Von Katia Marcucci

In geselliger Runde sitzen die Zuhörer mit Tomer Gardi und Matei Chihaia, Professor der Romanistik an der Bergischen Universität Wuppertal, in der Buchhandlung v. Mackensen. Die Zuschauer haben die Möglichkeit, dem Autor ihre Fragen zu seinem Roman Broken German zu stellen. Mit seinem strahlenden und äußerst sympathischen Lächeln verzaubert Tomer die Gäste sofort. Trotz seiner leichten Aufregung hören alle gespannt zu. Um ein Verständnis für diesen Roman zu bekommen, muss einem bewusst werden, dass dieser kein gewöhnlicher ist. Der Sprachstil unterscheidet sich sehr stark von der sonst bekannten Literatur, was größtenteils an dem Deutsch liegt, in dem er geschrieben ist. Das mag zunächst gewöhnungsbedürftig und grammatikalisch nicht richtig sein, doch eben das weckt die Neugierde und führt dazu, dass eine gewisse Verbindung zum Autor aufgebaut und der Leser letztlich begeistert wird.

Ein Roman mit vielen Facetten

Der Roman hat zum einen sehr politische, zum anderen aber auch sehr sprachlich markante Stellen. Man könnte behaupten, das Buch sei mit einem Sudoku vergleichbar. Es erfordert viel Aktivität des Lesers, der versuchen muss, Ordnung in eine Reihe zu bringen, damit die Summe letztlich aufgeht und die Logik verständlich wird. Es geht also nicht nur um das Lesen, um den Genuss dieser Literatur, sondern tatsächlich auch um die eigene Aktivität und Mühe, den Text zu entschlüsseln. Es ist ein Buch mit vielen Facetten, in dem mehrere Themen zusammen kommen. Es geht um Migration, gleichzeitig kann es als Kriminalroman bezeichnet, wiederum aber auch als ein Drama angesehen werden. Man könnte Broken German sogar als Roman über einen Roman, wenn nicht sogar als Campusroman bezeichnen. Das liegt vor allem daran, dass er sich jeder Emotion bedient: Trauer, Glück, ja selbst Langeweile hat Tomer Gardi nicht ausgelassen. Er vereint viele Thematiken, so dass letztendlich für jeden Geschmack etwas dabei ist. Dennoch zieht sich ein roter Faden durch dieses Werk, obwohl die Kapitel eigentlich sogar eine Serie aus Kurzgeschichten darstellen könnten. Jedes Kapitel ist in sich geschlossen und würde bereits ein wunderbares Ende ergeben. Und doch entsteht aus den vielen kurzen Geschichten eine große Geschichte: Tomer Gardis Roman. Der Roman hat eine avantgardistische Sprengkraft, gleichzeitig kann darüber gelacht werden, was durchaus an der Authentizität dieses ungewöhnlichen Werkes liegen könnte. Matei Chihaia erwähnt den Protagonisten Radili, bei dem eine Verbindung zum Autor erkennbar ist, vor allem wenn die Biographie Gardis bekannt ist. Tomer Gardi treibt lustvoll sein Spiel mit der Authentizität, insbesondere wenn zudem ein Tomer Gardi im Roman auftaucht, der verdächtig dem Autor Tomer Gradi ähnelt. Das Verwirrspiel ist perfekt inszeniert.

Broken German könnte durchaus als metaliterarisch, also sehr reflektierend bezeichnet werden. Der Erzähler ist wiederum ein sehr unzuverlässiger Erzähler. Er befindet sich nie längerfristig an einem Ort, ganz im Gegenteil, sein Aufenthaltsort wechselt ständig, was den Roman recht widersprüchlich macht. Ein Kritiker benennt das Buch als „Völkerverständigungsmaschine.“

Teilweise entsteht das Gefühl, Tomer Gardi könne das Problem der Migration lösen, was dem Roman etwas Therapeutisches verleiht. Manchmal hat man wiederum Lust zu weinen, wenn unglückliche Momente, Morde, rechtsradikale Skinheads, im Grunde die „schreckliche Wirklichkeit“ vorkommt.

