von Katja schettler

»Digital first. Bedenken second« hieß einer der Werbeslogans der FDP im Bundeswahlkampf 2017.Die Aussage provoziert, weiß man um den enormen globalen Energieverbrauch moderner Kommunikations- und Informationstechnologien. Der Internetexperte und Netzkenner der ARD Jochen Schieb kommt zu der Bewertung dieses Slogans: »extrem dumm«. Hinter »extrem dumm« steht Unwissenheit. Oder eher nicht wissen wollen? Der Soziologe Stephan Lessenich spricht vom Recht auf Nicht-Wissen, das die Gewinner des globalen Kapitalismus‘ für sich in Anspruch nehmen. Die Folgen meines Handelns muss ich nicht zur Kenntnis nehmen: »Global winner first. Global loser second.«

Abschied vom Klimaziel 2020

2007 wurde von der damaligen großen Koalition als nationales Ziel beschlossen, bis 2020 gegenüber 1990 40% des CO2-Ausstoßes zu verringern. Ein ambitioniertes Ziel. Angela Merkel wurde zur Klimakanzlerin. Doch 2018 ist Deutschland weit davon entfernt, dieses Ziel zu erreichen. Anfang Januar kam dann auch vorerst das Aus: In ihren Sondierungsgesprächen einigten sich CDU, SPD und CSU auf den Abschied vom Klimaziel 2020. Der Realität muss ins Auge gesehen werden. Vorausschauend und vorsorglich. »Ich bin sicher, dass wir jetzt wieder auf Kurs kommen und unseren Ruf als Klimaschutzpionier wieder herstellen werden«, so die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, »wir wollen selbstverständlich, so wie in den Sondierungen schon vereinbart, alles tun, um die Handlungslücke im Klimaschutz bis 2020 zu verkleinern.« Mit den Vereinbarungen der Koalitionsverhandlungen sei Deutschland in der Lage »Klimaschutzpionier zu bleiben und wieder zu werden«.

Große Worte. Nun soll das Klimaziel 2030 eingehalten werden: das Senken der Treibhausgasemissionen in Deutschland um mindestens 55 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990. 20 Ländern haben auf der Weltklimakonferenz in Bonn im November 2017 den Ausstieg aus der Kohle beschlossen; Deutschland gehörte nicht dazu. Deutschland als Klimaschutzpionier? Kohle zählt zu den klimaschädlichsten Energieträgern. In Deutschland ist der Ausstieg vertagt.

Ein Argument gegen den Kohleausstieg ist neben der Sicherung von Arbeitsplätzen in Kohlestandorten in Ost- und Westdeutschland die Gewährleistung von Versorgungssicherheit. Kohle als Energieträger macht in Deutschland 40% der Stromerzeugung aus. Dennoch fordern die Experten des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU), den Kohleausstieg unverzüglich einzuleiten. Die bevorstehende Legislaturperiode biete »die letzte Chance, die Weichen für eine angemessene Umsetzung der Pariser Klimaziele in Deutschland zu stellen«.

Digitaler Konsum und Industrie 4.0

»Digital first. Bedenken second« – dieses Motto ist umzudrehen und leicht zu modifizieren, so der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Tilman Santarius: »Erst nachdenken, dann digitalisieren. «Und was hat Digitalisierung mit der Einhaltung des Klimaziels 2030 zu tun? Auf den ersten Blick scheint es abwegig zu sein, Digitalisierung und Klimaschutz sowie die Erarbeitung universeller Ziele einer nachhaltigen Entwicklung in einen Zusammenhang zu denken. 10% der globalen Nachfrage nach Strom entfallen auf Kommunikations- und Informationstechnologie; 7 Milliarden Smartphones herzustellen verbrauchte in den letzten 10 Jahren so viel Energie wie ein EU-Land von der Größe Polens oder Schwedens in einem Jahr; an dritter Stelle weltweit – hinter China und USA –stünde das Internet im Stromverbrauch, wenn es ein Land wäre. Wirtschaft und Politik sehen die Digitalisierung – die vierte industrielle Revolution – hauptsächlich als Wachstumsmotor, so Tilman Santarius, mit fatalen ökologischen Folgen. Auch wenn wir, die wir uns noch auf der Gewinnerseite des globalen Kapitalismus sehen, es nicht wissen wollen: Der digitale Konsum, der nicht nur bei uns, sondern weltweit wächst, ist ökologisch nicht mehr tragbar.

