Von Dirk Domin

Der Politologe Dr. Wolfgang Kraushaar war auf Einladung des Katholischen Bildungswerks am Laurentiusplatz zu Besuch, um in der Buchhandlung von Mackensen von den „Blinden Flecken der 68er-Bewegung“ zu berichten

Beim Betreten der Buchhandlung an einem Donnerstagabend traf Wolfgang Kraushaar zunächst auf den Buchhändler Michael Kozinowski, der auf der Suche nach weiteren freien Stühlen war. Zu diesem Zeitpunkt saßen genau 68 Zuhörer in der Buchhandlung – das hätte natürlich gepasst und hätte auch genau dem Kraushaar-Humor entsprochen, aber es kamen dann noch ein paar Nachzügler, die selbstverständlich alle nicht stehen mussten.

Wolfgang Kraushaar (Bild: Dirk Domin).

Nach einer kurzen Begrüßung begann das wandelnde Lexikon namens Kraushaar mit einem freien Vortrag über viele unterschiedliche Aspekte der 68er-Bewegung – damals wie heute. Das Publikum hörte gespannt zu. Viele von ihnen waren in einem ähnlichen Jahr geboren wie Wolfgang Kraushaar, nämlich 1948, und somit im Jahr 1968 live dabei gewesen.

Doch nicht nur zur damaligen Zeit waren viele Menschen persönlich und politisch bewegt von der Bewegung. Auch in der Gegenwart – zum 50. Geburtstag quasi – sind die 68er noch bedeutsam, betonte Kraushaar mehrfach. Vor allem die „Nachhaltigkeit der Folgen“, die die Bewegung erzeugt hat, findet er wichtig und die „soziokulturellen Echoeffekte“. Letzteres ist vor allem sichtbar in der Mentalitätsveränderung der damals jungen, aufwachsenden Generation.

Das wichtigste Medium der 68er war für Kraushaar die Kommune – nur zu einem kleinen Teil unter dem „Sex, Drugs & Rock´n´Roll“-Aspekt, sondern vielmehr als „neue Form der Vergemeinschaftung“, wie er es bezeichnet. Gleichwohl gab es auch genug Menschen, die für ein Leben als Kommunarde nicht mutig genug oder schlichtweg nicht als solcher geboren waren. Für diese wurde eine bis heute verbreitete und gegenwärtig immer akzeptiertere Wohnform geschaffen: die Wohngemeinschaft (WG).

Natürlich kam Wolfgang Kraushaar auch auf sein kürzlich erschienenes Buch zu sprechen: „Die blinden Flecken der 68er-Bewegung“. Diese „Flecken“ sind für ihn bisher kaum beleuchtete Aspekte. Exemplarisch nannte er die Gewalt und führte dies am Beispiel des 2. Juni 1967 aus. An diesem Tag wurde in West-Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Er war Teilnehmer an einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien. Erst vor einigen Jahren kam heraus, dass am gleichen Tag ein Sprengstoffanschlag auf den Konvoi des Schahs geplant war. Dieser allerdings wurde kurzfristig doch nicht durchgeführt.

Nach diesem extrem detailkundigen Vortrag war der Redebedarf des Publikums groß. Obwohl ein paar wenige dabei lieber von ihrem eigenen vermeintlich wilden 68er-Leben erzählten, kamen viele interessante Ergänzungen und persönliche Betrachtungen und Bezüge zu dieser noch heute als solche angesehene „Protestbewegung“ zum Vorschein.

 

Wolfgang Kraushaar im Interview mit Dirk Domin:

Wolfgang Kraushaar (Bild: Dirk Domin).

 

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