Villen, Fabriken und der große Aufstieg

von katia marcucci

In einer gemütlichen kleinen Runde sitzen Ende November die Senioren in der Altentagesstätte St. Mariä Empfängnis in Wuppertal Vohwinkel und freuen sich über neuen Besuch, den sie herzlich empfangen können. Bei Tee, Kaffee und – passend zur vorweihnachtlichen Zeit – Christstollen freuen sie sich auf den Vortrag über die Friedrich-Ebert-Straße Wuppertals der Historikerin Elke Brychta. Diese erstaunlich lange und mit Denkmälern ausgestattete Straße beginnt am ehemaligen „Kasinokreisel“ und umfasst auch das Luisenviertel sowie den Laurentiusplatz und geht an der Schwebebahnhaltestelle Zoo/ Stadion in die Sonnborner Straße über. Anhand von eigens geschossenen Bildern und Texten des Bergischen Geschichtsvereins Wuppertal erzählt Elke Brychta die vielen unbekannten Geschichten der unterschätzten Friedrich-Ebert Straße und somit den Aufstieg Wuppertals durch verschiedene Fabriken und ihren Schöpfern.

Die Wuppertaler Friedrich-Ebert-Straße, wurde nach dem ehemaligen Reichspräsidenten der jungen Weimarer Republik, Friedrich Ebert, benannt. Ursprünglich lautete der Name Königstraße. Bereits der ehemalige Straßenname zeigt auf, wie prachtvoll diese Adresse war. Zur Weimarer Zeit gab es verschiedene Überlegungen zum Namen der heutigen Friedrich-Ebert-Straße. So kam der Gedanke auf, sie Rathenaustraße, nach dem Politiker Walther Rathenau, oder Karl-Marx-Straße, nach Karl Marx zu nennen. Dazu kam es jedoch nicht. Während des zweiten Weltkrieges wurden verschiedene Straßen nach bedeutenden Größen des Nationalsozialismus benannt. Deshalb bekam die Königstraße ab 1938 den Namen „Straße der SA“, der zum Glück, so Elke Brychta, im Jahr 1945 den ursprünglichen Namen für ein Jahr zurückbekam, ehe sie im Jahre 1946 nach Friedrich Ebert benannt wurde.

Um 1820, kurz vor der Industrialisierung, machten viele Firmen und Fabriken die Königstraße, nahe der Wupper, zu ihrem Sitz. Das Wasser der Wupper war wichtig für die Textil- oder Papierverarbeitung und die Straße somit optimal für die verschiedenen Fabriken. Doch auch während der Industrialisierung entstanden immer mehr Firmen. Zunächst wohnten die Familien der Fabriken meist in der Nähe der Fabrik, dies änderte sich während der Revolution im Jahre 1848/49. Um den Unruhen aus dem Weg zu gehen, entstanden die Villenviertel, zum Beispiel das Briller Viertel oder Zooviertel.

Die Geschichte der Villen und Fabriken

Nach einigen Erzählungen und Bildern zum neuen Wupperweg des Wuppertaler Arrenbergs beginnt Elke Brychta mit dem vorderen Bereich der Friedrich-Ebert-Straße. Ab dem Robert-Daum-Platz, benannt nach Wuppertals ehemaligen Oberbürgermeister Robert Daum, befanden sich zum Großteil Villen und Wohnhäuser, darunter auch das Haus Nummer 107 der Familie Boeddinghaus. Wilhelm und Friedrich Boeddinghaus gründeten in der damaligen Königsstraße eine bedeutende Textilfabrik und somit auch die erste Fabrik in der Straße.

Nicht weit davon, im Haus 104, befindet sich der Familienbetrieb Hösterey, bestehend in der 8. Generation seit 1848 in Wuppertal und seit 1900 im Hinterhof in der heutigen Friedrich-Ebert-Straße 104. Lediglich ein Tor mit der Burger Brezel lässt erkennen, dass sich der Betrieb dort befindet und für eine typisch Bergische Kaffeetafel sorgt. Elke Brychta reicht den bekannten und knackigen Spekulatius der Höstereys rum und erzählt zusätzlich von den trockenen und harten Burger Brezeln und anderen Leckereien der Bergischen Kaffeetafel.

