Von Janina Zogass

In der Veranstaltungsreihe „Über die Welt und Gott“ ging es um planetarische Grenzen und Ernährungssouveränität

Anfang Juni sind Bürgerinnen und Bürger sowie lokale Experten in der Elberfelder CityKirche zusammengekommen, um sich gemeinsam Gedanken über Fragen zu machen wie zum Beispiel „Woher kommt das Essen auf meinem Teller und wie wurde es produziert?“, „Was ist mit meiner Kleidung?“ und „in welchem Zusammenhang steht unser Lebensstil mit Begriffen wie Klimawandel und den sogenannten planetarischen Grenzen?“ Anlass dieser Begegnung war die Veranstaltung „Wasser und Brot. Gesucht: Nachhaltige Ernährung und Landwirtschaft. Ob das Gesuchte nun gefunden werden konnte, soll dieser Erfahrungsbericht aufzeigen. Die Veranstaltung war Teil der Reihe „Über die Welt und Gott“, die das Katholische Bildungswerk in Kooperation mit dem Wuppertal Institut und der Citykirche Elberfeld  auf die Beine stellt – dieses Jahr mit dem thematischen Schwerpunkt Klimawandel Klimagerechtigkeit.

 

Es war ein unglaublich schwüler Juniabend, als die Wuppertaler Schauspielerin Silvia Munzón López an das Lesungspult der CityKirche trat, um mit gütiger – aber mahnender Stimme einige Passagen aus der Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus vorzutragen: Der Mensch muss sich seiner Verantwortung für den Fortbestand unserer Welt bewusstwerden und darf sie nicht länger unterwerfen. Das ist der eindringliche Appell an die Besucher dieses Abends sowie an alle anderen Menschen, die die Zeilen des katholischen Kirchenoberhaupts zu lesen oder zu hören bekommen.

Wir bemerken den Artenschwund nicht

Dr. Georg Kobiela (Wuppertal Institut) während seines Vortrages (Bild: Sebastian Schulz).

In einem sehr interessanten Impulsvortrag wies Dr. Georg Kobiela vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie auf die planetarischen Grenzen hin und erklärte sie (englisch: planetary boundaries) anhand anschaulicher Beispiele. Gleich zu Beginn machte Kobiela unmissverständlich deutlich: „Die Erde kommt auch ohne uns klar! Dauert vielleicht ein paar Millionen Jahre, aber dann berappelt sie sich wieder.“ Die planetarischen Grenzen sieht er unter anderem in den Bereichen Klimawandel, Ozonloch und Ozeanversauerung, Biodiversität (bedrohte Artenvielfalt heißt Artensterben) und Frischwassernutzung. Aber was heißt das überhaupt konkret, zum Beispiel Artenstreben? Seit 1990 sind laut Aussage Kobielas 80 Prozent aller Insekten von unserem Planeten verschwunden. Ursachen? In der Landwirtschaft eingesetzte Insektizide oder andere Schadstoffe. In der vorindustriellen Zeit gab es sogar 100-1000 Mal so viele Insekten wie heutzutage. Dazu Kobiela: „Wir bemerken den Artenschwund nicht. Es lohnt sich daher häufig älteren Menschen gut zuzuhören, wenn sie darüber sprechen, wie es früher war. Die erinnern sich nämlich sicher noch gut an den dicken Insektenfilm auf der Frontscheibe, wenn man im Sommer mit dem Auto unterwegs war. Zum Schluss zeigt er noch ein sicher einige Jahrzehnte altes Foto auf dem der Wuppertaler Döppersberg von Grünflächen mit Bäumen gesäumt ist. Manchmal bedarf ein Bild keiner Erklärung.

Lobbyarbeit für die Natur

Die zweite Veranstaltungshälfte war dem von Verena Hermelingmeier moderierten Gespräch über die unterschiedlichen Aspekte des Klimawandels gewidmet. Durch die Lesungen und den Impulsvortrag hatten die Besucher, egal, ob Experte oder Publikumsgast, reichlich gedankliche Nahrung, um sich in den dynamischen Diskurs einzubringen.

