…in einer multikulturellen Gesellschaft.

Lesung mit Silvia Munzon Lopez, Julia Wolff und Marco Wohlend im Mirker Bahnhof UTOPIASTADT am 19.11. 2017

von caroline köhler

Wie gehen moderne Gesellschaften mit Fluchterfahrungen um? Was bedeuten Flucht und Vertreibung für die Geflüchteten? Wie schaffen es Gesellschaften, Geflüchtete miteinzubeziehen, aus Fremden Vertraute werden zu lassen, lebenswert für alle ihre Mitglieder zu sein?

Dies waren die Fragen, zu denen die Lesung mit dem Titel „Wie wir leben wollen. Aufforderungen zum Bleiben“ in Anlehnung an den fast wortgleich lautenden, von Matthias Jügler herausgegeben Sammelband Anregungen und Denkanstöße gab.  Die Lesung in Utopiastadt stattfinden zu lassen, wies auf den utopischen Charakter hin, der bis zu einem gewissen Grad allen im Ideenlabor entstandenen Gesellschaftsentwürfen von einer besseren Welt zugrunde liegt. Die Vorschläge und Anregungen der in der Lesung dargebotenen Texte für ein neues, friedliches Miteinander in einer multikulturellen Gesellschaft haben dennoch – trotz aller Herausforderungen – die Chance, Realität zu werden. Die Lesung mag dazu ihren Beitrag geleistet haben.

Seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015, die auf der einen Seite eine große Welle der Betroffenheit und Hilfsbereitschaft ausgelöste, auf der anderen Seite aber auch rassistische Ressentiments und Hetze gegen Geflüchtete offenbarte, zeigt sich die Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft zwischen Offenheit und Abgrenzung, Hoffnungen und Ängsten.

Die Schauspielerinnen Silvia Munzon Lopez, Julia Wolff und der Schauspieler Marco Wohlend setzten in der Lesung Textausschnitte aus dem Band kongenial in Szene und gaben den Geflüchteten eine Stimme, indem sie Auszüge mit verteilten Rollen vorlasen und zur Verdeutlichung des Gesprochenen ihren Platz im Raum wechselten. Dieses bunte Allerlei verband Zeit und Raum miteinander, stellte die Vertreibung der deutschen Minderheiten in den Ostgebieten zum Ende des Zweiten Weltkrieges neben die Flucht vor dem Kosovo-Krieg in den 1990er Jahren oder den syrischen Bürgerkrieg 2015. Dieses Ineinandergreifen verschiedener Fluchterfahrungen, verschiedener Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen wies unmissverständlich auf die großen Gemeinsamkeiten hin: der Verlust der geliebten Heimat, das Leben in der Fremde als „die Anderen“, aber auch das Gefühl eines Neuanfangs und einer Neuorientierung.

Die schauspielerische Umsetzung der Texte, die darauf angelegt war, das Thema „Flucht“ multiperspektivisch zu beleuchten und den im wahrsten Sinne des Wortes vielen Stimmen, Raum für ihre individuellen Erfahrungen zu geben, erzeugte eine große Unmittelbarkeit und Lebendigkeit für die so unterschiedlichen und doch so ähnlichen Erfahrungen von Flucht und Neuanfang.

Ein wenig schade war da nur das abrupte, unerwartete Ende, das mich mit meinen vielen Eindrücken Ideen und Gedanken allein ließ. Eine moderierte Diskussionsrunde über dieses ebenso komplexe wie brisante Thema hätte den – bestimmt auch bei den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorhandenen Gesprächsbedarf – bündeln und zu einem sinnvollen Abschluss führen können.

Lesetipp: Wie wir leben wollen – Texte für Solidarität und Freiheit. Hg. von Matthias Jügler. Berlin 2016 (suhrkamp taschenbuch)

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Caroline Köhler studiert Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal

 

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