Von Sebastian Schulz

Der Koran selbst als Mittel gegen den so genannten »Islamischen Staat«? Der Christlich-Islamische Gesprächskreis Solingen lud in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk Wuppertal Solingen Remscheid und der Volkshochschule Solingen zum Impulsvortrag des Islamwissenschaftlers Hüseyin Inam ein. Der Titel suggeriert viel. Gegen den so genannten »Islamischen Staat« vorgehen mit dem, was er als seine Grundlage ansieht. Für den Islamwissenschaftler Hüseyin Inam ist das alles andere als ein Widerspruch. Allerdings gilt es, ein Verständnis für den Koran als heilige Schrift zu entwickeln. Ein unerlässliches Mittel ist die Betrachtung des historischen Kontextes der Suren innerhalb der Schrift. »Es gibt vieles in der Geschichte zum Aufarbeiten«, erklärt Hüseyin Inam. Dabei sei es wichtig, zu erkennen, dass »der Koran kein Buch wie die Bibel ist«. Der Islamwissenschaftler zitiert oft einige Verse im arabischen Original und in der schwierigen Übersetzung ins Deutsche. Sein Bezug geht vor allem in den Kontext der Suren-Entstehung. Bei all den Zitaten, die jene Mitglieder des so genannten »Islamischen Staates« als Berechtigung sehen, Gewalt anzuwenden, verklären sie durch zielgerichtete Interpretation die eigentliche Aussage der Suren. So sind laut Hüseyin Inam gerade in den so genannten »mekkanischen« Versen keine Aufrufe zur Gewalt oder Strafvollzug zu sehen. Viel mehr dienten die vom Propheten geschaffenen Gemeindeordnungen einer friedlichen Koexistenz mit Juden oder anderen religiösen Gruppen. Dass es in den späteren »medinischen« Versen auch um Gewalt im Kriegsfall geht, ist in dem historischen Kontext auf Interessenkonflikte mit jüdischen und polytheistischen Gruppen zurückzuführen.

Doch das Problem ist laut Hüseyin Inam an anderer Stelle zu suchen. Denn das Zitieren und Interpretieren der Suren und Verse geschieht im Falle der Anhänger des »IS« durch Laien. Hinzu kommt die Zusammensetzung jener Laien. Der IS baute sich aus Abspaltungen extremistischer Gruppen, ehemaligen Anhängern Saddam Husseins und oft befreiten Verbrechern auf. Ein Begriff, der im Vortrag mehr als einmal fiel, war dabei der des „Klischees“, das gerade in der westlichen Welt mit einem konservativen Islam in Verbindung gesetzt wird, immer wieder zusätzlich bedient durch Extremisten. Denn diese bekommen die Bestätigung aus dem Westen, indem das Bild verbreitet wird, das jenes Verhalten dem »wahren« Islam entspräche.

Verse des Koran werden simpel und fast wörtlich übersetzt, teilweise sogar als Grundlage einer Rechtsprechung verwendet. Die These Hüseyin Inams ist hier, dass das Lesen der Suren einem fundierten Kontext und dementsprechenden Fachwissen unterworfen werden muss, das gerade in der extremistischen Szene sehr oft fehlt. So ist vieles an Bestrafung oder vermeintlicher Legitimation ohnehin hinfällig (Steinigung, Zwangskonversion, Zwangsverschleierung etc.). Der Koran, so beschreibt er in seinen Ausführungen, »teilt als Rechtsbuch einem Laien den Zusammenhang und den Kontext für folgenreiche rechtsrelevante Entscheidungen nicht mit«.

Den Umbruch, auch in etablierten Gemeinden eine kontextualisierte Interpretation der Suren vorzunehmen, sieht Hüseyin Inam noch in den Kinderschuhen, ebenso die Auseinandersetzung mit kontroversen Versen im Koran. Für die Rolle des Koran im Hinblick auf den so genannten »Islamischen Staat« steht jedoch fest: Er ist keine Grundlage für die Taten in Syrien und dem Irak.

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