Szenische Lesung im Utopiastadt

von nadine wichmann

Sonntagnachmittag, 17 Uhr. Das Utopiastadt in der Wuppertaler Nordstadt ist gerammelt voll. Dicht an dicht sitzen die Besucher schon, doch es kommen immer neue dazu, ständig müssen neue Stühle aufgetrieben und noch irgendwohin gequetscht werden. Die Wände sind nackt, ein bisschen abgewrackt ist es, ‚urban chic‘ könnte man sagen.

Mitten zwischen den Zuschauern stehen drei Rednerpulte im Raum verteilt, eines für jeden der drei Schauspieler. Silvia Munzón López, Julia Wolff und Marco Wohlwend lesen heute aus dem im Jahr 2016 im Suhrkamp Verlag erschienenen Sammelband „Wie wir leben wollen. Texte für Solidarität und Freiheit“. Das Buch enthält Kurzgeschichten von Heinz Helle, Shida Bazyar, Roman Ehrlich, Bov Bjerg, Nora Bossong und vielen weiteren Autoren.

Das Licht ist gedimmt und die szenische Lesung beginnt. Es sind fragmentarische Textausschnitte, die sie lesen, abwechselnd, jeder in seiner Ecke des Raumes. Es sind Texte, die den Zuhörern verschiedene Blickwinkel eröffnen: mal witzig, mal ernsthaft, mal melancholisch und mal wütend erzählen sie aus der Sicht von Geflüchteten, von Deutschen, die die Flüchtlingskrise wahrnehmen, von Menschen, deren Eltern oder Großeltern damals nach dem ersten oder dem zweiten Weltkrieg selbst in dieser Situation waren. Es sind Erfahrungsberichte von dem Kontakt mit dem Unbekannten, dem Fremden. Es sind politische und moralische Appelle, Manifeste.

 

Heimat, Fremde, Identität

Heimat als Begriff und Konzept – was bedeutet es für uns, für dich, für mich, für jemanden, der sein Land verlassen musste? Können wir eine neue Heimat finden und die alte vollkommen aus unserem Herzen verbannen? Werden wir unsere Heimat niemals abschütteln können, wird sie ewig mit uns verbunden sein? In den vorgetragenen Geschichten geht es um Themen, die für geflüchtete Menschen essentiell sind. Aber auch für uns in Deutschland Lebende sind sie wichtig. Vielleicht denken wir viel zu wenig darüber nach. Vielleicht könnte uns das Nachdenken über Identität und Heimat dabei helfen, Vorurteile abzubauen, Fremde besser zu verstehen. Wie können wir überhaupt eine so ablehnende Haltung entwickelt haben, wenn unsere Großeltern selbst aus Schlesien nach Deutschland kamen und dann wider Erwarten doch blieben?

Die Texte eröffnen uns verschiedene Perspektiven, sie lassen die Zuhörer in die Köpfe von Helfern, von Pegida-Anhängern und Flüchtlingen blicken und ermöglichen somit den Aufbau von Verständnis und Toleranz. Sie zeigen, dass ein gemeinsames Leben kein Hindernis sein muss, nicht von Angst und Wut geprägt, dass niemand zu Schaden kommen muss, dass es einfach zur Normalität werden kann, so wie damals. Wir erleben einen Blick in die Vergangenheit, eine Kritik an der Gegenwart und Ideen für die Zukunft, und das in so kurzer Zeit. Ein vielschichtiger Sammelband ist entstanden, und ihn gleich durch mehrere Schauspieler lesen zu lassen, ist wirklich effektiv, um die verschiedenen Stimmen der Autoren wiederzugeben.

 

Lässig, lehrend, leidenschaftlich

Munzón López, Wolff und Wohlwend könnten unterschiedlicher nicht sein als Vortragende. Die Damen sind elegant gekleidet, der Herr im Kapuzenpulli. Wohlwend liest genau so lässig und entspannt, wie er sich gekleidet hat, er setzt sich auf sein Podium, er spielt mit der Kerze herum, er klingt, als würde man mit dem besten Kumpel über das Thema Flucht und Flüchtlinge bei einem Bierchen philosophieren. Wolff hingegen, mit ihrem schwarzen Fellkragen und ihrer durchdringenden Stimme, hat etwas Belehrendes an sich, sie ist der erhobene Zeigefinger des Abends, der den Zuhörer stets ermahnt. Und dann ist da Silvia Munzón López. Obwohl ihre Kollegen heute einen hervorragenden Job machen, sticht sie noch einmal besonders heraus. Sie strahlt. Sie spricht mit einem Trotz und einer Leidenschaft, die Seiten der Texte zittern in ihren Händen. Es ist eine emotionale Performance, die Stimme flüstert, hebt sich, kokettiert. Munzón López ist großartig, mitreißend, sie trägt nicht nur die Texte vor, sie lebt die Geschichten, transportiert Gefühle, Stimmungen und Meinungen.

Nach einer Stunde und zehn Minuten ist die szenische Lesung dann vorbei – schon, leider. Man hätte doch gerne noch länger hier im Utopiastadt verweilt und den drei grandiosen Stimmen gelauscht

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