Von sebastian schulz

2015. Beginn der großen Flüchtlingsbewegungen. Dann kamen die Kölner Silvesternacht und der Vergewaltigungsfall in Freiburg. Seit dem ist Willkommenskultur in vielen Bereichen der Medien und deren Rezeption in das Gegenteil umgeschlagen. Heute stellen wir uns die Frage, wo Berichterstattung inzwischen steht und ob nicht auch sie zunehmend Ziel einer umfangreichen Kritik sein muss.

Ein Abend der Einsicht schien es zu werden. Denn das Katholische Bildungswerk Wuppertal / Solingen / Remscheid lud zum Impulsvortrag zum Thema Macht und Verantwortung der Medien ein. Die vortragenden Referenten schienen besonders qualifiziert, den Sachverhalt eines Diskurses über die Medien und nicht etwas von den Medien in den Mittelpunkt zu stellen.

Prof. Dr. Horst Pöttker, bis 2013 Inhaber des Lehrstuhls für Theorie und Praxis des Journalismus an der TU Dortmund, bezog sich in seiner leitenden Fragestellung unter anderem darauf, welche Rolle der Leser in Bezug auf die mediale Darstellung hat. Seiner Meinung nach seien gerade der Umgang mit dem Fremden bei der einheimischen Bevölkerung „uralte Kulturbestände“, welche vor allem im Studium oder einer journalistischen Ausbildung kontrovers vermittelt werden müssten. Stattdessen sehen sich Journalisten eher mit dem Sensationswert von Nachrichten konfrontiert, der entweder von der Bevölkerung oder durch den Wettbewerb unter den Medienvertretern entsteht.

Zwei Jahre nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015/16 stellt sich nun auch die Frage zur Rolle der Medien im Kontext der Integration.

Für Prof. Dr. Friederike Herrmann, Medienwissenschaftlerin von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, machte die Kontextualisierung der damaligen Berichterstattung zum Thema. Dabei sei wichtig zu erkennen, dass die Begegnung mit dem Fremden „ein psychologischer Entwicklungsschritt ist“, dessen positive aber auch negative Auswirkung einer durchdringenden Beachtung bedürfe. Aus diesem Grund hob Prof. Herrmann den Begriff des „Narrativs“ hervor. Als Erzählmotiv sei das Narrativ verantwortlich für Wahrnehmung und Orientierung in einer Gesellschaft. Ein Narrativ sei zum Beispiel 2015/2016 gewesen, dass die Bundesrepublik mit der Aufnahme der Geflüchteten überfordert sei. Solche Narrative haben auch Einfluss auf die Arbeit des Journalisten und müsse von diesem kritisch reflektiert werden.

Die Frage nach der Verantwortung Medien lenkt zugleich den Blick auf die Frage nach der Macht der Medien. Den Begriff der „vierten Macht“ lehnt Prof. Dr. Pöttker ab, da Medien und ihre Berichterstattung kein integrierter Teil eines politischen Systems seien. Ihre Rolle für die Wahrnehmung in der Gesellschaft wirft jedoch stetig mehr Kontroversen auf. Diese Position hätte so gesehen einen Lösungsansatz nach sich ziehen können. Doch die eine Antwort auf die Problematik einer zunehmend entweder sehr einheitlichen oder in das Populistische abtreibenden Medienlandschaft gibt es nicht. Zwar beschrieben die Referenten Beispiele aus den Vereinigten Staaten, in denen durch eine explizite Aufstockung von Migrantenanteilen in Medienberufen ausgeprägte Vielfalt zu erkennen ist, doch auf der anderen Seite stellte sich die Frage, ob eine Auseinandersetzung mit den Narrativen und Stereotypen in der deutschen Gesellschaft nicht eher den Vorrang haben sollten.

Die Auseinandersetzung mit Medienschwerpunkten und ihren Auswirkungen bewies an diesem Abend erneut, dass anerkannte Wissenschaftler und Beobachter in den Medienwissenschaften und der Journalistik einen tiefen Einblick in die mediale Wahrnehmung ermöglichen. Die Aufarbeitung und Analyse scheint jedoch noch weit entfernt zu sein.

Die Thematik eines Wandels in der Medienlandschaft reiht sich in die Veranstaltungsreihe „Über die Welt und Gott“ ein. In diesem Halbjahr geht es um die verschiedenen Aspekte der zukünftigen Lebensgestaltung in der Gesellschaft und bei sich selbst. Insbesondere durch Migration und gesellschaftliche Umstrukturierungen müssen wir uns die Frage stellen, wie wir zukünftig leben wollen.

Die nächste Veranstaltung zum Thema „Wie wir leben wollen! Aufforderung zum Bleiben“ findet am 19. November ab 17.00 Uhr in Utopiastadt statt. Silvia Munzón López, Julia Wolff und Marco Wohlwend lesen aus dem Sammelwerk „Wie wir leben wollen. Texte für Solidarität und Freiheit“ (Suhrkamp 2016). Eine Kooperation des Katholischen Bildungswerkes, der GEDOK Wuppertal, Utopiastadt und der Buchhandlung v. Mackensen.

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