Von Nadine Wichmann

Den Unbekannten eine Stimme geben

Fridolin Schleys Lesung seiner Novelle Die Ungesichter ist Teil der Reihe „Über die Welt und Gott“. Das diesjährige Motto lautet „Aufnahmegesellschaft und Zuwanderung“.

An diesem Donnerstagabend haben sich Literaturfreunde und Interessierte an der Flüchtlingsthematik in der Buchhandlung v. Mackensen zusammengefunden, um einen Blick hinter die gesichtslosen Statistiken und Zahlen zu werfen und ihn stattdessen auf die Menschen zu richten, die sich dahinter verbergen. Eigentlich sollten es es nur einige wenige Seiten Text werden, für das Projekt „Die Hoffnung im Gepäck“. Initiiert wurde es von Refugio München, einem Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge. Autoren und Geflüchtete trafen sich gemeinsam, um die bewegenden Geschichten zu Papier zu bringen. Doch Fridolin Schleys damals 20-jährige Projektpartnerin, die in seiner Novelle Amal genannt wird, hatte so unglaublich viel zu erzählen – und der Autor viel zu verarbeiten. Das alles auf fünf oder zehn Seiten zu komprimieren, wäre schier unmöglich gewesen. So wurden es 100 und das Werk bekam den Titel Die Ungesichter. Ein kurzer Auszug daraus hat es in den Projekt-Band „Die Hoffnung im Gepäck“ geschafft, doch Amals dramatische, von Gewalt und Einsamkeit geprägte Flucht von Somalia nach Deutschland ist damit natürlich lange nicht erzählt.

Es war viel Arbeit, hat Kraft und Mühe gekostet und emotional mitgenommen – sowohl den Autor als auch die Geflüchtete. In mehreren gemeinsamen Sitzungen, die erste noch unter psychologischer Betreuung, erarbeiteten die beiden gemeinsam Amals Schicksal. Zeitweise habe Schley gedacht, er schaffe es nicht, diese Geschichte aufzuschreiben, doch seine Profession als Autor habe ihm die nötige Distanz zwischen ihm und diesen Grausamkeiten verschafft, um emotional damit umgehen zu können. Das Hören der Geschichte sei weitaus schwieriger gewesen als das Schreiben.

„Also ich will mich keinesfalls so darstellen wie jemand, der jetzt selbst großes Opfer leiden musste, diese schreckliche Geschichte zu erzählen, so war es nicht. Es ist natürlich eine Geschichte, die einen, gerade in den ersten Gesprächen, wenn man jemanden vor sich hat, der einem das erzählt, fertig macht auf eine gewisse Weise. Aber das Schreiben hat dann die Sache doch sehr geerdet.“

Es gab oft Momente, in denen Amal nicht auf weitere Details eingehen wollte, besonders, wenn es um solche Grausamkeiten wie körperliche Gewalt oder Vergewaltigung ging. Stattdessen machte sie Andeutungen und genau diese hat Schley dann in seinen Text übernommen. Es war ihm stets wichtig, Amals Grenzen zu respektieren und sie niemals unter Druck zu setzen oder zu verletzen. Auch fehlten ihr oft Erinnerungen an gewisse Dinge, zum Beispiel daran, wie es im Auffanggefängnis an der ukrainischen Grenze aussah oder was sie dort in diesem halben Jahr täglich gemacht hat. So wurde es auch eine dokumentarische Arbeit für Schley, der ihre Flucht trotz unvollständiger Erinnerungen so realistisch wie möglich porträtieren wollte. Für die Visualisierung verschiedener Elemente befasste er sich neben den Gesprächen mit Amal auch mit Fotografien, Filmen, Dokumentationen und Berichten über Geflüchtete, ihre Routen, ihre Stationen. Etwa fünfzig Prozent der Novelle seien Amals Erinnerungen, die anderen fünfzig Prozent Recherche und Imagination.

Nachdem Amal in Deutschland ankam und mit Fridolin Schley zusammenarbeitete, kehrte dennoch keine Ruhe für sie ein. Auf Schleys Nachfrage, was sie zu dem Buch sage, antwortete sie „Passt schoa“, doch der Autor vermutet, dass sie es gar nicht wirklich gelesen habe. Verständlich, denn irgendwann möchte sie auch mit ihrer grausamen Vergangenheit abschließen und die Wunde nicht noch unzählige Male wieder aufreißen. Die Themen, die sie jetzt interessieren, und von denen sie Schley in ihren E-Mails berichtet, sind ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester und ihre Deutschkurse. Das sind Dinge, die sie gut machen möchte, in denen sie Erfolg haben möchte. Von ihrem Ausbildungsgehalt schickt sie immer Geld nach Äthiopien, wo ihre Mutter zur Zeit lebt. Mit ihrer Ausbildung ist Amal jetzt fast fertig – Fridolin Schley ist auch zu ihrer Abschlussfeier eingeladen.

Fridolin Schleys Novelle Die Ungesichter ist 2016 im Allitera Verlag erschienen und umfasst 100 Seiten.

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