Von Katia Marcucci

Was heißt hier heldenhaft?

Foto: Gregor Eisenmann

Jeder kennt und liebt sie. Sie haben unfassbare Kräfte, retten Menschen und sorgen, mit ihrer Tapferkeit und Nächstenliebe, für den Glauben an die Gerechtigkeit. Silvia Munzón López und Marco Wohlwend greifen in ihrer Lesung „Heldenhaft angerührt“, im alten Bahnhofswartesaal Mirke, des heutigen Kunst- und Kulturbrennpunktes Utopiastadt, die Eigenschaften der Superhelden auf und zeigen anhand einiger Texte und Geschichten, wie auch ganz normale Menschen zu Heldentaten in der Lage sind.

Der Saal wirkt altmodisch im Vintagestil und ist gut gefüllt. Alle dort aufgestellten Stühle sind besetzt. Nebenan befindet sich das kulturelle und ebenfalls altmodische Café „Hutmacher“, wo man sich mit einer leckeren warmen Schokolade, einem Kaffee und anderen Warm- und Kaltgetränke versorgen kann. Somit ist auch für das leibliche Wohl gesorgt. In der Mitte des Raumes befindet sich ein Kasten aus Holzbalken, auf denen leinwandähnliche Stoffe gespannt sind. Dieser soll der filmischen Untermalung Gregor Eisenmanns dienen. Die Atmosphäre ist zunächst etwas kühl, doch dies ändert sich abrupt, als die Schauspieler den Kasten betreten und die Lichter ausgeschaltet werden. Marco Wohlwend zündet ein Streichholz an und beginnt vorzulesen.

Dabei erwähnt er das in jedem Menschen steckende Heldenpotenzial. Es steckt überall, in unserem Mut, unserer Regung, in bestimmten Taten und Äußerungen. Es kommt darauf an, eben dieses Potenzial zu entfalten, seiner Bestimmung zu folgen.

„Nicht jeder bekommt eine gute Chance vom Leben, aber das Leben ist doch eine gute Chance.“ Wir können durch diese Chance einen neuen Weg einschlagen, indem wir unseren ganzen Mut packen und selbst dafür sorgen, unser Potenzial zu erwecken. Jede tägliche gute Tat, ist eine Heldentat. Wichtig dabei ist, dass man sich und anderen Treu bleibt. Denn Treue, das macht einen wahren Helden aus.

Doch was zeichnet einen Helden sonst aus? Zum einen die physische Kraft, die körperliche Stärke. Die meisten Helden haben Muskeln, wie auch Odysseus. Zudem ist er mit mentaler Kraft und dementsprechend mit einer hohen Intelligenz ausgestattet. Er ist treu und sehr tapfer, beweist immer wieder Courage und hat, zu guter Letzt, einen Draht zum Göttlichen. Doch Helden brauchen auch eine Schwachstelle, denn das unterscheidet sie von einem göttlichen Wesen und macht sie menschlich, trotz eventueller Unverwundbarkeit. Man stelle sich dabei die altbekannte Achillesverse Achills vor.

Nun beginnt Eisenmann mit seiner Videokunst. Helle farbige Punkte leuchten auf dem Kasten und das Streichholz erlischt. Über die ganze Lesung wechseln die Bilder, Punkte verwandeln sich in Glühbirnen, die wiederrum zu Wassertropfen werden. Schriften werden eingeblendet, Gesichter von Menschen und verschiedene andere bildliche Eindrücke sind zu sehen.

Nach einer längeren Pause beginnt Silvia Munzón López mit einem Alptraum des Glücks. Die Aussage eines im Traum erschienen Mannes lautet „in der Tat liegt die Freiheit.“ Das Wirkliche muss tapfer ergriffen werden, statt im Möglichen zu schweben. Die Figur, die sie lesend spielt, weiß jedoch nicht, wie sie das Ganze in die Tat umsetzen soll. Ein Problem, was mit Sicherheit jedermann bekannt ist. Wie oft werden Chancen nicht ergriffen, wenn uns der Mut fehlt? Denn die Angst ein Risiko einzugehen und sich aus der sicheren Umarmung der Gewohnheit zu lösen, ist viel zu groß. Und eben das soll diese kurze Passage verdeutlichen. Nach dieser Aussage schweigt die Menge im Saal. Ein allzu bekanntes Phänomen, schweigende Zustimmung.

