Von Sebastian Schulz

Das könnte tatsächlich angenommen werden, wenn man den Worten des Kieler Autors Feridun Zaimoglu lauscht. Es erscheint fast schon unheimlich, wenn der Autor von der Alltagsstimme in die Lesestimme verfällt und die Worte des fiktiven Landsknechtes Burkhard durch den Saal hallen. Denn der Soldat ist während Martin Luthers Aufenthalt auf der Wartburg zu dessen Schutz abgestellt. Ab 1521 befindet sich der Mönch aus Wittenberg unter dem geheimen Schutz des Kurfürsten Friedrich dem Weisen. Hier setzt Feridun Zaimoglu an und lässt den Landsknecht seinen Blickwinkel auf den grübelnden und im Versteck lebenden Luther mitteilen.

Der Kieler Autor begab sich zur Lesung seines Romans „Evangelio“ in die Citykirche Elberfeld. Das Katholische Bildungswerk holte den Autor in Kooperation mit der Buchhandlung v. Mackensen ins Tal. Denn mit diesem sehr ungewöhnlichen Roman beweist Feridun Zaimoglu eine sehr besondere Sicht auf den Reformator und das besonders im Lutherjahr 2017.

Dass sich der Autor auf das Thema Martin Luther einließ, sei laut seiner Aussage nur durch intensive Recherchen der Briefe und Dokumente möglich gewesen, die erhalten geblieben sind. Auch das Studium der Bibelübersetzung, die während des Wartburg-Aufenthaltes entstand, sei unumgänglich gewesen. Hinzu kamen Begutachtungen der realen Örtlichkeiten in Thüringen. Das sei für eine genaue und authentische Darstellung nötig, die „der intelligente Leser“ oft verlangt. Das Vermögen, sich mit der Materie zu befassen, sieht Feridun Zaimoglu in seiner „verschanzten Existenz“ in Kiel.

Der Inhalt von „Evangelio“ behandelt jedoch eine Sicht der Dinge, wie sie so selten eingenommen wird. Der Aufenthalt des Reformators auf der Wartburg wird oft mit viel Pathos und dem berühmten Wurf des Tintenfässchens in Richtung des Teufels verbunden. Verbunden mit der realen Stimme des Autors wird dem Leser jedoch ein finsteres Leben auf einer kargen Burg vermittelt. Ein Luther, der mit sich und der vermeintlichen Verführung des Teufels hadert und durch die Isolation einen Hauch von Wahn entwickelt, während er weiterhin Bibelübersetzungen anfertigt und mit Weggefährten korrespondiert. Aus der Sicht des fiktiven, aber nach wie vor katholischen Landsknechtes Burkhard eine oft als irrationale Existenz wahrgenommene Gestalt, wie es scheint. Bereits hier gelingt dem Autor eine vielschichtige Kontroverse, die sinnbildlich auch für die in den folgenden Jahrhunderten kommenden Konflikte stehen kann. Denn Burkhard als geprägter Katholik, auch in Diensten eines Katholiken und im Eid an ihn gebunden, muss denjenigen schützen, der kurz zuvor vom Kaiser für vogelfrei und von der Kirche für gebannt erklärt wurde. Es sind Elemente wie diese, welche den Roman vermutlich Roman sein lassen. Doch trotz einiger Freiheiten bei den Charakteren lässt Feridun Zaimoglu nie eine historische Grundlage vermissen.

Im Resultat schien die Lesung des Kieler Autors vor allem zu beweisen, dass jegliche Betrachtung Luthers immer ein kontroverses Thema ist. Denn wenn es eines gibt, das Feridun Zaimoglu hervorhob, dann ist es vor allem der innere Konflikt Luthers auch mit sich selbst. Es entstand mit „Evangelio“ ein Roman, der mit sehr theologischen Grundkonflikten Luthers den Jahrhunderten der konfessionellen Zerrissenheit vorgreift. Die Leseatmosphäre des belletristischen Werkes entspricht deswegen genau dem Eindruck, der bei dieser Erläuterung entstehen kann: finster, jedoch mit Erkenntnis.

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