Von Sebastian Schulz

Voller Saal an diesem Mittwochabend im April. Wenn Robert Menasse angekündigt ist, kommen die Besucher in Scharen und so auch in das Katholische Stadthaus in Wuppertal. Sein letzter Roman „Die Hauptstadt“ sorgte für kontroverse Diskussionen, was jedoch nicht verhindern konnte, das Menasses Werk 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung scheint gut gewählt gewesen zu sein und das zeigt auch die Aktualität des ironisch wirkenden Werkes des geborenen Wieners. Sich zum jetzigen Zeitpunkt trotz inhaltlicher Kontroversen des Buches für ein gefestigtes Europa stark zu machen, erscheint im Hinblick auf Renationalisierungsbewegungen dann doch eher mutig. Aber das ist und bleibt eine Eigenschaft dieses Verteidigers der Europäischen Idee.

Robert Menasse, Lesungsbeginn (11.04.2018) (Bild: Sebastian Schulz)

Doch was behandelt „Die Hauptstadt“? Der Roman spielt tatsächlich in der Stadt, die am ehesten als Hauptstadt der Europäischen Union bezeichnet werden kann: nämlich Brüssel. Für manche Europäer eher nicht klar einsehbar, beschreibt Robert Menasse, wie die politischen Stränge gezogen werden. In einem fließenden Konzept wechseln die Handelsstränge von einer Mitarbeiterin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission zu beteiligten Beobachtern diffuser Situationen. Alles ausgehend von der Einsicht, dass das Image der Europäischen Kommission in Europa auf dem Tiefpunkt ist. Da kommt die Idee auf, zum Jubiläum des Gründertages eines Festivität auszurichten, um ein positives Bild zu erschaffen. Der Weg, der sich für die Charaktere im Buch auftut, ist ein tiefer Einblick in die Institutionen und Prozesse hinter der Fassade der Europäischen Union. Für den Autor Robert Menasse war die Beschäftigung mit eben dieser Hauptstadt Europas eine wichtige Aufgabe.

 

Robert Menasse (Bild: Sebastian Schulz)

Inhaltlich verstrickt sich der Autor mit Wortwitz und Offenbarung jeglicher Kritik an der EU in Kontroversen, die sich jedoch durch bohrende Genauigkeit fast selbst absurd erscheinen lässt. Dass beispielsweise erwähnte Mitarbeiter in den Einrichtungen der Europäischen Kommission ihre Herkunft eher als pragmatischen Hintergrund für eine Amtseinsetzung im politischen Zentrum Europas zu sehen scheinen, ist zugleich verblüffend wie auch schlüssig. Das lässt viel Platz für Kritik und Zuspruch. Für Robert Menasse scheint das jedoch Teil einer größeren Maschinerie zu sein, die erst verstanden werden muss.

 

Bei der Lesung seiner Werkes „Die Hauptstadt“ in Wuppertal fiel auf, dass jene Zielgruppe, die es wohl am meisten betreffen würde, eher fehlte: die Jugend. Bei einem Sachverhalt wie der Europäischen Idee, die wie Menasse meint, „weitgehend vergessen ist“, wäre ein Interesse eigentlich logisch.

So gesehen offenbart Robert Menasses Werk nicht nur die Ironie der Kritik an der EU oder eben auch gerechtfertigter Kritik, sondern indirekt auch, dass ein grundlegendes Verständnis der EU noch vor der Kritik existieren muss. Dass dies oft nicht der Fall ist, führe aus Sicht Menasses dazu, dass Menschen in Folge von Krisen „ihr Heil in der Renationalisierung suchen“. Welche Folgen das in der Vergangenheit hatte, bildet zugleich die moralischen Boden, der zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft beigetragen hat.

Die Lesung von „Die Hauptstadt“ von und durch Robert Menasse wurde ermöglicht durch die Zusammenarbeit der Wuppertal Initiative für Demokratie und Toleranz, der Buchhandlung Mackensen und dem Katholischen Bildungswerk Wuppertal Solingen Remscheid. Die Unterstützung stellte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“.

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