V.l.: Moderatorin Verena Hermelingmeier, Michael Felstau (Wuppertals urbane Gärten), Ulrich Christenn (Diakonie RWL), Dr. Georg Kobiela (Wuppertal Institut) in der Diskussionsrunde (Bild: Sebastian Schulz).

Michael Felstau vom Permakulturhof Vorm Eichholz betonte beispielsweise die Notwendigkeit niemals mit der „Lobbyarbeit für die Natur“ aufzuhören, denn um Themen wie Nachhaltigkeit in den Köpfen der Menschen präsent zu halten, müsse man mit viel Engagement so etwas wie Umweltbildungsarbeit betreiben. Er möchte den Menschen dabei helfen, ihre Ernährungsouveränität zurückzuerlangen. Ulrich T. Christenn nutzte als Initiator des Essbarer Arrenbergs die Gelegenheit, um sein Projekt mit gleichermaßen nachhaltigem und interkulturell-integrativem Ansatz vorzustellen. Einig waren sich alle Teilnehmer der Gesprächsrunde, dass Massenproduktion und Konsum von Fleisch auf Dauer nicht mehr möglich sein wird, ohne katastrophale Folgen für den Menschen. Als logische Konsequenz sei die Entwicklung neuer Ansätze für eine nachhaltige, also auch klimaverträgliche Ernährung, unabdingbar.

Könnten Insekten unsere Ernährung revolutionieren?

Uneinig war man sich jedoch bei der Frage einer Besucherin, ob Insekten als Nahrungsmittel der Zukunft Potenzial haben: Ulrich T. Christenn hatte daran wenig Zweifel, da der Mensch bekanntermaßen Allesfresser sei. Michael Felstau war unschlüssig, da die kulturelle und religiöse Prägung großen Einfluss auf die Ernährungsweise des Menschen hätten und so etwas nur mit Marketing und kultureller Offenheit funktionieren könne. Die für mich entscheidende Äußerung kam schließlich von Georg Kobiela: „Kommt drauf an. Kommt drauf an, womit sie gefüttert werden. Wenn sie auch Soja bekommen, haben wir gar nix gewonnen!“ „Kommt drauf an“ ist für mich das heimliche Motto dieses Abends, weil bei aller Bemühung und Informationsinput und Lösungsfindung deutlich geworden ist, dass Themen wie nachhaltig Leben, nachhaltig Konsumieren jedem, der sich damit kritisch auseinandersetzt, immer ein hohes Maß an Differenzierungskompetenz abverlangt. Soll ich mir den Kompost auf den Balkon setzten? Kommt drauf an! Sollte ich lieber Insekten essen anstatt Fleisch? Kann ich als kleine Bürgerin etwas bewirken? Kommt drauf an. Was mir an diesem Abend ein wenig gefehlt hat, waren ein paar konkrete Tipps oder Ratschläge, wie man sich im Alltag am besten nachhaltig ernähren kann und was man tatsächlich tun kann, um die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu stärken. Man konnte bisweilen fast den Eindruck bekommen, die Anwesenden hätten selbst die Hoffnung verloren, mit ihren regionalen Projekten wirklich Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen bzw. „an den großen Rädern“ mitdrehen zu können. Auch hätte ich mir gewünscht, dass die Thematisierung der weltweiten Armut nicht nur durch Papst Franziskus „Laudato si“ Einzug in die Veranstaltung gefunden hätte, denn ich finde, wenn man über nachhaltige Ernährung und Regionalität die Brücke zum weltweiten Problem Klimawandel schlägt, dann kann man eigentlich nicht in diesem anfänglichen Mikrokosmos weiterdenken. Grundsätzlich finde ich aber gut, dass es in Wuppertal so viele kreative und die Umwelt schützende Initiativen gibt und man in Veranstaltungen wie die vergangener Woche mehr über sie erfahren kann, denn ich persönlich hoffe weiterhin an ein Afrikanische Sprichwort, das ich als Lied im Kindergarten immer sehr gerne gesungen habe:

Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun,
können das Gesicht der Welt verändern“.

 

Janina Zogass (25) studiert im Master Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal.

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