Von Sebastian Schulz

Der Versuch, Pessach und Ostern als Grundlage eines Dialogs zwischen Menschen jüdischen und christlichen Glaubens zu sehen, scheint auf den ersten Blick auf der Hand zu liegen: zentrale religiöse Feiertage, welche chronologisch sogar in der Bibel miteinander verhaftet sind. Doch die zugrunde liegenden Schriften sind teilweise nur über viele Ecken oder sogar über konfliktreiche Kontexte miteinander verbunden.

Prof. Dr. Albert Gerhards. (Bild: Sebastian Schulz).

Jüdische und christliche Theologen sowie Schriftgelehrte kommen an dieser Stelle zum Zug und relativieren zugleich eine direkte Verbindung, so auch Prof. Dr. Albert Gerhards, emeritierter Professor der Liturgiewissenschaften an der Universität Bonn. Auf Einladung des Katholischen Bildungswerkes Wuppertal/Solingen/Remscheid in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Wuppertal und der Begegnungsstätte Alte Synagoge versuchte Prof Dr. Gerhards den Zusammenhang theologisch aufzugreifen. Dabei gelang ein komplizierter Einblick in die Frühzeit des Christentums. Denn im Kontext der sich um 70 n. Chr. entwickelnden ersten Christen, erklärte der Experte im Zuge seines Vortrages im Katholischen Stadthaus, haben sich „die parallel existierenden Christen den Exodus unter den Nagel gerissen“. Damit bezog sich Prof. Dr. Gerhards auf den Grundlagentext, der zugleich auch die inhaltliche Quelle im Alten Testament für das Pessachfest darstellt. Was im Alten Testament als Exodus bekannt ist, beschreibt im zweiten Buch Mose den Auszug der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Im Sinne der jüdisch-christlichen Tradition stellt das zwar einen wichtigen Schritt in der Beziehung zwischen Gott (Jahwe) und seinem Volk dar. Der einzig christliche Bezug dazu besteht jedoch allein im Tod und der Auferstehung Christi während des Pessach, wie es im Neuen Testament beschrieben wird. Eine wirkliche Parallele sieht der studierte Theologie- und Liturgiewissenschaftler vor allem in den vergleichenden Motiven der Erlösung oder Befreiung.

Historisch betrachtet scheint die Gegenüberstellung von Pessach und Ostern eher zum Gegeneinander als zum Miteinander beigetragen zu haben. Das Motiv der Befreiung scheint jedoch beide Gemeinschaften miteinander zu verbinden. Doch kann die Verbindung von Ostern und Pessach die Grundlage für einen funktionierenden Dialog der Religionsgemeinschaften herhalten? Selbst Theologen sehen laut Dr. Gerhards eine christliche Orientierung an vermeintlich aus der Zeit Jesu stammende, jüdische Rituale kritisch, da diese einen weit jüngeren Ursprung als oft angenommen haben.

Literarisch betrachtet – und das erscheint bei einem Fokus auf die Verbindungen von Pessach und Ostern schlüssig – sind Forscher und Leser geradezu gezwungen einzelne Ausschnitte aus Tanach und Bibel in ihren Details auf eine Art zu zerpflücken, dass den Interpretationen ein weites Feld geebnet wird. Ist das die Grundlage eines christlich-jüdischen Dialogs?

Prof. Dr. Albert Gerhard im Vortrag. (Bild: Sebastian Schulz).

Wie der Vortrag von Professor Dr. Gerhards formal und inhaltlich bewies, ist die Verbindung von Pessach und Ostern eine schwierige. Wer in der Lage war, dem sehr fachlich und demnach theologisch formulierten Vortrag zu folgen, wird ebenso wie dessen Referent zu dem Schluss kommen, dass nicht allein der Vergleich von Pessach und Ostern die ideale Grundlage für Verständnis und Dialog zwischen Judentum und Christentum ist. Die Auseinandersetzung mit der Thematik rief jedoch Theologen verschiedener Konfessionen und Glaubensausrichtungen zusammen. Wenn also Pessach und Ostern eine gemeinsame Grundlage für das heutige Verständnis zwischen Juden- und Christentum sind, dann vor allem in ihrer Eigenschaft den Dialog zwischen den Menschen anzuregen.

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