Autorenlesung mit Sabine Bode: Das Mädchen im Strom (Klett-Cotta 2017)

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von caroline köhler

Sabine Bode, durch ihre Sachbücher zu Kriegstraumata und den psychischen Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf die Nachkriegsgeneration der Kinder und Enkel einem größeren Publikum bekannt geworden, legt nun mit Das Mädchen im Strom (Klett-Cotta 2017) ihr Romandebüt vor und setzt sich erneut thematisch mit dem Zweiten Weltkrieg auseinander.

Bode erzählt das Schicksal der Jüdin Gudrun Samuel, die als Tochter einer wohlhabenden Mainzer Kaufmannsfamilie in behüteten Verhältnissen aufwächst, frech und frei den Kohlenschleppern im Rhein hinterher schwimmt, die jugendliche Unbekümmertheit zu ihrer ersten großen Liebe Martin erlebt und durch den Aufstieg der Nationalsozialisten abrupt aus der Normalität ihres jungen Daseins herausgerissen wird und in die Vernichtungsmaschinerie der Nazidiktatur gerät.

Gudrun und ihre Familie und die vielen anderen Juden und Jüdinnen werden innerhalb kurzer Zeit zu Menschen zweiter Klasse degradiert, die erniedrigt und drangsaliert um ihr Leben fürchten müssen.

Gudrun kann sich nur vor den Nazi-Schergen retten, weil ihr die gefahrvolle Flucht mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Shanghai gelingt, zur damaligen Zeit das Paris Asiens und Anlaufpunkt vieler jüdischer Flüchtlinge. Doch auch die Zeit in Shanghai ist an große Entbehrungen geknüpft und bedeutet für die junge Frau mehr überleben als leben.

Sabine Bode präsentiert eine Frau, die trotz widrigster Lebensbedingungen und der ihr durch die Umstände auferlegten Begrenzungen, ihre individuellen Möglichkeiten auszuloten versucht, sich eine gewisse Restwürde zu erhalten und zu überleben. In der Lesung im Gespräch mit Michael Serrer, dem Leiter des Literaturbüros NRW e.V., wies sie auf die entscheidende Frage hin, die sich durch den gesamten Roman zieht und die da lautet: Wie es möglich sei, sich seine Selbstachtung zu bewahren, obwohl man der Willkür Anderer ausgeliefert ist? Mit der Geschichte der Gudrun, die an die Lebenserinnerungen der Jüdin Gertrude Meyer-Jorgensen angelehnt ist, mit der Bode viele Gespräche führte, ist das beeindruckende Portrait einer widerständigen und mutigen Frau gelungen.

Dennoch stellt sich mir die Frage, ob Bode nicht besser mit der Gattung des Sachbuchs beraten gewesen wäre. Oft scheint in Das Mädchen im Strom der Gestus des aus der Distanz informierenden Sachbuchs durch, was der Geschichte leider viel an Unmittelbarkeit und Lebendigkeit raubt und zu allzu hölzern und künstlich klingenden Floskeln führt. Trotz dieser Unentschiedenheit zwischen beiden Gattungen, durch die Das Mädchen im Strom teilweise wie ein in Romanform verpacktes Sachbuch wirkt, hat Bode ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte vorgelegt.

 

Caroline Köhler studiert an der Bergischen Universität Wuppertal den Master Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft.

Filmtipp zum Thema: Die Unsichtbaren. Wir wollen leben. Regie: Claus Räfle. Deutschland 2017-106 Min.

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