Der nicht perfekte und doch perfekte Leser

Gardi räumt direkt ein, dass das Buch viel von seinem Leser verlangt, weshalb eine solche Vorlesung, in der er, als Autor, in die Rolle des Lesers schlüpft, lohnenswert ist. Es ist einfacher, gebrochenes Deutsch zu hören, als es selbst zu lesen, da die falsche Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung den Lesefluss deutlich erschweren. Umso schöner ist es, die Interpretation der Person zu hören, die eben dieses Werk geschrieben hat. Doch auch wenn er diese Aufgabe gut erfüllen kann, sieht Gardi sich nicht als besten Leser seines Romans. Als er beginnt zu lesen, verändern sich seine Stimme und Haltung. Seine anfängliche Nervosität verschwindet. Es wirkt beinahe so, als würde er eine Geschichte erzählen, die ihm soeben eingefallen ist. Das mag daran liegen, dass er nicht auf Hochdeutsch, sondern mit hebräischem Akzent spricht, im gebrochenen Deutsch, wie der Titel Broken German bereits aussagt. Er spricht sehr angenehm, auf eine poetische Art, sodass sich der Zuhörer sofort von seiner Geschichte mitnehmen lässt. Er spielt sehr mit seiner Gestik, unterstützt seine Worte mit seinen Händen, ändert seine Mimik und achtet vor allem auf seine Zuhörer. Obwohl er sich selbst nicht als den optimalen Leser bezeichnet, sorgt er nicht nur für besseres Verständnis, er erweckt die Geschichte zum Leben. Zudem erfahren die Zuhörer von einem Trick der Autoren: ein kleines, unauffälliges Detail verschwinden und am Ende wieder auftauchen zu lassen. Nur die klugen und gebildeten Leser, für den grinsenden Autor nur ein geringer Anteil, besitzen die Fähigkeit, diesen Trick zu bemerken. Sein Lächeln ist ansteckend, sodass die Zuhörer, trotz der kleinen Neckerei, sofort schmunzeln.

Die verschiedenen Facetten werden bereits im ersten Kapitel, aber auch im darauffolgenden Abschnitt, den Gardi den Zuhörern mit seiner mitreißenden Stimme und seiner poetischen Art näher bringt, deutlich. Zum einen kann gelacht werden, vor allem als es zunächst um das Verhalten des, noch pubertären, Protagonisten und seinen Freunden geht, andererseits weckt es Trauer und Mitleid, als einer dieser Kinder durch Intoleranz dauerhaft geschädigt wird. Dennoch findet auch Toleranz ihren Platz in dieser Geschichte, jedoch in Form von erdrückendem Interesse junger Linksextremer. Wie auch in der Realität wird Tomer Gardis Botschaft schnell deutlich: Jede Art von Extremismus ist negativ. Es steht nicht für Freiheit, es steht für das Aufzwingen einer Meinung.

Tomer Gardi – der Vorreiter

Das Gespräch und die Lesung haben das Leben von der Sicht eines ausländischen Mitbürgers in Deutschland gezeigt. Zudem hat er die zerstörerische Kraft der aggressiven Intoleranz aufgezeigt. Tomer Gardi hat die Literatur auf seine ganz eigene Weise entwickelt und für viel positive aber auch negative Kritik gesorgt. Doch der Mut, die deutsche Sprache auf eine völlig andere Art zu nutzen, sich sogar zu trauen, ein literarisches Werk damit zu gestalten, macht Tomer Gardi zu einem künstlerischen Vorreiter, der inspirierend auf seine Leser wirken kann und aufzeigt, dass für eine tiefsinnige Botschaft keine perfekten Sprachkenntnisse notwendig sind. Wieso Tomer Gardi das Buch ausgerechnet auf Deutsch und nicht in seiner Muttersprache, Hebräisch, geschrieben hat, und ob es sogar eine Übersetzung im Hebräischen gibt, interessiert die Zuhörer auch und das ist seine Antwort:

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