Von Nadine Wichmann

Tomer Gardi und sein Roman Broken German

Da sitzt er, Tomer Gardi, in seinem schwarzen Blouson mit Tiger-Print, mit seinem wilden Haar, dem Bart und seinem breiten Lachen. Nur etwa 30 Leute haben sich in der Buchhandlung v. Mackensen eingefunden, um die Lesung des Romans Broken German zu erleben. Moderiert wird der Abend von Prof. Dr. Matei Chihaia der Universität Wuppertal. Er eröffnet ihn mit der Ankündigung, dass dieser Abend dazu da sei, um das Buch UND den Autor kennenzulernen.

So richtig klappt das letzten Endes aber noch nicht.

Das Buch, ein experimenteller Roman, oder vielmehr eine Sammlung von Kurzgeschichten, die miteinander verknüpft sind, ist ein Krisenroman. Es geht um den jungen Immigranten Radili, um seinen Kampf um Akzeptanz in einem Land, dessen Sprache er nicht perfekt beherrscht, was ihn unumgänglich immer als Fremden kennzeichnet. Gleichzeitig ist dieser Roman Popliteratur und avantgardistisch – ein unzuverlässiger Erzähler lässt uns in extrem gebrochenem Deutsch an seinem Leben teilhaben. Fehlerhafte Grammatik und sprachliche Missverständnisse machen die Sprache von Radili, seinen Kumpels und seiner Familie aus.

Noch nie war gebrochenes Deutsch so melodiös

Und Tomer Gardi schafft es, diese Sprache unglaublich lebendig darzustellen, wenn er liest. Seine Art des Vortragens ist melodiös, er gestikuliert viel und lässt seine Mimik Radilis Gefühle widerspiegeln. Wahrscheinlich macht Gardi es uns damit auch leichter, den Text zu verstehen, gesprochen klingen die Sätze ganz normal, wie man sie eben auch in der Innenstadt hören kann oder von Freunden, welche die deutsche (und komplizierte) Grammatik noch nicht zu einhundert Prozent gemeistert haben. So ungewohnt es auch ist, Gardis Sprache zu lesen, so einfach und angenehm ist es, seinen gesprochenen Worten zu folgen.

Wie ein Dirigent schwingt er die Hände und Arme, hält inne, verstummt, das Publikum weiß gar nicht, ob das Kapitel zu Ende ist oder er nur eine kunstvolle Pause einlegt. Meistens ist es nur eine Pause, die Gardi aber auskostet; er scheint die Stille, die Abwesenheit der Sprache, sichtlich zu genießen. Er lächelt unentwegt, warm, freundlich und offen, man merkt richtig, dass er ganz in seinem Element ist und im Vorlesen völlig aufblüht.

Ich persönlich habe dadurch eigentlich genau so viel Spaß wie Tomer Gardi selbst; er ist zufrieden, ich bin zufrieden, eine gelungene Lesung also. Ich schließe des öfteren einfach die Augen und lasse mich von Gardis Stimme, von seinem Gesang, treiben. Das führt dazu, dass mich seine Schilderung eines Skinhead-Angriffs auf Radili wirklich betroffen macht. Seine Stimme und Intonation transportieren die Traurigkeit und Angst des Hauptcharakters auf eine sehr natürliche Weise.

„Sprache dient dazu, den anderen zu identifizieren,“ sagt Gardi. Seine Inspiration dafür fand er in der Bibel, wie er erklärt, genauer gesagt in einer Geschichte, in der zwei Stämme über den Jordan gehen müssen und dort auf Grund ihrer Aussprache eines bestimmten Wortes identifiziert und getrennt werden.

Deshalb schreibt er über sprachliche Missverständnisse, die manchmal komisch, manchmal tragisch sind, manchmal auch beides gleichzeitig. Es ist ein Buch, das uns zum Nachdenken anregt über Sprache und Kommunikation.

Gardi spielt auch mit der Sprache, er schreibt Sätze wie „Ich leere mich wie einen Umzugskarton“ oder „Ich werfe es dir vor, ich werfe es dir nach“. Er mag vielleicht nicht Herr über die Grammatik sein, Genusfehler einbauen, falsche Endungen an die Wörter anhängen, aber Tomer Gardi schafft es, hinter die fremde Sprache zu blicken, Dinge zu sehen, die deutschen Muttersprachlern vielleicht gar nicht auffallen, eigene Wortspiele zu entwickeln, ohne die Sprache perfekt sprechen zu können. Das ist eine großartige Leistung.

Der Text als Raum und Gardi als Sprachphilosoph

Für den Autor ist der Roman „der Versuch von Kontrollverlust“: Sprache lässt sich nicht kontrollieren, er selbst hat „keine Sprachherrschaft“, zumindest nicht über die deutsche Sprache. Gardi möchte uns zeigen, was diese Abgabe von Kontrolle mit dem Text macht, was für eine Art Text dann entstehen kann, wenn das Buch zum Raum wird. Die Rolle des Lesers ist für ihn äußerst wichtig. Broken German ist „wirklich groß und frei“, erklärt er, da er selbst es genau so gestaltet hat. Gerade deshalb kommen immer wieder Leser auf ihn zu, heute in der Buchhandlung und auch in den vergangenen Monaten, und finden Dinge in seinem Buch, die so überhaupt nicht beabsichtigt waren. Das beeindruckt Tomer Gardi immer wieder: wie Leser durch ihre eigene Aktivität im textualen Raum Neues erschaffen können.

Schade ist, dass das Publikum wenige Fragen stellt. Oft sind es eher Anmerkungen zu einer vorgelesenen Passage oder zu einer Erklärung, die Gardi gegeben hat, sowie eigene Gedanken. Sie ergänzen zwar die Ideen des Autors, doch letzten Endes erfahren wir auf diese Art nicht so viel von ihm, wie es vielleicht möglich gewesen wäre. Hinzu kommt, dass Gardi auf ein paar Fragen keine genaue Antwort weiß und eher abschweift, als konkret zu werden. Seine Intention hinter dem Roman? Die hat er vergessen. Sechs Jahre lang arbeitete er daran, jetzt erinnert er sich nicht mehr. So ist die Lesung an sich fast schon lehrreicher als die Fragerunde. Denn das, was Tomer Gardi beim Lesen ausdrückt, durch Gestik, Mimik und Emotionen, ist wesentlich stärker als manche seine Antworten.

Am Ende wissen wir aber immerhin, woher Tomer Gardi seine Deutschkenntnisse hat, warum er nicht auf Englisch oder Arabisch geschrieben hat, und dass er das Buch um seiner Sprache Willen schreiben wollte und nicht wegen des Inhalts. Für mich persönlich hat er auch – vermutlich eher unbewusst – sehr deutlich seine Liebe zur Sprache gezeigt, durch die Art und Weise, wie er seine Kapitel vorgetragen hat. Außerdem hat er offenbart, dass in ihm wohl ein verkappter Sprachphilosoph schlummert, der nur darauf wartet, seine Texte aus der Passivität heraus zu heben und zu aktiven, von Lesern veränderbaren Gegenständen zu formen.

Wer doch noch ein wenig mehr über den Menschen Tomer Gardi erfahren möchte, dem sei dieses Interview der Welt ans Herz gelegt.

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