Von Jana Turek

Mit der Rente fängt das Leben erst an? Ganz so ist es vielleicht nicht, aber der dritten Lebensphase fällt immer mehr Bedeutung zu. Der demografische Wandel verändert die Gesellschaft. Sie wird also immer älter. Umso wichtiger ist hier das „Wie“: Wie soll diese Lebensphase aussehen? Wie kann sie gestaltet werden? Als Vorsitzender der BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V.) geht Franz Müntefering diesen Fragen nach und möchte sie stärker in den gesellschaftlichen Dialog integrieren. Bei einem Vortrag im Katholischen Stadthaus in Wuppertal-Elberfeld – auf Einladung der Friedrich-Spee-Akademie und des Katholischen Bildungswerks Wuppertal/ Solingen/ Remscheid – hat er seine Vision vom Älterwerden vorgestellt: mit „Kultur und Bildung als Lebenselixier“.

Müntefering wünscht sich einen offenen Umgang mit dem Alter. Sorgen sollten nicht verdrängt und insbesondere das Thema Krankheiten nicht ausgeklammert werden. Demenz ist in seinen Augen ein solches Tabuthema, über das mehr zu sprechen sei. Er betont: „Ein Mensch mit Demenz ist ein ganzer Mensch.“ Die Würde des Menschen ist und bleibt unantastbar.

Sein Leitfaden für das Älterwerden sind die drei L’s: Laufen, Lernen, Lachen.

Laufen, im Sinne von Bewegung, halte den Körper gesund und sei gerade in einer „Bewegungsverhinderungsgesellschaft“ wie dieser etwas, das gar nicht genug betont werden könne. Es geht ihm um einen bewussten Umgang mit dem Körper, der sich auch in gutem Essen widerspiegeln sollte. Lachen steht bei Müntefering für eine positive Lebenseinstellung und für soziale Kontakte. Gerade im letzten Lebensabschnitt werde Familie immer wichtiger, aber auch Freundschaften solle man früh genug schließen und pflegen. Sie bewahren den Menschen vor Einsamkeit im Alter. Lernen umfasst die Neugierde und die Lust an Kultur und Bildung.

Was Bildung eigentlich bedeutet, werde oft missverstanden. Einige reduzierten sie auf ihren Nutzen in der Arbeitswelt.

Es geht darum, dass im humanistischen Sinne der ganze Mensch gebildet werde. Und das sollte, dafür plädiert Müntefering, schon Kindern mit auf den Weg gegeben werden. Lebensbildung, politische Bildung und Herzensbildung schützten vor einer Verrohung des Menschen. Werte gelte es zu vermitteln:

Zivilgesellschaftliches Engagement wie Ehrenamt und Patenschaften können sinnstiftend wirken, sagt Müntefering. Und wer einen Sinn in seinem Leben erkennt, sei glücklich.

Und Kultur? Kultur muss man sich – zumindest teilweise – leisten können. Gesellschaftliche Teilhabe ist schwierig, wenn der Mensch am Existenzminimum lebt. Viele kulturelle Angebote kosten Geld und bleiben somit auch vielen Menschen im Alter verschlossen, die von einer sehr kleinen Rente leben müssen. Sie haben also womöglich weniger zu lachen. Laut des paritätischen Wohlfahrtsverbands sind in den letzten Jahren sowohl die relative Armut, als auch das Armutsrisiko gestiegen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander und davon sind auch zunehmend Rentner betroffen. Altersarmut ist das Stichwort. Für Franz Müntefering gibt es sie noch nicht in Deutschland.

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