Von sebastian schulz

Flucht in seinen scheinbar austauschbaren Facetten, dennoch jedes Mal mit einzigartigem Charakter. Ilija Trojanow wagt mit seinem Buch „Nach der Flucht“ einen etwas neuen Ansatz und betrachtet nicht einfach das Kommen und Ankommen von Flüchtlingen, sondern vor allem den Effekt auf Einheimische und Neuankömmlinge. Teils philosophisch teils mit hautnahen Situationsbeschreibungen hebt Trojanow die Absurditäten in einer von Flüchtlingsbewegung geprägten Welt hervor.

Vor inzwischen 21 Jahre veröffentlichte Ilija Trojanow seinen Roman „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“, in diesem verarbeitete er persönliche Familienerfahrungen über Flucht und Asyl. Eine sehr neue Form der Perspektive scheint sich in dem inzwischen vielfach ausgezeichneten Autor entwickelt zu haben. Denn von bloßer Rekapitulation einzelner Flüchtlingsereignisse kann im Fall von „Nach der Flucht“ keine Rede sein. Ilija Trojanow selbst schien sein Werk bei seinem Besuch in der Wuppertaler Citykirche auch keinem Genre zuordnen zu wollen. Vielmehr sticht die eigene Unsicherheit oder vielmehr bewusste Offenheit bezüglich des Aufbaus und Intention hervor. Beginnend schon bei einer Aufteilung des Buches in zwei Teile und die damit verbundene teils römische und teils arabische Nummerierung der kurzen Texteingaben, beschreibt Trojanow als „Eindruck wie ein Gemälde von Escher“ in Anspielung auf den niederländischen Künstler M. C. Escher.

Inhaltlich scheint sich „Nach der Flucht“ zunächst in Einzelsituationen diverser Flüchtlingsgeschichten zu verstricken. Wenige aber dennoch ein gewisser Bruchteil jener Geschichten seien, so der Autor, auch auf eigenen Erfahrungen fußend. Dem gefüllten Saal der Citykirche präsentierte er jedoch auf teils groteske Weise die mangelnde Individualisierung des einzelnen Menschen unter den Flüchtlingen. So erscheint bewusst in bestimmten Abschnitten der kurzen Texte ein willkürlicher Tausch der Flüchtlingsherkunft. Im schlimmsten Fall gerät der Flüchtling in eine für ihn unverständliche Situation, in der ihm – egal mit welcher Herkunft – die Rückkehr ins unter Umständen zerstörte oder vielleicht fremde Land als einziger Ausweg vorgegeben wird. Oft mit der fehlenden Einsicht, dass die „alte Heimat ein Bild der Vergangenheit“ sein kann, wie Ilija Trojanow es beschreibt.

In seinem wechselseitigen Spiel aus Erzählung und groteskem Denkanstoß spielt der Autor mit der Erwartung des Lesers und Zuhörers. Die bloße Erwartung eines Romans oder sogar Sachbuches lässt den Betrachter scheinbar bewusst gegen die Wand laufen. Denn weit über die Herausforderungen derartiger Flüchtlingsbewegungen des Jahres 2015 oder darüber hinaus scheint nicht die Umgangsart oder Politik bezüglich solcher Situation in der Kritik zu stehen. Ilija Trojanow etabliert mit seinem Werk „Nach der Flucht“ einen imaginären Spiegel. Denn statt der Symbolik eines Flüchtlingszugs sorgen wir uns um den Erhalt des Wohlstands und des Überflusses. „Der Anblick eines Flüchtlingstracks offenbart das Überflüssige am Überfluss“ gibt Trojanow an. Statt der Not, nur das Mindeste oder Wertvollste mitzunehmen, sehen wir den Verlust des Überflusses.

Welche Welt hat der Flüchtling zurück gelassen? Ist es noch seine Heimat oder ist die Heimkehr, wie der Autor sagt „der größtmögliche Kulturschock“? Ilija Trojanow greift die Thematik diffizil auf. Es handelt sich keineswegs um leichte Lektüre, jedoch offenbart sie nach Aussage des Autors, dass die Flucht „den Verlust oft in Gewinn umwandelt“.

Die Lesung des Autors Ilija Trojanow reiht sich in die Veranstaltungsreihe „Über die Welt und Gott“ des Katholischen Bildungswerkes Wuppertal Solingen Remscheid ein. Diese Mal ermöglicht durch die Kooperation mit der Citykirche Elberfeld, dem Wuppertaler Kulturbüro und der Buchhandlung Mackensen. Die nächste Veranstaltung findet am Donnerstag, dem 19. Oktober, ab 19.30 Uhr im Katholischen Stadthaus (Laurentiusstraße 7) statt. Schwerpunkt des Abends ist der Impulsvortrag von Prof. Dr. Friederike Herrmann von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Prof. Dr. Horst Pöttker, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für die Theorie und Praxis des Journalismus an der TU Dortmund. Thema des Vortrages ist die Verantwortung und Macht der Medien. Eine Aufarbeitung der wechselhaften Rolle der Medien und der Berichterstattung. Nähere Informationen gibt es online auf der Homepage des Katholischen Bildungswerkes.

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