Von Elena Daj

In der Nacht zum 10. November 1938 Jahren fand sie statt: die Reichspogromnacht, oder auch „Kristallnacht“ genannt. Juden im ganzen Deutschen Reich wurden überfallen, jüdische Läden und Wohnhäuser geplündert, Synagogen zerstört. Auch in Wuppertal brannten die zwei Synagogen, an der Genügsamkeitstraße in Elberfeld und an der Scheurenstraße (heute: Zur Scheuren) in Barmen. Anlässlich des traurigen Jubiläums organisierte die Begegnungsstätte Alte Synagoge eine thematisch ausgerichtete Veranstaltungsreihe. Ein Programmpunkt war auch die in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk durchgeführte Lesung zum Roman „Der Reisende“ vom deutsch-jüdischen Autor Ulrich Alexander Boschwitz.

Der Reisende“ kommt in Wuppertal gut an

V.l.: Schauspieler Eugen Verenin, Verleger Peter Graf im Interview (Foto: Sebastian Schulz).

Das Schild „Ausverkauft“ haftet am 4. November 2018 an der Eingangstür Begegnungsstätte Alte Synagoge. Über 100 Besucher lauschen an diesem Abend gespannt der Lektüre des Schauspielers Eugen Verenin, der den mitreißenden Dialogen des Romans „Der Reisende“ neues Leben einhaucht. Drei verschiedene Szenen liest er daraus vor, unterbrochen und kommentiert von Peter Graf, dem Entdecker und Verleger des Romans. Das 2018 veröffentlichte Buch erscheint genau zum richtigen Zeitpunkt, möchte man meinen. Mit Blick auf die weltweiten Fluchtbewegungen und die anwachsende Fremdenfeindlichkeit, könnte es aktueller nicht sein, so Graf.

 

(Foto: Sebastian Schulz).

Peter Graf im Interview (4.11.2018)

Novemberpogrome Der Roman „Der Reisende“ erzählt, wie’s war

Gerade mal 23 Jahre ist Ulrich Alexander Boschwitz alt, als ihm das literarische Meisterwerk gelingt. In nur vier Wochen bringt er seinen Roman „Der Reisende“ aufs Papier, worin er die Geschichte des jüdischen Kaufmanns Otto Silbermann erzählt. Die Handlung spielt zur Zeit der Reichspogromnacht im November 1938. Obwohl der Autor damals noch nicht ahnen kann, wie es für die Juden in Deutschland weiter gehen wird, trifft er mit dem Roman den Nerv der Zeit: schleichender Antisemitismus, ein Alltag voller Angst und Gefahr, Zweifel und Ratlosigkeit — „Was machen wir jetzt?“ und „Wohin kann man eigentlich noch gehen?“ lauten die Fragen. Otto Silbermann hat resigniert, er hat aufgehört nach Antworten zu suchen. Sein Traum, „wieder ein Mensch zu sein“, in Freiheit zu leben, zerplatzt wie eine Seifenblase, als er beim Versuch über die belgische Grenze zu flüchten, erwischt wird. Seine Firma gehört ihm nicht mehr, die Nazis haben sein Haus beschlagnahmt und sein eigener Schwager verbietet ihm, die Ehefrau zu besuchen. Mit anderen Worten: Silbermann ist am Ende. Und doch ist er nie am Ziel, denn er wird zum Reisenden, überall und nirgendwo, ständig darum bemüht, unter keinen Umständen aufzufallen. Er lebt in Zügen und an Bahnhöfen, trifft viele Mitreisende und bleibt letztendlich doch allein.

Wechselnde Erzählperspektiven und eine scharfe Beobachtungsgabe machen den Roman zu einem intensiven Leseerlebnis. Er besticht zudem mit realistischen Charakteren, subtilen Details sowie höchst spannenden und zynischen Momenten, welche bei der Lesung besonders gut zum Ausdruck kommen. Auch autobiografische Elemente hat Autor Ulrich Alexander Boschwitz eingebaut, der selbst deutsch-jüdischer Kaufmannssohn war und kurz vor den Pogromen ins Ausland flüchtete. Seine Stationen führten ihn durch Schweden, Norwegen und England, und schließlich als Internierter nach Australien, wo er bei seiner Rückführung mit erst 27 Jahren durch einen deutschen Schiffsangriff zu Tode kommt.