Wohlstand und Klimagerechtigkeit

Stephan Lessenich sieht in »Neben uns die Sintflut« den globalen Kapitalismus als ein System ungleichen ökologischen Tauschs – die ökologischen Kosten unseres Wohlstands verlagern wir in die Peripherie – in den »armen Süden«. Unser Wohlstand beruhe auf unerträgliche Lebensbedingungen andernorts. Doch der Klimawandel macht an Grenzen nicht Halt. Auch wenn wir uns immer noch auf der Sonnenseite wähnen und unseren Wohlstand – noch recht erfolgreich – vor den Menschen schützen, die sich aufgemacht haben, an diesem teilzuhaben. Fortschreitender Klimawandel führt zu mehr Umweltzerstörung und erhöht den Migrationsdruck der Menschen, deren Lebensbedingungen durch die Veränderungen so stark betroffen sind, dass sie ihr gewohntes Lebensumfeld verlassen müssen. Die Internationale Organisation für Migration schätz die Zahl der »Umweltmigranten auf 40 Millionen Personen, bis 2030 könnte die Zahl auf 250 Millionen steigen.«

»Wohlstand für alle« muss für uns heißen, Verzicht zu üben und darüber nachzudenken, wie wir heute und in Zukunft verantwortungsvoll und klimagerecht mit unserem Wissen und Wohlstand umzugehen haben. Wichtig ist, eine Haltung einzunehmen – und zwar eine Haltung für das rechte Maß. Kurz vor dem Pariser Klimagipfel veröffentlichte Papst Franziskus im Juni 2015 »Laudato Si. Über die Sorge für das gemeinsame Haus‘« und erhielt mit dieser Enzyklika weltweit Beachtung. Papst Franziskus fordert eine ökologische Umkehr und sieht hier die reichen Industrienationen in der Pflicht. Er schreibt den einfachen und dennoch in seiner Umsetzung sehr folgenreichen Satz: »Es ist wichtig, eine alte Lehre anzunehmen, die in verschiedenen religiösen Traditionen und auch in der Bibel vorhanden ist. Es handelt sich um die Überzeugung, dass »weniger mehr ist«.«

Zukunft Planet Erde

Kommen wir noch einmal kurz zurück zur Digitalisierung. Tilman Santarius plädiert für eine »sanfte Digitalisierung« und fordert eine öffentliche Debatte darüber, welche Digitalisierung wir wollen und welche nicht. Diese Debatte muss sozial-ökologisch geführt werden – also mit Blick auf Klimaschutz, Klimagerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Letztlich geht es darum, auszuhandeln, wie wir auf und mit unserem Planeten in Zukunft leben wollen. Und das ist nicht wenig.

Veranstaltungshinweis in eigener Sache:

ÜBER DIE WELT UND GOTT

»MACHT EUCH DIE ERDE UNTERTAN« | Glaube und sozialökologische Verantwortung

Impulsvorträge und Gespräch mit Prof. Dr. Hermann Ott und Kathrin Schroeder | Lesung Olaf Reitz

Moderation Verena Hermelingmeier

Mo., 12. März 2018, 19:00 Uhr, CityKirche Elberfeld (Alte reformierte Kirche), Kirchplatz 1, 42103 Wuppertal, freier Eintritt | Spenden erwünscht | 

Über die Welt und Gott: Klimawandel und Klimagerechtigkeit

 

 

 

 

 

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