Von Sebastian Schulz

V.l.: Katja Schettler (Katholisches Bildungswerk), Autor Jonas Lüscher, Journalist und Literaturkritiker Hubert Winkels (Bild: Sebastian Schulz).

„Das ist es, was mich an Figuren interessiert: diese Zerrissenheit, diese Ambivalenzen und eben auch ihre Schwächen“. So beschrieb der Schweizer Autor Jonas Lüscher die Herangehensweise an sein Buch „Kraft“ von 2017. Anlässlich der nun zu Ende gegangenen Wuppertaler Literatur Biennale stellte sich Jonas Lüscher der Zuhörerschaft im Katholischen Stadthaus Wuppertal. Und es stimmt, was die Süddeutsche Zeitung im Februar 2017 schrieb: „so wohltuend ist der Laserblick eines Jonas Lüscher, der unsere Gegenwart mit einem eisigen Sengstrahl analysiert“.

Der Protagonist von Lüschers Werk ist Richard Kraft, Professor für Rhetorik an der Stanford University in Kalifornien. Doch der Intellekt, den dieser Titel suggeriert, wird schon durch die Lesung zweier Kapitel durch den Autor vom Narzissmus jener Literaturfigur überdeckt. Der Autor geht sogar noch weiter und kommt zum Schluss, dass „Krafts größte Schwäche seine unendliche Eitelkeit“ ist. Lüscher kümmere sich aber eigentlich nicht darum, ob seine Figuren sympathisch erscheinen, vielmehr stehe der Inhalt im Fokus; und dieser Inhalt hat es in sich.

Jonas Lüscher im Gespräch (Bild: Sebastian Schulz).

Nimmt man den akademisch-philosophischen Hintergrund des Autors voraus, ist die Auseinandersetzung des Protagonisten mit der Frage „Warum alles, was ist, gut ist, und warum wir es dennoch verbessern können?“ nicht ungewöhnlich. Denn genau diese Frage muss sich der Professor für Rhetorik stellen, nachdem der fiktive Milliardär Tobias Erkner einen Wettbewerb ausschreibt, um diese Frage wissenschaftlich zu bearbeiten und gleichzeitig eine Art säkularen Gottesbeweis in Zeiten von Kapitalismus und Marktliberalisierung zu erarbeiten. Für den in finanzielle Not geratenen Kraft ist das eine Gelegenheit, einen siebenstellige Summe zu gewinnen. Doch selbst diese Aussicht verschafft dem durch und durch intellektuellen Mann keine wahre Erkenntnis. Vielmehr muss auch der Leser von „Kraft“ eher einen wachsenden Zwiespalt in der Person der Protagonisten feststellen, was auch durch die chronologische Teilung von Krafts Leben in den Achtziger Jahren und schließlich gegenwärtig unterstützt wird. Unter vielen Bildern und Botschaften, die beim Zuhörer entstanden, war die Ohnmacht des Europäischen Intellekts gegenüber digitalem Kapitalismus und seinen Folgen ein Teil davon.

Im vierten Kapitel des Werkes begibt sich der Protagonist Richard Kraft nach der Erkenntnis fehlender, persönlicher Entscheidungsgewalt, jedoch auffallender Kritikfreudigkeit auf einen Ausflug mit einem Ruderboot. Jedem Rat zum Trotz verfehlt er die geratenen Zeiten für Ebbe und Flut und wird weit von der Küste weggespült. Gefangen zwischen Seelöwen und dem Verlust von Uhr und Handy muss Kraft seinen Weg zurück zur Küste finden und erkennen, dass er im wahrsten Sinne des Wortes ein Spielball der Gezeiten ist. Durch gefährliche Strömungen verletzt und seiner Kleidung entledigt wird der Protagonist an Land gespült und kämpft sich nackt durch den Schlamm in die Zivilisation, was Jonas Lüscher mit dem „Urschleim, aus dem wir Menschen entstanden sind“ vergleicht. In diesem Zustand erstarrt Kraft vor dem Anblick der urbanen Welt, in die er zurück indet; ein düsteres Bild der menschlichen Hilflosigkeit.

Der Autor ermöglichte beim Lesen dieses Kapitels eine Vielzahl an Interpretationen, ließ aber auch ganz im philosophischen Sinn viele Fragen entstehen. Auffallend ist, dass Lüscher in seinem Roman Zeitkritik und Philosophie miteinander kombiniert. Dabei blieb der Autor trotz des Witzes oder vielleicht sogar Ironie einzelner Textpassagen in einer stahlharten Sprache, welche ergänzend zum Inhalt fraglich macht, ob „Kraft“ Material für ein Hörbuch wäre. Und doch schuf Lüscher trotz der nüchternen und philosophisch aufgeladenen Veranstaltung durch die penible Sicht seines Protagonisten ein vielsagendes Bild.

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