Katia Marcucci

…auch bei der Wortwahl, wie Feridun Zaimoglu bei seinem diesjährigen Werk „Evangelio“ beweist. So verschieden und doch zusammengehörend erscheinen dem Leser die sprachliche neuhochdeutsche Eleganz des 16. Jahrhunderts, gepaart mit einer Vulgarität, die einen im Nu in die dunkle Zeit Luthers auf der Wartburg versetzt. Es handelt sich schlicht und ergreifend um „ein sprachliches Ereignis“, wie Radio Vatikan Zaimoglus aktuellen Roman lobt. Über 20 Werke hat er bereits veröffentlicht, darunter Bestseller wie „Leyla“ und „Liebesbrand“. In der CityKirche im Elberfelder Zentrum Wuppertals ermöglichen Katja Schettler vom katholischen Bildungswerk und Zaimoglu ihren Zuhörern einen Einblick in die Entstehung seines neuen Romans und eine kleine Kostprobe seiner Interpretation Luthers.

Legere und doch in schwarz und elegant gekleidet, sorgt er für die passende Symbolik zu seinem Roman – gegensätzlich und doch harmonisierend. Einen ersten Einblick in die Entstehung verschafft Zaimoglu, indem er seine Reise in eine längst vergangene Zeit beschreibt. Dies ist nur möglich, so sagt er, wenn man für etwas brennt, so wie er es für die Stoffe tut, denen er sich widmet. In diesem Fall dem harten Leben und der Rhetorik Luthers in einer längst vergangenen Zeit, vor der „teutschen“ Übersetzung der Bibel. Um ein solches Werk wie „Evangelio“ zu verfassen, ist es für ihn von großer Wichtigkeit, seine eigenen Werte, besser gesagt den Autor, außen vor zu lassen und sich voll und ganz der Geschichten und der Leidenschaft zu widmen. Daraus resultieren Recherchen, das Erforschen zugänglicher Quellen und Schriften, wie der biblischen Schriften oder auch Originalschriften wie die sogenannten Wartburg Briefe. Das alles verhalf ihm zu Charakteren und Briefen im Roman, die, trotzdem sie fiktiv sind, durchaus so hätten existieren können. Was zunächst sehr theoretisch und nach mühseliger Arbeit klingt, entpuppt sich schnell als kleines Abenteuer.

Sich als Träumer bekennend, was für seine Recherchen durchaus nützlich ist, fallen Einzelheiten auf, die das Interesse steigern und somit zu großartigen Ideen führen. Dabei ist es nie möglich, wirklich alles in Erfahrung zu bringen, gesteht Zaimoglu, zumal er, über sich selbst scherzend, erwähnt, dass er nichts vom 500-jährigen Jubiläum Luthers wusste. Schlecht wirkte sich dies für „Evangelio“ nicht aus, enthalten seine Recherchen auch Lesereisen zu den Originalplätzen der damaligen Geschehnisse. Bevor er beginnt, eine Passage seines Romans vorzulesen, erzählt er, in seinen Erinnerungen schwelgend, von seiner Reise zur Wartburg nach Eisenach. Als recht fantasievoller Mann sorgten Nächte auf einer solchen Burg für Schaudern und Gänsehaut, erwähnt er lachend. Die Zuhörer stimmen sofort ein, was bei solchen ehrlichen und sympathischen Aussagen anders nicht möglich ist.

Eintauchen in eine andere Welt

„Evangelio“ spielt aus der Sicht des fiktiven Knappen Burkhard, der das harte Leben Luthers, seine Leiden und sein Streben beschreibt. Als Zaimoglu beginnt zu lesen, verändert sich seine Stimme merklich. Sie wird tief, düster und mitreißend. Auf eine poetische Art spricht er die Worte mal hart, mal weich, manchmal beinahe flüsternd aus und sorgt somit für die richtige Stimmung in den jeweiligen Situationen. Dabei lässt er jedoch nicht nur seine Stimme spielen. Er verleiht der Lesung noch tieferen Ausdruck, indem er ebenso passend mit seinen Händen agiert. Wird seine Sprache poetisch und seine Stimmlage ruhig, bewegt er seinen Zeigefinger fast wie ein Dirigent. An seinen Händen blitzen seine vielen silberfarbenen Ringe auf, die die ganzen Bewegungen untermalen. Erhebt er seine Stimme, verleiht er, durch kräftige Bewegungen seiner Hände und seiner passenden Mimik, dem Ganzen den letzten Schliff.

In der Kirche herrscht eine faszinierte Stille, die Zuhörer begeben sich auf eine kurze Reise in eine andere Welt, die er durch seine sehr lebhaften und bildlichen Darstellungen, seiner Kraft des Wortes, möglich macht. Es entsteht beinahe der Eindruck, der eigentlich fiktive, jedoch real werdende Knappe, spreche zu den Zuhörern. Auch die zweite vorgelesene Passage sorgt für eine düstere Stimmung, geht es hierbei um die Austreibung böser Geister durch die Anrufung Gottes. Anders als der übliche Exorzismus mit heilender Wirkung. Zaimoglu nutzt seine kräftige Stimme mit tiefem Hauch, um die Stimmung in ein solch düsteres Szenario zu versetzen und die Vorstellungskraft der Zuhörer anzuregen. Und dies hält bis zum Ende der Lesung seiner Romanpassagen an.

Feridun Zaimoglu verfehlt sein Ziel nicht: Die Zuhörer applaudieren. In seinen Werken herrscht eine faszinierende Sprachgewalt, wie eine begeisterte Besucherin, Johanna Kuhlmann, seinen künstlerischen Sprachstil lobt. Wie viele andere an diesem Abend, besitzt auch sie ein Exemplar seines Romans und freut sich darauf, dieses signieren zu lassen. Abschließend zitiert Katja Schettler den Buchtipp vom Radio Vatikan, herrlich passend zur vorherigen Aussage Zaimoglus:

Potzdonner!, das ist ein tolles Buch. Einige Rezensenten haben es lauwarm aufgenommen – zur Hölle mit ihnen! Für mich ist „Evangelio“ das Buch des (Luther-) Jahres.

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