Wohlwend unterbricht diese Stille jedoch und erzählt über einen Mann, der leise aus dem Schlafzimmer schleicht, um, ironischerweise, seine nicht weckbare Frau und die Katze nicht zu wecken. Das Ganze entlarvt sich als „ein Schauspiel für sich selbst.“ Denn dieser Mann ist nicht der Mann, der er sein möchte und das wird er auch nicht mehr. Das Ganze klingt eher deprimierend, als heldenhaft, zudem findet sich wieder der Bezug zur vorherigen Passage. Der Mann wird vom Gedanken gequält, dass sein Leben nicht mehr wird, wie er es sich wünscht. Dabei liegt die Kraft, um etwas zu verändern, in seinem Mut, den er offenbar nicht zu finden vermag.

Doch die Schauspieler beweisen mit einer anderen Geschichte, was der eigene Wille und gute Taten bewirken können. „Alle haben Superhelden verdient.“, sagt Wohlwend mit ruhiger Stimme. Vor allem alle 7-Jährigen, und wer das anders sieht „ist ein wenig blöd im Kopf“ vollendet López die Aussage. Durch den Saal ertönt ein zustimmendes kichern.

Es geht um die 7-Jährige Elsa, die nicht gut darin ist, sieben zu sein. Sie weiß, dass sie anders ist. Um mit Gleichaltrigen zurechtzukommen, muss sie sich anpassen. Erwachsene bezeichnen sie als „alt für ihr Alter“, meinen damit jedoch „vorlaut“. Sie ist aber eben nicht so „doof“ wie andere 7-Jährige, deshalb hat sie auch keine Freunde, außer ihrer Oma.

Bereits hier erkennen wir eine Superheldin, denn Oma behauptet, dass es gut sei, dass Elsa anders ist. Alle Superhelden sind anders. Wären Superkräfte normal, hätte sie ja jeder. Oma ist 77, fast 78 und, wie Elsa, ebenfalls nicht gut darin. Sie macht viel Unsinn, wie z.B. im Krankenhaus zu rauchen, Polizisten mit Exkrementen zu bewerfen oder andere Leute durch Streiche und Scherze zu verunsichern. Doch auch sie entpuppt sich als Heldin, denn sie war Ärztin, die vielen Menschen das Leben rettete und das an Orten, an denen sonst keiner hinkam. Neben dieser Superkraft besaß sie noch die Kraft, Leute in den Wahnsinn zu treiben. Sie ist eben eine dysfunktionale Heldin. Sie funktioniert zwar, jedoch nicht, wie es gedacht war. Immer wieder höre ich mich und die Leute im Saal lachen. Die Menschen lauschen gespannt und fühlen sich mit diesen beiden Protagonisten verbunden.

Elsa und ihre Oma landen bei der Polizeiwache, da die Oma in den Tierpark eingebrochen ist und den Polizisten beworfen hat. Zudem diskutiert sie fabelhaft mit ihrer Enkelin, die beinahe älter wirkt als sie. Zwischen sarkastischen Sprüchen der Oma und der zahlreichen unsinnigen Taten verbirgt sich doch tatsächlich eine wahre Superheldin, denn Ziel ihrer Missetaten war, das Gemüt ihrer einzigen Enkelin, die am selbigen Tag von älteren Mädchen gemobbt wurde. Sie sollte diesen Tag positiv in Erinnerung behalten. „Wenn man dat schlechte nicht wegkriegt, muss man viel jutes drüberkippen.“, sagt die Oma dazu. Und da wären wir bei den guten Taten. Jede gute Tat ist eine Heldentat. Die Superkraft ihrer Oma liegt in der Fähigkeit, Erinnerungen zu verändern. Die zuvor belustigte Stimmung bekommt einen sentimentalen Touch. Mit dem bereits zum Beginn erwähnten Satz „Alle Siebenjährigen haben Superhelden verdient, und wer etwas Anderes denkt, ist ein bisschen blöd im Kopf“ beendet die Schauspielerin, mit ruhiger Stimme, vorerst, die Geschichte, woraufhin das Publikum klatscht.

