Von Nadine Wichmann

Migration damals und heute

In Mecklenburg-Vorpommern, wo die AfD 2016 als zweitstärkste Kraft in den Parteitag einzog, sind rund 50 Prozent der Einwohner Nachkriegsflüchtlinge. Scheinbar scheint man dort, aber auch generell in Deutschland, diese Zuwanderung nicht im Bewusstsein verankert zu haben. Dabei ist es die Auseinandersetzung mit eben dieser Migration, welche uns in der heutigen Zeit womöglich helfen kann.

„Wie wollen wir leben? Wie wollen wir miteinander umgehen?“ lauten die beiden Leitfragen der heutigen Impulsvorträge, die unter dem Motto Migration, Flucht und Vertreibung stehen. Sie sind Bestandteil der Reihe ÜBER DIE WELT UND GOTT. Moderiert wird der Abend von Peter Grabowski, Journalist und selbst aus einer Familie mit Nachkriegsflüchtlingen.

Für Dr. Andreas Kossert, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, erscheint „ein Blick zurück zwingend“. Deutschland ist und war ein Flüchtlingsland, doch dass auch unsere Eltern und Großeltern unter Heimatverlust litten beziehungsweise leiden, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Aus ihrem eigenen Land vertrieben, in unserem nicht heimisch und sogar der Ablehnung ausgesetzt – dieses Problem existierte schon damals und es existiert immer noch heute.

Dabei verlassen viele Menschen ihre Heimat nicht einmal freiwillig. Erzwungene Migration basiert häufig auf der Flucht vor Gewalt, also vor Kriegen, Bürgerkriegen, autoritären Systemen sowie politischer oder religiöser Verfolgung. Auch Natur- und Umweltkatastrophen wie Dürren und Überflutungen, die die eigene Heimat unbewohnbar machen, produzieren neue Flüchtlingswellen. Und natürlich existiert auch nach wie vor die Arbeits- und Bildungsmigration, die Hoffnung darauf, woanders bessere Chancen zu haben. Dies erklärt Prof. Dr. Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS). Allzu viele Informationen über Migration und Migranten gibt es allerdings noch nicht. „Die Migrationsforschung in Deutschland ist ausgesprochen schwach,“ beklagt Oltmer. Deshalb gibt es zwar immer mehr Fragen, aber noch kaum Antworten.

Diese fehlenden Antworten, kombiniert mit einer bedrohten Sicherheitslage, führen allerdings dazu, dass die Menschen in Deutschland, in Europa, eher für die Schließung ihrer Heimat sind als für die Öffnung. Und das, obwohl zwischen 19060 und heute ein einheitliches Migrationsniveau herrscht. Ja, die Flüchtlingszahlen steigen, aber ebenso die weltweite Population. Insgesamt migrieren rund 0,6% der Weltbevölkerung, vor 20 Jahren genau so wie vor zehn, genau so wie heute. Dennoch sind es die nackten Zahlen, die Zweifel und Ängste schüren. Wenn von 1,5 Millionen Flüchtlingen bis zum Ende des Jahres (1015) die Rede ist, wachsen der Unmut und die Stimmen der Überforderung. Hilfreich ist das nicht. Gelungene Integration bedeutet für Prof. Dr. Oltmer Teilhabe, Vernetzung und das Eröffnen von Wegen. In einer Gesellschaft, die der Migration kritisch bis ablehnend gegenübersteht, ist das jedoch ausgesprochen schwierig.

Wir bräuchten Informationen und Kommunikation, sagte Peter Grabowski am Anfang der Veranstaltung. Informationen haben wir dank Prof. Dr. Jochen Oltmer und Dr. Andreas Kossert nun bekommen, fehlt also nur noch die Kommunikation. Ob zwischen Deutschen und Migranten, zwischen den Flüchtlingen der Nachkriegszeit und ihren Nachfahren, alten und neuen Migranten oder auch zwischen Politik und Menschen: überall ist die Kommunikation deutlich ausbaufähig. Die Kernfrage „Wie wollen wir leben?“ konnte heute Abend leider nicht richtig beantwortet werden. Es scheint, als hätten die Experten und der Moderator das Publikum lediglich mit genügend Denkanstößen versorgt, damit es Zuhause in aller Ruhe selbst darüber nachdenken kann.

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