Von Katja schettler

Zum 75. Todestag von Stefan Zweig

Foto: Olaf Schettler

Stefan Zweig war Kosmopolit und überzeugter Europäer. Geboren 1881 in Wien zählt er zu der Generation, die in einem Leben mehrfach radikale Umbrüche erfährt – oder wie Stefan Zweig in »Die Welt von gestern« formuliert: »vulkanische Erschütterungen« prägten sein Leben. Einer dieser Umbrüche und Erschütterungen ist der Verlust der Heimat, der Heimat in der deutschen Sprache und der europäischen Kultur. Dieser Verlust ist für ihn unwiderruflich. 1942 scheidet er gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte im Exil in Brasilien aus dem Leben.

Die Lektüre von »Die Welt von gestern« im Jahr 2017 berührt und ergreift zutiefst. Stefan Zweig bildet in seinem autobiographischen Essay eine Haltung zum beginnenden 20. Jahrhundert ab, die Parallelen und Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart bietet. Stefan Zweig war ein überzeugter Europäer, er übersetzte englisch- und französischsprachige Literatur ins Deutsche und zählte wiederum in den 1920er Jahren zu den meist übersetzten deutschsprachigen Autoren. Seine Novellen (»Der Amokläufer« (1922), »Sternstunden der Menschheit« (1927), »Schachnovelle« (posthum 1942)) und Biografien (»Joseph Fouché« (1929), »Maria Stuart« (1935), »Magellan« (1938)) erlangten Weltruhm und machten Zweig zu einem international geschätzten Literaten.

Heimat war für Zweig nicht national einzugrenzen, sondern europäisch zu denken – zu seinen Freunden und Gesprächspartnern zählten bedeutende Europäer wie Romain Roland, Max Reger, Walther Rathenau, Theodor Herzl, Emile Verhaeren, Berta von Suttner, Rainer Maria Rilke, Martin Buber, Samuel Fischer, Sigmund Freud, Maxim Gorki, Ludwig Marcuse. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 markierte für ihn das endgültige Ende einer Epoche, die ihn zu einem Weltenbürger machte – und das Ende Europas, das Ende der Idee einer »friedlichen Vereinigung Europas«. »Und ich wusste: abermals war alles Vergangene vorüber, alles Geleistete zunichte – Europa, unsere Heimat, für die wir gelebt, weit über unser eigenes Leben hinaus zerstört. Etwas anderes, eine neue Zeit begann«.

Die Erfahrung zweier Weltkriege und die Erfahrung des Exils lassen Stefan Zweig in einer Radikalität von einer »Welt des Gestern« sprechen. In seinem Rückblick wurde die »europäische Idee« – zu Beginn des Jahrhunderts von der jüngeren Generation in Europa voll Optimismus und Enthusiasmus getragen – zu leichtfertig als gegeben angesehen: Man hatte sich komfortabel eingerichtet und glaubte genug zu tun, wenn man europäisch dachte. Stefan Zweig geht im Exil hart ins Gericht mit seiner Generation und versucht zugleich Antworten für ihr Versagen zu finden: »[…] dieser vertrauensselige Glaube an die Vernunft, dass sie den Irrwitz in letzter Stunde verhindern würde, war zugleich unsere einzige Schuld. […] Unser gemeinsamer Idealismus, unser im Fortschritt bedingter Optimismus ließ uns die gemeinsame Gefahr verkennen und verachten.«

Die Lebenssituation von Stefan Zweig während der Niederschrift von »Die Welt von gestern« ist sicher nicht zu vergleichen mit der Lebenssituation des Hauptteils vieler Europäer und Europäerinnen unserer Zeit. Doch die Lektüre lässt aufmerken, wenn Stefan Zweig vom erstarkenden Nationalismus schreibt, von der zunehmenden Unübersichtlichkeit von Welt, von der Schnelligkeit des Informiertseins und der Verantwortung, die sich aus diesem Informiertsein ergibt. Gerade Stefan Zweigs enthusiastisches Plädoyer für Europa und seine tiefe Verzweiflung über das Scheitern der europäischen demokratischen Kräfte kann den Blick auf unsere Haltung zu Europa lenken. Wie verhalten wir uns im Wahljahr 2017 angesichts zunehmenden Rechtspopulismus und Europa-Skeptizismus? Wie nehmen wir unsere demokratischen Rechte und Pflichten wahr? Wie ermöglichen wir politische Partizipation – auch für Menschen, die Zuflucht in Europa suchen?

Stefan Zweig sieht sich im Exil als Heimatloser – Heimat nirgendwo. Die Erinnerung an ihn und das Gedenken seines 75. Todestags kann für uns Anlass sein, uns unserer Heimat Europas zu vergewissern, nicht nur im Denken, sondern konkret im Handeln. Die seit Februar 2017 in europäischen Städten sonntags stattfindenden Kundgebungen »Pulse of Europa« können ein Ausdruck hiervon sein.

Thomas Braus (Lesung) und Jochen Bauer (Gesang) erinnern am 2. April um 17:00 Uhr im Katholischen Stadthaus an Stefan Zweig und geben in Auszügen dieser »Welt von gestern« in unserer Gegenwart eine Stimme.

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