Die Entstehungsgeschichte und „behutsame“ Edition – ein wenig beachtetes Dilemma

Nicht nur die Lesung des Romans bekommen die Besucher geboten, Peter Graf, der den Roman bei der Klett-Tochter Cotta heraus gegeben hat, sorgt auch mit Angaben zu den Hintergründen für einen kurzweiligen Abend. Er ist der Glückspilz, der Perlenfinder, der gefeierte Wiederentdecker des Romans. Graf erzählt, wie er von der Nichte des Autors auf das existente Typoskript aufmerksam gemacht wurde, wie er zum Exil-Archiv der Deutschen Nationalbibliothek nach Frankfurt reiste und bereits nach einmaliger Lektüre große Begeisterung verspürte: „Ich wusste sofort, dass das etwas ganz Besonderes ist. Das spürt man, wenn man sich über sehr viele Jahre mit Texten beschäftigt. Der Roman war herausragend“.

 

Peter Graf im Interview (4.11.2018)

Graf traut seinen Augen kaum: In seinen Händen hält er ein fehlendes Puzzleteil der Literaturgeschichte, unmittelbar nach den Reichspogromen verfasst. Mit Erlaubnis der Familie von Boschwitz, die mittlerweile in Israel lebt, überarbeitet Graf das Werk und gibt es schließlich 2018 erstmalig in deutscher Sprache heraus – 80 Jahre nach seiner Entstehung. Das Buch soll nun in fünfzehn Sprachen übersetzt und auch schon bald auf die Bühne gebracht werden, wenn es nach Peter Graf geht, direkt auf die Kinoleinwand kommen. Warum auch nicht? Die Euphorie ist berechtigt, der Roman großartig und doch bleibt am Ende der Vorstellung ein seltsamer Nachgeschmack. Da der Autor tot ist, wurde sein Werk posthum veröffentlicht, d. h. ohne seine Autorisation zu Lebzeiten. Mit dem Ableben des Urhebers ist die Problematik verbunden, das Dokument nachträglich zu bearbeiten. Im Fall des „Reisenden“ wäre also die Frage, wie viel von Boschwitz’ abgetipptem Manuskript für die aktuelle Lesefassung verändert wurde und wie viel „original“ ist? Peter Graf sieht im „behutsamen Eingriff“ seine Aufgabe als Lektor. Doch ob dieser Eingriff über Zeichensetzung und Rechtschreibung hinausgeht, bleibt offen. Auch auf Nachfrage, nennt er keine Beispiele. Es heißt lediglich: „Es sind viele kleine Änderungen, die verbessert wurden. Ich habe nichts hinzugefügt, das die Figuren nicht sagen oder tun“.

Peter Graf im Interview (4.11.2018)

Als Argument führt Herausgeber Peter Graf an, dass Boschwitz sein Manuskript auch selbst noch einmal überarbeitet hatte. Diese Fassung ist jedoch verloren gegangen. Im Vorwort zu dem Buch heißt es dazu: „Da es die Umstände damals nicht zuließen, dass Ulrich Alexander Boschwitz sein Manuskript – wie üblich – gemeinsam mit einem Verlag, mit seinem Verleger oder einem Lektor überarbeiten konnte, wurde sein Manuskript nun […] sorgsam editiert, um diesem ergreifenden und beeindruckenden Werk eine Form zu geben, die ihm gebührt.“ Doch wer entscheidet, welche Form ihm gebührt?

Ob Texte in derartigen Fällen zur einfacheren Lesbarkeit „geglättet“ werden sollen, dürfen oder sogar müssen, bleibt wohl eine Grundsatzdiskussion zwischen Edition und Vermarktung. Schließlich sind ja alle froh, dass der Roman nun überhaupt endlich auf dem Markt ist. Und den herkömmlichen Leser mag diese Debatte womöglich kalt lassen. Liest man den Emigrationsroman jedoch auch als historisch bedeutungsvolles Dokument – was es zweifellos ist –, will man seine Authentizität in Gänze nicht missen. Und da schickte es sich vielleicht an, zumindest neben der Leseausgabe auch eine Kritische oder eine Studienausgabe nachzuschieben.

 

Weitere Informationen:

Der Roman ist 2018 im Klett-Cotta Verlag erschienen, umfasst 303 Seiten und kostet gebunden 20€ oder 9,95€ als Taschenbuch. Bestellungen sind über folgenden Link möglich: „Der Reisende“.

Die Lesung und das Gespräch war eine Veranstaltung des Katholischen Bildungswerks Wuppertal Solingen Remscheid in Kooperation mit der Begegnungsstätte Alte Synagoge.

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