Von Sebastian Schulz

Dr. Kossert, Moderator Peter Grabowski, Prof. Dr. Jochen Oltmer (v.li.)

„Sie kommen!“ „Wir werden überrollt!“ Die Schlagwörter waren und sind präsent, wenn es um die Diskussion über Flüchtlinge geht. Migration ist noch immer ein mentales Damoklesschwert in den Köpfen der Menschen und gerade in den Köpfen der Deutschen. Ein neues Phänomen könnte man annehmen, doch die Geschichte der Migration in Deutschland ist so alt wie die Bundesrepublik selbst, wenn nicht sogar deutlich älter. Der ein oder andere erinnert sich noch: die Vertriebenen aus Preußen, Schlesien und dem Sudetenland. Geflüchtet, entwurzelt und in Deutschland aufgenommen. Wie waren die Reaktionen damals? Deutsche kommen zu Deutschen? Nein! Die Fülle an Diffamierungen ist so vielseitig wie die Fremde, in die jene Menschen kamen. Selbst in Deutschland waren Deutsche kaum willkommen. Und schon diese frühe Form der Migrationsgeschichte scheint fast ein Mahnmal und auch erschreckend beispielhaft zu sein.

Auf Einladung des Katholischen Bildungswerkes Wuppertal / Solingen / Remscheid begaben sich zwei Experten der Migrationsforschung in die Citykirche in Elberfeld. Denn eine Betrachtung Deutschlands als Einwanderungsland ist reichhaltig.

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Dr. Andreas Kossert von der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin sieht schon in der frühen Form der Migration nach dem zweiten Weltkrieg einen „Konflikt der Mentalitäten“. Demnach war selbst die noch kurz zuvor propagierte Einheit eines Volkes gegenüber den Eigenheiten und Vorurteilen anderer Gruppen nichts mehr wert. In Hinblick auf die Erläuterungen des Kenners für die Geschichte von Vertriebenen wird die allgemeine Ausblendung der deutschen Historie offensichtlich. Und was laut Dr. Kossert nie im Kollektivgedächtnis der Bundesrepublik haften blieb, sind gerade jene Menschen, die mitunter zu den „Motoren einer ungeahnten Modernisierung“ wurden.

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Prof. Dr. Oltmer, historischer Migrationsforscher an der Universität Osnabrück, geht dabei von einer grundlegenden Systematik aus. Migration als Phänomen wurde über viele Jahrzehnte sehr unterschiedlich behandelt. Und dabei gelte es, Migration nicht als Ausnahme zu sehen, sondern als wiederkehrendes Detail der globalen Entwicklung. Migration ist laut Professor Oltmer immer auf drei Ursachen (Chancenverwertung, Gewalt, Katastrophen) zurück zu führen. Doch trotz wankender Ursachen und wachsender Weltbevölkerung war der Anteil der globalen Migration seit den 1960er Jahren immer relativ konstant. Was sich änderte, war die Aufnahmementalität. Dass Deutschland sich in Teilen erst noch als Einwanderungsland begreifen lernt, ist durch den Pragmatismus der Aufnahmen seit der Gründung bestimmt. Denn Zuwanderung in Deutschland war zur Stärkung der Volkswirtschaft ein willkommenes Phänomen. Überwiegend scheint sie hier jedoch nach wie vor eher Ängste auszulösen.

Was Deutschland aber gerade 2015 zum Ziel von Flucht und Migration machte, ist ebenso pragmatisch. Denn aus Sicht des Migrationsforschers Professor Oltmer konnte der Zusammenbruch nordafrikanischer Staaten, daraus resultierende Bewegungseinschränkungen und die räumliche Nähe zu Europa nur zu einem führen: in Deutschland läuft es gut, also ist Deutschland das Ziel!

Der Vortragsabend mit gleich zwei Migrationsexperten im Zuge der Bildungswerkreihe „Über die Welt und Gott“ offenbart, dass ein allgemeines Verständnis für ein so genanntes „Einwanderungsland Deutschland“ noch in der Entwicklung ist.

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