Das genaue Gegenteil des vorher rührenden Textes findet durch Silvia Munzón López seinen Weg durch die Zuhörer. In der nächsten Passage geht es um tiefsitzende Unzufriedenheit. Die Protagonistin findet keinen Sinn in ihrem Alltag. Um einen Sinn zu finden, wünscht sie sich Krieg. Denn Krieg kannte sie aus ihrer Kindheit, in der die Mutter sie und ihre kleine Schwester mit ständigen Beschimpfungen bedachte, während sie nichts Anderes tat, als zu arbeiten und zu putzen. Kochen mussten die Kinder jedoch selbst. Sie war überfordert und „bedürftig“, ertönt die Stimme der Schauspielerin missbilligend. Die Protagonistin hat für sich den Auftrag, ihre kleine Schwester zu beschützen, über sie zu wachen, da es keiner, nicht einmal Gott, tat. Dieser negativen Situation verliehen die Kinder eine gewisse bittere Ironie, indem sie, die für sie fremde Frau, als Putzschimpferin betitelten, und ein Spiel daraus machten. Auch hier wird etwas Heldenhaftes deutlich: Die Fähigkeit, einer solchen Negativität, durch ein Spiel etwas Positives zu verleihen.

Nach einem längeren Moment der Stille, greift Wohlwend erneut die Geschichte von Elsa und ihrer Oma auf. Diesmal wird auch die Superkraft der Mama von Elsa erwähnt. Denn im Gegensatz zur „Putzschimpferin“ schrie Elsas Mutter nicht, sie behielt die Kontrolle.

Wieder wird die größte Superheldin dieser Geschichte erwähnt: Die Oma. Mit fröhlicher Stimme erzählt der Schauspieler, welche tollen Ideen sie hat. Z.B. nahm sie der kleinen Elsa die Angst vor dem Einschlafen, indem sie sich das geheime Königreich „Miamas“ ausdachte, in der Elsa ein mutiger Ritter ist. Ein Ort, an dem sie sich zurückziehen konnte, wo sie als Mädchen eine Heldin sein durfte, die niemand mobbte. Doch die Geschichte findet ein trauriges Ende, denn die Oma ist nicht mehr da. Nun wird deutlich, dass es sich bei der Geschichte um Erinnerung an die Oma, einer wahren Superheldin, handelt. „Alle Siebenjährigen haben Superhelden verdient, und wer etwas Anderes denkt, ist ein bisschen blöd im Kopf“ beendet er erneut, diesmal jedoch endgültig die Geschichte. Die Zuhörer klatschen, noch herzlicher als zuvor.

Die Bilder auf den Leinwänden verändern sich und es erscheinen Bäume und verschiedene Szenen, die nicht genau auszumachen sind. Nun geht es um die fiktive Geschichte des ARD aus dem Jahr 2013. Lars Koch, der, aus eigenem Ermessen, eine Flugmaschine, mit 164 Passagieren abschoss, um ein, mit 70.000 Menschen gefülltes Stadion, vor einem terroristischen Anschlag zu retten. Nun stellt sich die Frage, ob es moralisch richtig sei, über Leben und Tod zu entscheiden. Abwechselnd schlüpfen die Schauspieler in die Rollen der verschiedenen Zeugen, die gegen und für Koch aussagen. Die Hinterbliebenen der Toten aus dem Flugzeug klagen ihn an. Für sie ist er ein Mörder, Schuld an der Zerstörung mehrerer Familien. Wieder verändern sich die Bilder auf den Leinwänden. Die untere Gesichtspartie eines sprechenden Mannes ist zu sehen. Lars Koch beharrt darauf, das Richtige getan zu haben, denn alles sprach dafür, dass die Maschine in das Stadion gestürzt wäre. Er nutzte seinen gesunden Menschenverstand und opferte 164 Leben um 70.000 zu retten. Doch ist es richtig, das Prinzip der Menschenwürde über Menschenleben zu stellen? Wäre es richtig gewesen, 70.000 Menschen, aufgrund moralischer Vorstellungen, sterben zu lassen? Silvia Munzón López schlüpft in die Rolle einer Zeugin, deren Familie dadurch gerettet wurde. Der Mann hat Verantwortung übernommen und richtig gehandelt. Würde nicht jeder so handeln? Sie bezeichnet Koch als guten Menschen und als Helden ihr Familie. Damit beenden Silvia Munzón López und Marco Wohlwend diese Geschichte und hinterlassen eine nachdenkliche Stille.

In uns allen steckt ein Held, der nur darauf wartet, seine Energie freizusetzen. Wir müssen nur den Mut und die Kraft aufbringen, zu sehen, was in uns steckt. Dabei geht es nicht darum, alles perfekt zu können, es geht auch nicht um unmenschliche Superkräfte, das sehen wir an Elsa und ihrer Oma. Denn ein Held zu sein bedeutet nicht, alles richtig zu machen, sondern negative Umstände zu ändern, sei es für uns selbst oder auch für andere Lebewesen. Denn das führt dazu, dass wir uns selbst mehr schätzen.

Please follow and like us: