Von Janina Zogass

Anlässlich der Wuppertaler Literatur Biennale hat es den österreichisch-tschechischen Schriftsteller Michael Stavarič Mitte Mai von seiner Wahlheimat Wien ins bald 1000 Kilometer entfernte Wuppertal verschlagen: „Ja – eine richtige Weltreise war das!“, ruft der studierte Publizist und Kommunikationswissenschaftler aus und ist sichtlich erleichtert, dass er jetzt angekommen ist: In Wuppertal. Im Luisenviertel. In der Viertelbar, einer Studentenkneipe par exellence, wo er nun bei schummrigem Licht und vor einer Wand, patinagrün, vor ihm ein volles Glas Weißwein, aus seinem neusten Roman Gotland vorlesen wird. In der Ecke steht der Kicker. Nach einer kurzen Begrüßung und thematischen Einführung durch Dr. Katja Schettler vom Katholischen Bildungswerk beginnt die Lesung.

„Es ist ein ernstes Buch, tatsächlich“, sagt er bedächtig nickend „– und es beginnt paradiesisch mit vereinzelten Misstönen.“ Er blättert durch seinen Roman, wobei er verlautbart, dass dieser in Anlehnung an die christliche Trinitätslehre gleich drei Anfänge besäße, generell habe er sich bei der Struktur seines Romans stark an der Bibel orientiert. Während ich mich noch frage, ob er das, was er da gerade sagt, alles so ernst meint, was ich nur rausfinden könnte, würde ich das Buch selbst lesen – und zwar GANZ – sind wir schon gut dabei mit Genesis: UND GOTT SPRACH… Stavarič liest mit angenehmer Stimmfarbe und in charakteristischem, unterschwellig rotzigem Wienerisch aus den Kindheitserinnerungen seines Protagonisten, der seine Mutter so liebhat, dass sie in seiner Vorstellung öfter mal mit seinem Bild von Gott verschmilzt. Er erinnert sich an den „Buttersee mit Damm aus Grießbrei“, den er aus Mutters Essen schuf, an den Wasserkocher, den er besser nicht angepackt hätte, ebenso den Heizkörper, die Amsel im Garten, das Auto der Mutter, der Hamster der Mutter… UND GOTT SPRACH… ist der Anker, der mich in regelmäßigen Abständen aus meinen Tag-. bzw. Abendträumen reißt und unmittelbar zurück ins Geschehen katapultiert, denn wenn jemand „Und Gott sprach…“ liest, dann sitzt man gerade und hört zu (Ich bin Pfarrerstochter).

Auf die Lesung folgt ein unterhaltsames Interview, das wohl die Fragen klären soll, die das Buch aufgeworfen hat. Ich bin erleichtert, dass das vor allem bei vermeintlich autobiographischen Themen nicht gelingt (Wie verrückt ist der Autor eines solchen Romans? usw.). Warum eigentlich Gotland als Romantitel und Handlungsort? Nach einer einmonatigen Recherchereise auf der schwedischen Insel hat für Stavarič „alles einen Sinn gemacht“: „Das hatte alles so eine seltsame Entrücktheit, die mir gefallen hat.“ Dazu noch die vielen Kirchen, eine Hauptstadt, die übersetzt „heiligt Stadt“ (Visby) heißt. „Und sie müssen wissen, dass Gotland in Nordeuropa führender Kalkexporteur ist – Kalk, der in unseren Kirchen steckt. Es wird dort auch Rotwein angebaut!“ Als Zugabe gibt Stavarič noch Gedichte aus seinem Lyrik-Bändchen in an schwoazzn kittl gwicklt zum Besten. Das ist NICHT nur eine zutiefst selbstkritische Hommage an die österreichischen Schriftsteller H.C. Artmann und Helmut Qualtinger, sondern auch eine Liebeserklärung an Wien mit seinen Mund- und Eigenarten.

„und auf des letzte gdicht scheiss i a:

won die lait wos kluxx lesn wolln

solns holt wen ondarn aus m regal zaan

ces notebumm oda n habemaas

vo mia aus di gozn

obgfakten russn und franzosngfrisa

pöö a pööö“

„und auf dieses letzte gedicht scheiß ich auch:

wenn die menschen etwas kluges lesen wollen

sollen sie eben jemand anderen aus dem regal ziehen

cees nooteboom oder den habermas

von mir aus auch die ganzen

abgefuckten russen und franzosenfratzen

peu à peu

(Aus: Michael Stavaric: in an schwoazzn kittl gwicklt. Czernin Verlag. Wien 2017. )

Amen!

Janina Zogass (25) studiert Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal und muss unbedingt mal wieder nach Wien.

Weiterführende Links:

Vita von Michael Stavarič.

Rezension zu „Gotland“ im Deutschlandfunk.

Rezension zu „Gotland“ in der Neuen Zürcher Zeitung.

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