von Nadine Wichmann

Vom 6. bis zum 19. Mai findet die Wuppertaler Literatur Biennale statt, ein Festival, das seit vier Jahren Literaturbegeisterte ins Bergische Land lockt. Im Rahmen der Biennale liest neben Schriftstellern wie John von Düffel, Chris Kraus, Linda Boström Knausgård und Jonas Lüscher auch der Österreicher Thomas Glavinic, der von der ZEIT 2016 als „einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren unserer Epoche“  betitelt wird. Glavinic, der mit seinen Romanen Das bin doch ich 2007 auf der Shortlist und Das Leben der Wünsche 2009 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, las am vergangenen 9. Mai in der Börse aus seinem neusten Werk Der Jonas-Komplex.

Der Raum ist etwa zur Hälfte gefüllt, was bei einem Autoren wie Glavinic doch recht verwunderlich und vor allen Dingen sehr schade ist. Moderiert wird der Abend von Redakteurin, Autorin und Moderatorin Dina Netz, die unter anderem für den Deutschlandfunk und den WDR tätig ist – doch da sie mit der Bahn anreist und es, ausgerechnet an einem Biennale-Abend, einen kompletten Stellwerkausfall in Wuppertal gab, verzögert sich der Beginn der Lesung. Als die Moderatorin und alle Gäste endlich eingetroffen sind, wird von Netz und Glavinic direkt in die Thematik des Romans eingeführt.

Der Jonas-Komplex ist ein Buch mit drei ineinander verflochtenen Geschichten. Da wäre ein namenloser Schriftsteller, der sich die Welt durch Alkohol und Drogen dämpft, ein 13-jähriger Halbwaise aus der Steiermark, der sich in die Welt der Literatur und des Schach flüchtet, und Jonas, dessen Freiheit des finanziellen Überschusses ihm zur Unfreiheit wird. Glavinic, der recht gemächlich spricht und viel überlegt, bevor er etwas sagt, erklärt, dass „alles, was in uns wühlt, mit unserer Kindheit verbunden [ist].“ Deshalb auch der Handlungsstrang des Jugendlichen, der im Prinzip nicht anders ist als Jonas oder der Schriftsteller.

Der Österreicher, der in seinem tief ausgeschnittenen T-Shirt ordentlich Brustbehaarung zeigt, gleichzeitig aber – scheinbar nervös – ständig an seiner Brille herumspielt, beschreibt sich selbst als „sehr verpeilt“. Das merken die Moderatorin Netz und sein Publikum auch, wenn er beispielsweise minutenlang durch sein Buch blättert. Und blättert. Und blättert. „Hätten Sie mal ein dünneres Buch geschrieben!“ scherzt Netz – der Roman ist über 700 Seiten stark.

„Das les‘ ich lieber nicht“, murmelt Glavinic beim wilden Umblättern, oder auch „Jesus Christus!“. Er wirkt ein wenig unorganisiert, chaotisch und man fragt sich „Kommt da denn jetzt noch was?“, aber irgendwie macht ihn das sympathisch. Er holt das Bild des mächtigen, unnahbaren Autors zurück auf den Boden der Tatsachen.

Nach einigem Suchen findet Glavinic dann doch mehrere Passagen, die er vorlesen möchte. Das Publikum lauscht gebannt, als der Schriftsteller Drogen nimmt und von seinem Kind schwärmt, als Jonas auf einer einsamen Insel aufwacht und wochenlang mitten im Nirgendwo von Insel zu Insel schwimmt, oder als der Junge in seinem kleinen Zimmerchen in der Steiermark auf dem Bett liegt, an die Decke starrt und über sie nachdenkt. Mal lustig, mal philosophisch angehaucht sind die Textstellen, die Glavinic liest.

Alle drei Handlungsstränge haben eines gemein: den Protagonisten geht es sehr schlecht, aber das ist für Autor Glavinic essentiell. Man müsse keine lustige Geschichte schreiben, um lustig zu sein. Er mache lieber das Gegenteil. „Eine traurige Geschichte funktioniert nur, wenn sie auch ein wenig lustig ist.“ Im Prinzip dürfe man natürlich alles als Autor, aber „es muss wahrhaftig sein“. Auch wenn ihm eine Geschichte, die er in seinen Büchern erzählt, nicht genau so passiert ist, ist sie doch wahrhaftig, denn „wir schreiben alle über das, was wir kennen“, so Glavinic. Deshalb sind Angst, Einsamkeit, Tod und die große Liebe bei ihm so große Themen.

Auf Fragen der Moderatorin hin gibt Thomas Glavinic auch Details aus seinem Autorenalltag preis. Er schreibe immer noch auf einer alten Schreibmaschine, so arbeite er genauer, weil er vor dem Tippen mehr überlegen müsse als am Computer. Normalerweise schreibe er ungefähr drei bis vier Seiten am Tag – mehr als fünf Stunden sind einfach nicht drin. Seinen dritten Roman Der Kameramörder jedoch habe er geträumt und dann innerhalb von sechs Tagen niedergeschrieben.

Vieles von dem, was in seinen Büchern steht, „ist nah an dem, was meine Lebensrealität ist,“ sagt Glavinic. „Aber das heißt nicht, dass das mein Leben oder autobiografisch ist.“ Trotzdem sei es für ihn unmöglich, Literatur und Privates zu trennen. Das funktioniere einfach nicht. „Ich kenne den Unterschied nicht zwischen privat und Schriftsteller“, erklärt er. „Alles was ich mache, hat was mit Literatur zu tun und wird vielleicht irgendwann mal Literatur.“

So geht die äußerst interessante Lesung von Thomas Glavinic zu Ende, einem brillanten Autor, der auf der Lesebühne allerdings eher wie der zerstreute Nachbar wirkt, der ständig seinen Schlüssel von innen stecken lässt und sich dadurch aussperrt. Ein seltsamer Typ irgendwie, aber sehr unterhaltsam. Und wahnsinnig talentiert.

Die Wuppertaler Literatur Biennale 2018 findet noch bis zum 19. Mai statt. Alle Informationen zum Programm finden sich auf der Homepage der Stadt Wuppertal.

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