Schriftstellerin – Feministin – Ikone

von Wiebke martens

Die Frage ‚Wer Angst vor Virginia Woolf hat‘ stellt ursprünglich den Titel eines bekannten Theaterstücks von Edward Albee dar, in dem die namensgebende Schriftstellerin aber gar nicht vorkommt. Albee soll den Satz, der als Anspielung auf die Komplexität der Werke verstanden werden kann, auf der Toilette einer Studentenkneipe gelesen haben.

Bei Kaffee und Gebäck wurde am Donnerstag, den 23.11.2017 im katholischen Stadthaus das Leben und Werk von Virginia Woolf mit Neugier und Interesse diskutiert. Dr. Jutta Höfel leitete den Vortrag und stellte, neben der bewegten Lebensgeschichte Woolfs, auch einige ihrer bekanntesten Werke vor.

Bewegtes, aber tragisches Leben

Adeline Virginia Stephen ist der Geburtsname einer im Jahr 1882 geborenen Ikone, die wir später als Virginia Woolf kennen. Von Geburt an lebte sie ein für die Zeit außergewöhnliches Leben. Sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter brachten jeweils mehrere Kinder mit in die Ehe, aus der neben ihr noch drei weitere Kinder hervorgingen. Als Mädchen unter vielen Brüdern und Stiefbrüdern war ihr der Schulbesuch nicht vergönnt. Sie konnte sich mit ihrem Vater lediglich darauf einigen, einen Griechischlehrer einzustellen. Alles andere lernte Woolf autodidaktisch in der Bibliothek ihres Vaters, der selbst Schriftsteller war.

Schon früh musste Virginia Woolf viel Leid ertragen. Sie wurde Opfer von sexuellem Missbrauch innerhalb ihrer Familie. Mit dreizehn Jahren verlor sie in kurzen Zeitabständen zuerst ihre Mutter, eine Schwester, ihren Vater und schließlich einen Bruder.

Virginia Woolf wurde außerdem von einer immer wiederkehrenden Krankheit geplagt, die sich durch Kopfschmerzen, Unwohlsein und Panik bemerkbar machte. Die Krankheit, die heute als manische Depression bezeichnet wird, musste sie bis zu ihrem Tod ertragen.

Ehe und Unabhängigkeit

Bereits 1904 lernte sie ihren späteren Ehemann Leonard Woolf kennen, den sie aber erst viel später im Jahr 1911 wiedertraf und kurz daraufhin heiratete. Virginia Woolf fühlte sich auch zu Frauen hingezogen. Neben ihrem Ehemann Leonard war die Schriftstellerin Vita Sackville-West ihre Geliebte. Gemeinsam mit ihrem Ehemann gründete sie 1917 den Verlag „The Hogarth Press“, in der sowohl Woolfs eigene Werke, aber auch Werke anderer Schriftsteller, wie beispielsweise von Rainer Maria Rilke, herausgegeben wurden.

Bei der Betrachtung ihres Werdegangs und ihrer Werke wird sehr schnell deutlich, dass Virginia Woolf sich vor allem durch ihre emanzipierte Persönlichkeit auszeichnet. Durch das Erbe einer Tante konnte sie sich finanzielle Unabhängigkeit sichern und war sich so einer Freiheit bewusst, die ihr auch in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit zugutekam. Auch ein eigenes Einkommen war für Virginia Woolf sehr wichtig, um ihre Freiheit aufrecht zu erhalten, da auch dies zu einer finanziellen Absicherung diente und sie unabhängig von Männern machte.

Im Jahr 1941 ertränkte sich Virginia Woolf selbst in einem Fluss, nachdem sie ein weiteres Mal in eine Depression verfallen war.

Erschließung neuer Wege

Schon bald wird erkennbar, dass die Werke Woolfs nicht in die Sparte der leichten Lektüre fallen, sondern vom Leser viel Konzentration und Aufmerksamkeit fordern.

In den Werken verkörpern die Hauptpersonen normale Menschen, in ihrem alltäglichen Umfeld, an einem ganz gewöhnlichen Tag. Woolf geht in ihren Romanen dem stream of consciousness, dem Bewusstseinsstrom der Protagonisten nach. Der Leser folgt dem Bewusstsein der Figuren und erfährt so, welche Emotionen, Wahrnehmungen und Erinnerungen die jeweilige Person beschäftigen.

Ein Beispiel dafür ist ihr experimenteller Roman „Mrs. Dalloway“, der 1925 in Woolfs Verlag „The Hogarth Press“ veröffentlicht wurde.

Die Handlung des Romans spielt im London der 1920er Jahre an einem ausgewählten Tag. Der Leser folgt zum einen Mrs. Dalloway, die ihren Vorbereitungen für eine Abendgesellschaft nachgeht. Der Leser bekommt einen Eindruck, welche Wahrnehmungen und Gedanken sie an diesem Tag beschäftigen. Zum anderen werden die Eindrücke von Septimus Warren Smith, der im ersten Weltkrieg mitkämpfte, dargestellt. Durch den Nervenarzt Smiths, der ebenfalls an Dalloways Abendgesellschaft teilnimmt, werden die beiden Handlungsstränge verbunden.

Virginia Woolf war zu dieser Zeit nicht die einzige oder die erste, die den Bewusstseinsstrom der Figuren in den Vordergrund ihrer Erzählung stellte. Unter anderen haben sich auch Autoren, wie James Joyce oder Arthur Schnitzler mit dieser Thematik beschäftigt. Gleichwohl hat Virginia Woolf nicht unerheblich zur Entwicklung des Romans im 20. Jahrhundert beigetragen.

Der im Jahr 1929 erschienene Essay „Ein eigenes Zimmer“, ist vor allem aus emanzipatorischer Sicht interessant. Hier wird unter anderem das Thema der Androgynität behandelt – die Idee, dass jeder Mensch sowohl weibliches als auch männliches in sich hat und eine der beiden Seiten unterdrückt.

Durch ein Gedankenexperiment, in dem überlegt wird, wie es einer imaginären Schwester Shakespeares wohl ergehen könnte, die denselben Werdegang verfolgt, werden die unterschiedlichen Bedingungen, unter denen kreatives Arbeiten für Männer und Frauen möglich war, aufgezeigt. Eine Thematik, die auch in unserer Gegenwart immer wieder aufgegriffen und aktuell diskutiert wird.

Aus heutiger Sicht ist Virginia Woolf eine wichtige Vertreterin des Feminismus, die die Emanzipation als eine Aufgabe angesehen hat, die nicht einseitig angegangen werden kann, sondern an der Frauen und Männer gemeinsam arbeiten müssen.

 

Weiterführende Links:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-49691802.html

http://www.zeit.de/1994/39/der-tropfen-der-sich-am-dach-der-seele-bildet

https://www.ndr.de/kultur/buch/Alte-Buecher-neu-gelesen-Sagen-des-Altertums,altebuecherneugelesen122.html

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Wiebke Martens, 25, studiert seit 2016 den Masterstudiengang Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität in Wuppertal.

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