Von Sebastian Schulz

Amal ist 15, als sie sich von den aus unserer Sicht simpelsten Freuden verabschieden muss. Denn in ihrem Heimatland Somalia waren es vor allem die einfachen Dinge, die es einem ermöglichten, die eigenen Freuden zu erkennen. Der morgendliche Ruf des Muezzin zum Gebet oder der Klang der Landeshymne als Beispiele für die einfachen Freuden des jungen Mädchens verschwinden, als die „Patronenmänner“ die Kontrolle in ihrem Heimatdorf übernehmen. Dass es sich bei diesen Männern um islamistische Milizionäre handelt, verdeutlicht sich sehr schnell und verweist auch auf die immer noch vorherrschende Situation im Land am Horn von Afrika.

Autor Fridolin Schley machte während der Wuppertaler Lesung seines Werkes „Die Ungesichter“ unmissverständlich klar, dass sein Werk vor allem die literarische Aufarbeitung einer realen Erzählung ist. Was ursprünglich als Sammelwerk von Gesprächen zwischen Münchner Autoren und Flüchtlingen in München begann, entwickelte sich in diesem Einzelfall zu einem Selbstläufer – aus einem siebenseitigen Bericht wurde eine Novelle.

Genau befasst sich „Die Ungesichter“ mit den Lebensumständen des jungen somalischen Mädchens, die der Grund für zur Flucht wurden. Denn der Kindheit mit schönen Erinnerungen folgt eine oft lebensbedrohliche und menschenverachtende Kontrollübernahme durch islamistische Milizen. Zwangsarbeit und Zwangsverheiratung sind die Folge für Amal, die von diesem Punkt an beginnt, einen Ausweg zu suchen. Es beginnt ein langer Weg durch Nordafrika und schließlich auch durch Osteuropa, bis das Ziel der Reise, in diesem Fall Deutschland, erreicht ist.

Wie Autor Fridolin Schley erläutert, war es eine Erzählung, die schlicht in einem enormen Tempo aus der inzwischen 20-jährigen Somalierin floss. Und so gestaltet sich auch das Lese- und Hörerlebnis. Auf 100 Seiten wird der Leser nicht etwa in eine einfache Abendunterhaltung geworfen, sondern findet sich in einer stetigen Hast gefangen. Die Hast über 100 Seiten erreicht einen Punkt, an dem es dem Leser oder Zuhörer nicht etwa Leselust, sondern das Unvermögen vermittelt, die Geschichte pausieren zu lassen. Diese schriftliche Form der Eile und Rastlosigkeit ist bewusst gewählt. Denn wie auch Amal soll der Leser in eine Fluchtbewegung hineinversetzt werden, die laut Fridolin Schley wohl noch bis heute bei der Protagonistin vorherrscht. Die Erzählung scheint kein Ende zu nehmen und so kommt die Hast in wörtlicher Form von einem Dorf in Somalia bis zur Ankunft in München auch bei den Lesern an. Dass viele Details dieser Reise erst zwischen den Zeilen zu erkennen sind, hat ebenso einen Hintergrund wie die Hast des Autors. Denn hier spiegelt sich die wohl einmalig wiedergegebene Geschichte eines traumatisierten Menschen wider. So finden sich scheinbar bewusst naive Formulierungen für Misshandlungen oder Verbrechen. Der Autor selbst beschreibt mit Amal eine Person, die gefasst aber bewusst nur einmal jene Geschichte zu Wort brachte, um so der Hoffnung in der Zukunft einen höheren Stellenwert einzuräumen als der Vergangenheit.

Fridolin Schley hat im Nachhinein, aus der Distanz das mündlich Erzählte literarisch umgesetzt – ja übersetzt. Wie der Autor es ausdrückte, „schafft dieser Prozess der Übersetzung eine unheimliche Distanz“. Ebenso wie der Leser behandelte auch der Autor die Geschichte mit derselben Fassungslosigkeit, wie es der Beobachter von Flüchtlingsschicksalen tut. Die Literatur ist sowohl für den Autor als auch für den Leser ein Medium, solch einer Fluchtgeschichte zu begegnen; die 15-jährige Amal wiederum bekommt über das Schreiben und die Lektüre des Geschriebenen eine Stimme – wenn auch eine vermittelte. „In dem Augenblick, wo die Schrift dazwischen steht, ist es unheimlich wohltuend“, berichtet Fridolin Schley. Und doch bleibt die Geschichte nicht etwa ein einfaches Buch. Denn was dem Autor und dem Leser immer wieder deutlich vor Augen geführt wird, ist die Realität einer ungebremsten Ruhelosigkeit eines somalischen Flüchtlingsmädchens; und das seit inzwischen 7 Jahren.

Die Lesung von Fridolin Schleys Werk „Die Ungesichter“ reiht sich in die diesjährige Veranstaltungsreihe „Über die Welt und Gott“ ein. Initiiert vom Katholischen Bildungswerk Wuppertal / Solingen / Remscheid soll in diesem Jahr Deutschland als Einwanderungsland identifiziert und analysiert werden. Informationen zu kommenden Veranstaltungen gibt es im aktuellen Programm und auch online nachzulesen.

Please follow and like us: