frei oft einen „politischsozialisierenden“ Effekt. Selbst nachfolgende Generationen waren der Rechtsauslegung dieser eingesetzten Kandidaten ausgeliefert. Die Idee und die Intention der Nürnberger Prozesse konnten ihre Wirkung demnach erst im Zuge von mehreren Generationswechseln entwickeln.

Eine wirkliche Aufarbeitung der Nürnberger Prozesse scheint laut der historischen Forschung vor allem in den 1990er-Jahren begonnen zu haben. Bei der Betrachtung der Entwicklung vor allem im Vorfeld und während der Gründung der Bundesrepublik muss die Rolle von hohen Funktionären in Justiz und Politik nach wie vor neu betrachtet werden.

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Veranstaltungsreihe der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk Wuppertal/Solingen/Remscheid, der Bergischen Volkshochschule und Arbeit & Leben Berg-Mark. Gefördert von Landeszentrale für politische Bildung NRW.

Das gesamte Programm der Veranstaltungsreihe „GESCHICHTE VOR GERICHT“ finden Sie unter www. alte-synagoge-wuppertal.de.

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