Von Sebastian Schulz

Man blickt in Gesichter, die seelisch gezeichnet zu sein scheinen und auf Orte, die banal wirken, jedoch ihr Grauen erst mit den Worten der Beteiligten und Betroffenen offenbaren. Die aktuell laufende Fotoausstellung von Øle Schmidt in der Utopiastadt wäre ohne einen kenntlichen Kontext schwer zu begreifen und beweist, dass der Europäische Blick auf zurückgehende Flüchtlingsbewegungen in heimischen Gebieten ein sehr eingeschränkter ist.

Eröffnungsvortrag der Fotoausstellung „Auf dem Weg in das gelobte Land? Migraton und Flucht aus Lateinamerika in die USA“ (Bild: Sebastian Schulz).

Bei der Betrachtung der globalen Flüchtlingsbewegungen sprechen die Zahlen eindeutig nicht für Europa, sondern für den Weg von Lateinamerika in die USA. Dass der Weg oft an der südlichsten Grenze der Vereinigten Staaten endet, bleibt nicht im kollektiven Gedächtnis hängen: nicht nur, dass ein Großteil der globalen und lateinamerikanischen Flüchtlinge in Schwellen- und Drittweltländern aufgenommen werden, ihr Weg ist in den Dimensionen ihrer scheinbaren Normalität kaum noch greifbar.

Dr. Antonio Sáez-Arance vom Kölner Institut für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte der Universität Köln (Bild: Sebastian Schulz).

Zu Beginn der Ausstellung „Auf dem Weg ins gelobte Land? Migration und Flucht aus Lateinamerika in die USA“ eröffnete Dr. Antonio Sáez-Arance vom Kölner Institut für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte der Universität Köln, dass nicht nur die Flucht in süd- und mittelamerikanischen Ländern eine scheinbare Normalität darstellen, sondern auch ihre Ursachen. Die Gründe für diese „Transmigration“ sieht der Experte in manifestierten Fehlentwicklungen in Lateinamerika, die ihre Wurzeln nicht selten schon in der fernen Vergangenheit haben. Weite Teile Lateinamerikas haben „nie eine Periode einer längeren Befriedung“ erlebt, erklärt er. Die Gewalt, die in manchen Regionen vorherrscht, obwohl sie meist nicht zwischenstaatlich orientiert ist, hat einen festen Stand im kollektiven Bewusstsein vor Ort. Selbst Unabhängigkeitsbewegungen waren mit blutigen Umstürzen verbunden. Was eben jenem kollektiven Bewusstsein zu fehlen scheint, ist die abschreckende Wirkung, die zu kooperativen Friedensbemühungen führen könnte. Diese „strukturelle Gewalt“ sei kein neues Phänomen, denn sie ist bereits seit kolonialer Vorzeit ein gängiges Mittel, um Macht- oder Wirtschaftsinteressen durchzusetzen.

Die Folgen davon zeigen sich in Fluchtbewegungen, die mit 500.000 Menschen pro Jahr ein fester Bestandteil und zunehmender Wirtschaftsfaktor für Kriminalität und Korruption bildet. Denn eine weitere Fehlentwicklung sei laut Antonio Sáez-Arance, dass die „Defizite an Rechtsstaatlichkeit“ und die „durch und durch korrupten Polizeistrukturen“ nicht nur für eine global einzigartige Ungleichheit zwischen den Bevölkerungsgruppen sorgen, sondern auch den „Menschenschmuggel zu einer lukrativen Option“ für Kartelle gemacht haben. Denn die Menge an Menschen – vor allem Frauen – sind ein gefundenes Fressen für jede Art von Ausbeutung und Willkür; und das immer wegen des Traums von einem „gelobten Land“, das vermeintliche Sicherheit verspricht.

Es war in keinster Weise ein positives Bild, das an diesem Abend vermittelt wurde. Viel mehr fällt dem Betrachter beim Zuhören der englische und politikwissenschaftliche Begriff vom „failing state“ (dem scheiterndem Staatswesen) ein. Was bleibt, sind die Bilder, die der Wuppertaler Journalist Øle Schmidt nun der Öffentlichkeit präsentiert. Bilder, die in die Augen, Gesichter und Orte einblicken lassen, welche Zeugen von Fluchtgründen, Flucht selbst und ihrer Gefahr sprechen.

V.l.: Dr. Antonio Sáez-Arance, Dr. Katja Schettler vom Katholischen Bildungswerk Wuppertal Solingen Remscheid (Bild: Sebastian Schulz).

Die Fotoausstellung „Auf dem Weg ins gelobte Land? Migration und Flucht aus Lateinamerika in die USA“ wird vom Katholischen Bildungswerk Wuppertal Solingen Remscheid in Kooperation mit der Utopiastadt, der Stadtsparkasse Wuppertal und der Katholischen Citykirche initiiert. Vom 3. bis zum 14. September sind die Fotografien von Øle Schmidt in der Utopiastadt zu sehen. Alle Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

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