Von Sebastian Schulz

„Es ist eine schöne Sprache“, sagte Tomer Gardi nach der Lesung seines Buches „broken german“ im Luisenviertel. Der in einem Kibbuz in Galiläa geborene Autor spricht hier allerdings nicht etwa von derjenigen deutschen Sprache, die im Unterricht gelehrt wird. Sondern ihn fasziniert jene deutsche Sprache, die im persönlichen Kontakt und mit vielen lingualen Einflüssen entsteht; und Tomer Gardi weiß, wovon er da spricht. Denn Deutsch war auch für ihn eine Sprache, die ihm nicht etwa ein Lehrer beibrachte, sondern die Gespräche auf der Straße oder die persönlichen Kontakte. Selbst als er mit seiner Familie für drei Jahre in Wien lebte und später in Berlin, war für ihn die deutsche Sprache immer eine „oral gelernte Sprache“. Deswegen verwundert es nicht, dass sein Buch „broken german“ diese Form der Sprache aufgreift.

Es ein Deutsch, das als Zweitsprache in einem neuen Lebensverhältnis aufgegriffen wurde. Die Konjugationen stimmen nicht, viele Artikel passen nicht zu verwendeten Nomen und doch weiß jeder Leser und Zuhörer, worum es geht. Wie Tomer Gardi dazu kam, ein derartiges Buch wie „broken german“ zu schreiben, scheint jedoch ein Geheimnis zu sein.

Im Buch selbst findet sich eine Vielzahl von Charakteren und Situationen. Von Radili, der Erfahrungen in der Konfrontation mit dem Deutsch von Skinheads und dem von ihm gesprochenen Deutsch sammelt bis hin zum Autor selbst, der sich in das Buch einbindet. Und trotz des Formats eines Romans zielt Tomer Gardi vor allem auf die Sprache im Buch ab. Tatsächlich sind nicht nur Dialoge innerhalb des Buches dem Titel „broken german“ nachempfunden, sondern das ganze Buch ist in diesem „oralen Deutsch“ verfasst.

In der Literaturszene löste das Werk eine gemischte Reaktion aus, wie vor allem im Zuge der Lesung beim Ingeborg Bachmann-Preis zu erkennen war. Dabei verfehlt aus Sicht von Tomer Gardi die hauptsächliche Kritik an der fehlenden Grammatik und Rechtschreibung die eigentliche Aussage.

Tomer Gardi selbst gibt seinen geschriebenen Worten in der nachträglichen Betrachtung noch einen ganz eigenen Charakter. Denn es ist seine Sprache oder sein gelerntes Deutsch. Für das hochdeutsche Ohr zunächst eine Umgewöhnung entpuppt sich das Gesamtwerk von „broken german“ als tragi-komische Querschnitt von Erfahrungen mit der deutschen Sprache und dem Umgang mit der neuen Lebensumgebung. Aus der Sicht des israelischen Autors scheint die Schönheit eines derartig gebrochenen Deutsch darin zu liegen, dass selbst die Gebrochenheit nicht über der Schönheit der Kommunikation stehen kann.

Die Lesung von Tomer Gardis Werk „broken german“ war eine Veranstaltung des Katholischen Bildungswerkes Wuppertal/Solingen/Remscheid in Kooperation mit der Buchhandlung Mackensen sowie der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und reiht sich in die Vortrags- und Lesereihe „Über die Welt und Gott“ des Bildungswerkes ein. Am 18. Mai 2017 wird die Reihe fortgesetzt: Fridolin Schley liest aus seinem Roman „Die Ungesichter“ (Allitera Verlag 2016); die Lesung moderiert David J. Becher.

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