Von Sebastian Schulz

Was würde Marx sagen, wenn er unsere globale Gesellschaft von heute zu Gesicht bekommen würde? Sein Geburtstag jährt sich in diesem Jahr zum 200. Mal und allein der Umstand, dass wir dessen gedenken, spricht für sein Wirken bis heute. Doch nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts stellt sich die Frage, ob Werke wie „Das kommunistische Manifest“ oder „Das Kapital“ von Marx und Engels heute ein Leitwerk darstellen oder eher eine Perspektive geben können; ein Gedankengang, der auch für andere Werke mit ähnlichen Auswirkungen auf das menschliche Denken gilt. Wie wir diese Texte lesen und heute interpretieren, versuchte das Katholische Bildungswerk Wuppertal/Solingen/Remscheid in Kooperation mit der Citykirche Elberfeld und dem freischaffenden Künstler Olaf Reitz herauszufinden.

V.l.: Prof. Dr. Uwe Becker, Moderatorin Ina Rottscheidt, Dr. Norbert Walter-Borjans, Dr. Katja Schettler (Bildungswerk Wuppertal Solingen Remscheid) (Bild: Sebastian Schulz).

Im Mai las Olaf Reitz Auszüge aus dem „kommunistischen Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels sowie der Bergpredigt von Jesus Christus im Matthäus-Evangelium. Den literarischen Abschluss der Reihe „Große Texte – Planwirtschaft-Utopie und Wirklichkeit“ bildete schließlich „Kapitalismus und Freiheit“ von Milton Friedman. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion am 13. Juni versuchten Prof. Dr. Uwe Becker (Professor für Diakoniewissenschaft, Sozialethik und Verbändeforschung in Bochum) und Dr. Norbert Walter-Borjans (Volkswirt und ehemaliger Finanzminister des Landes Nordrhein-Westfalen) den Einfluss jener Werke und die heutige Sicht auf ihre Aussagen zu erläutern.

Allein diese Aufgabe musste aus Sicht mancher Zuschauer bereits eine Herausforderungen darstellen, denn einerseits sind die formulierten Thesen nicht nur aus dem zeitlichen Kontext ihrer Zeit zu betrachten, sondern stechen oft durch utopische Thesen hervor. Die Bergpredigt von Jesus Christus, erzählt durch die Augen des Apostels Matthäus, spezifizierte Thesen des Alten Testaments und gilt heute als theoretische Aufstellung einer christlichen Ethik, was zu jener Zeit utopisch klingen musste. Marx formulierte eine klassenlose Gesellschaft, sogar die Diktatur des Proletariats. Trotz seiner Wirkung auf die Sozialdemokratie und sogar sozialistische Staatssysteme wurde das eigentliche Konzept des Kommunismus im Gegensatz zu seiner diktatorischen Vorgängerform nie umgesetzt und bleibt bisher utopisch. Im Fall von Milton Friedmans „Kapitalismus und Freiheit“ muss der Leser zwar erkennen, dass der freie Markt mit schwindendem Einfluss des Staates inzwischen kein fremdes Bild mehr darstellt, dass aber dadurch politische und soziale Stabilität zu erreichen wäre, ebenfalls eine Utopie darstellt.

Prof. Dr. Uwe Becker (Bild: Sebastian Schulz).

Aber ihren Einfluss haben die Autoren bzw. Urheber dieser Texte offenbar sowohl im positiven als auch im negativen Sinn behalten. Im Hinblick auf die globale Finanz- und Kapitalwirtschaft hätten sie alle in den Punkten Gerechtigkeit, Armut und Verteilung etwas zu sagen. Doch die Kontroversen bleiben. „Insofern ist Milton Friedman für mich sicher jemand, dessen Zeilen mir keinen Appetit machen“, erklärt Prof. Dr. Uwe Becker. „Natürlich! Er ist ein klassischer Vertreter des Liberalismus von Adam Smith, ruft auf, die Staatsmacht zu begrenzen und einen sich frei und ungebundenen Markt zu provozieren, einen wettbewerblich organisierten Kapitalismus.“ Das sei laut dem Diakoniewissenschaftler nicht erst seit der Finanz- und Bankenkrise obsolet, es sei auch schon durch Marx erklärt worden, dass ein entfesselter Markt nicht mit Gerechtigkeit vereinbar sei.

Dr. Norbert Walter-Borjans (Bild: Sebastian Schulz).

Trotzdem scheinen alle drei Texte einen Ansatz entwickeln zu wollen, der aus dem Kontext ihrer Zeit eine Veränderung herbeiführen sollten: die Bergpredigt im Umgang miteinander, das kommunistische Manifest bezogen auf soziale Gerechtigkeit im Konflikt mit dem Kapitalismus und Friedmans Thesen eines freien Marktes, der vermeintlich die sozialen Probleme irgendwann ausgleicht. Für Volkswirt Dr. Norbert Walter-Borjans liegt auf der Hand, „dass sich die Texte sehr nah an den Missständen der Gesellschaft bewegten […] und diese haben wir auch heute, wir haben sie sogar im eigenen Land. Doch da scheinen die Gemeinsamkeiten bereits aufzuhören, denn gerade Friedman habe es sich laut Walter-Borjans politisch sehr einfach gemacht. Denn mit dem Fokus auf Profit und Wachstum gehen Menschlichkeit und Gesellschaft zwei getrennte Wege.

Die Impulse der Referenten lieferten dabei wesentlich mehr Einblicke in die Interpretation der Texte als die darauf folgende Diskussion mit dem Publikum. Denn einen ehemaligen Finanzminister des Landes NRW und darüber hinaus noch mit SPD-Mitgliedschaft im Raum zu haben, regt eher zu einer Diskussion zu eben jener Partei als zu den Werken an. Im Endeffekt ist das jedoch nicht überraschend. Die Konfrontation mit den Thesen von Bergpredigt, dem kommunistischen Manifest und „Kapitalismus und Freiheit“ macht dem Zuhörer deutlich, wie nah wir an den Missständen stehen, welche die Autoren nicht nur kritisiert, sondern auch als Zukunftsvision prophezeit haben.

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