Nach dieser Stärkung geht der imaginäre Spaziergang weiter. Elke Brychta begibt sich zur Alten Papierfabrik, im Haus 130. Gegründet im Jahr 1876 von Carl Remkes, wird sie im Jahr 1899 „Papierfabrik AG“ genannt. Heute ist die Alte Papierfabrik vor allem bekannt für die Sportanlage „SPORT-PARK“ und den verschiedenen Freizeitangeboten.

In der Hausnummer 134 befindet sich die Baumsche Villa, heute bekannt als „Teamwerk“. Zu damaligen Zeiten gehörte die Villa einer reichen Fabrikantenfamilie. Heute finden dort mehrere Firmen Platz und haben das Konzept entwickelt, den Menschen ein besonderes Einkauferlebnis in angenehmer Atmosphäre zu ermöglichen. Elke Brychta erzählt, wie vielfältig das Angebot ist, wie zum Beispiel ein besonderes Essen.

Im Haus Nummer 146 befindet sich das ehemalige, 1894 errichte Wohnhaus von Friedrich Bayer Junior. Interessant ist, dass es sowohl ein Vorderhaus gibt, was recht unspektakulär, und ein Hinterhaus, was weitaus faszinierender ist. Dies war durchaus beabsichtigt, da das schlossähnliche Gebäude und somit auch der Reichtum, in protestantischer Tradition nicht öffentlich sichtbar sein sollte. Elke Brychta zeigt ein Bild des „märchenschlossartigen“ Hinterhauses mit seinem wunderschönen Garten, auf dem sich heute ein recht unschöner Parkplatz befindet.

Stairway to Nützenberg

Doch nicht nur Gebäude faszinieren in der Friedrich-Ebert-Straße. So gibt es ebenso interessante Treppen, wie die Jakobstreppe, mit 155 Stufen die längste gerade Treppe Wuppertals, die zurzeit leider gesperrt ist. Sie befindet sich ungefähr bei der Hausnummer 164. Den Namen erhielt diese Treppe dank des Erbauers Jakob Wilhelm Haarhaus. Sie verband die Friedrich-Ebert-Straße mit der Nützenberger Straße. Sie wurde mit der „Himmelsleiter“ aus dem Traum Jakobs in Verbindung gebracht. Eine weitere schöne und die große Treppe, mit 241 Stufen, ist die Vogelsauer Treppe, gebaut im Jahre 1904. Sie führte damals zur Vogelsaue, ein Wiesengelände, das der Familie Vogel gehörte, wodurch die Treppe ihren Namen bekam. Schlussendlich wurde die Treppe bis zur Nützenberger Straße verlängert.

Gegenüber der Vogelsauer Treppe, in der Hausnummer 191, befand sich ein Teil der Küpper-Brauerei. Dazugehörend das Lagergebäude mit der Hausnummer 181 und des Wohn- und Geschäftsgebäude in der Hausnummer 182. Gebaut wurden sie allesamt zwischen 1847 und 1872 von Gustav Küpper, der mit seiner Brauerei die größte und erste in Wuppertal erschuf. Auch hier hat eine Umnutzung stattgefunden: Im Hinterhof lockt der U-Club musik- und tanzfreudiges junges Publikum.

Die prachtvolle Königstraße war für verschiedene Fabriken gut gelegen, vor allem aufgrund der nahe gelegenen Wupper. Die Straße hat weitaus mehr zu bieten, als der erste Blick vermuten lässt. Es lohnt sich durchaus, bei einem Spaziergang durch die heutige Friedrich-Ebert-Straße einen Blick auf die historischen Gebäude zu werfen und die verschiedenen Tafeln über die Historie der vielen bedeutenden Villen anzuschauen. Der imaginäre Spaziergang von Elke Brychta lohnt sich, in die Tat umzusetzen.

 

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