Von Sebastian Schulz

Den Koran als dritte Offenbarung in der Tradition der Erzählungen aus Thora und Bibel verstehen. Das hat sich Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel in seinem neuen Buch „Die Bibel im Koran“ vorgenommen. Ein Einblick in eine Zeit, in der Muslim sein noch ein exotisches Phänomen war.

„Ich habe versucht, aus der Perspektive der ersten zwölf Jahre zu interpretieren“, erläuterte Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel am vergangenen Montagabend und bezog sich dabei auf die Anfangszeit einer heutigen Weltreligion: dem Islam. Was jedoch im Fokus stand, war nicht einfach eine Betrachtung des Islam für sich, sondern eine Suche nach den biblischen Elementen in den Suren des Koran. Der Theologe und Literaturwissenschaftler begab sich im Zuge der Arbeit an seinem neuesten Werk „Die Bibel im Koran“ auf eine Reise in die Zeit ab dem Jahr 610. In ein Mekka, das zwar schon von Pilgerreisen zur Kaaba geprägt war, jedoch kaum einen Zusammenhang mit dem späteren Islam hatte. Denn das Mekka, in das der Prophet Mohammed kam, um zu predigen, war von kultureller und religiöser Vielschichtigkeit geprägt, wie Prof. Dr. Kuschel es ausdrückte: „Verwurzelt mit der kulturellen Umwelt“. Diese Umwelt war geprägt durch polytheistische, christliche und jüdische Strömungen, womit die Rolle des Propheten die eines Außenstehenden war.

Folgt man den Interpretationen des Autors, kann man dem Inhalt der Suren aus der mekkanischen Zeit einen gewissen Pragmatismus zuschreiben. Denn die Bezüge auf biblische Elemente sind unverkennbar für den Theologen. Er geht soweit zu sagen, dass für die „Erstadressaten“ zunächst eine Tür geöffnet wurde, um „an die jüdisch-christliche Tradition anzuschließen“. „Wir haben keine arabische Bibelübersetzung […] aber aufregend ist eben, dass er dieses mekkanische Milieu mit Geschichten herausfordert, die aus Jerusalem stammen“, erläuterte der Theologe im Hinblick auf die Parallelen zu alttestamentarischen Texten. Dass diese in nicht-kanonischer Form schließlich festgehalten wurden, deutet auf die zunächst rein mündliche Wiedergabe von Geschichten und Lehren hin. Wichtig sei, dass diese Wiedergaben für die Verkündigung der dritten Offenbarung nach dem Judentum und Christentum kontextualisiert wurden. Ein Pragmatismus in Zeiten von zersplitterten arabischen und jüdischen Stämmen, Polytheisten und Christen, denn die kontextualisierte Aufnahme jüdisch-biblischer Elemente in mündlicher Form bildete die Grundlage für einen vor allem „Arabischen Koran“. Für den Theologen liegt der Schluss nahe, dass, egal woher die Quelle für die Offenbarung kam, die jüdisch-christliche Tradition im kollektiven Gedächtnis vorhanden gewesen sein durfte.

Prof. Dr. Kuschel begrenzt dabei jedoch seine Erläuterungen. Die Suren aus der Zeit des Propheten in Mekka seien durchaus zu unterscheiden von jenen aus der Zeit in Medina. Hier steht der Prophet in Mekka dem Herrscher in Medina gegenüber. Kontext ist das Stichwort!

Warum sich der Autor in seinem Buch vor allem auf die ersten Jahre des Propheten in Mekka stützt, wird schnell klar. Für einen interreligiösen Dialog seien die Suren aus dieser Zeit sinnstiftend. Denn hier ist eine Entscheidung zu erkennen. Eine Entscheidung sich in die Tradition der abrahamitischen Religionen zu stellen. Künftige Theologen aller Richtungen müssten erkennen, dass wichtige Elemente der eigenen Theologie ebenfalls in den Schriften der anderen zu erkennen sind. So sind sowohl Bibel und Thora im Koran erhalten als auch der Koran eine Grundlage für ein tieferes Verständnis zwischen den Religionen.

 

Die Veranstaltung mit Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel wurde durch die Kooperation des Katholischen Bildungswerkes Wuppertal / Solingen / Remscheid mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Wuppertal e.V. und der Buchhandlung v. Mackensen ermöglicht. Weitere Veranstaltungen und Erläuterungen sind im aktuellen Programm des Katholischen Bildungswerkes zu finden.

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