Von Larissa Plath

V.l.: Eugen Verenin und Peter Graf (Foto: Sebastian Schulz).

Mit diesem Roman schließt sich eine Lücke in der Literaturgeschichte: Erstmals im Jahre 1939 unter dem Pseudonym ‚John Crane‘ in England und ein Jahr später auch in den USA erschienen, gibt es Ulrich Alexander BoschwitzDer Reisende seit diesem Frühjahr nun endlich auch in deutschsprachiger Fassung zu lesen. Im Gedenken an die Novemberpogrome vor 80 Jahren und als Teil einer umfangreichen Veranstaltungsreihe zu diesem Thema bot das Katholische Bildungswerk in Kooperation mit der Begegnungsstätte Alte Synagoge und der Buchhandlung v. Mackensen einen literarischen Abend rund um das nahezu in Vergessenheit geratene Werk des deutsch-jüdischen Schriftstellers – eine Möglichkeit, Boschwitz’ Roman (neu) zu entdecken.

Es ist kurz vor 17 Uhr, die Veranstaltung ist ausverkauft – umgeben von gut bestückten Bücherregalen nehmen die zahlreichen interessierten BesucherInnen, die an diesem Novembertag eine Eintrittskarte ergattern konnten, Platz in den Räumlichkeiten der Begegnungsstätte Alte Synagoge. Der literarische Abend im Zeichen von Boschwitz’ Roman beginnt mit einer Einführung des Berliner Lektors und Verlegers Peter Graf und der Geschichte seiner Wiederentdeckung von Der Reisende. Über Umwege und durch glückliche Umstände wurde Graf von Boschwitz’ in Israel lebender Nichte auf das Manuskript aufmerksam gemacht. Für das Typoskript der deutschsprachigen Originalfassung musste Graf nicht um die Welt, sondern nur nach Frankfurt am Main reisen: Es befindet sich im Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek und wurde bis auf die ersten 109 Seiten, so schrieb Boschwitz in einem Brief an seine Mutter, nie weiter von ihm überarbeitet oder anderweitig lektoriert.

Ein bewegtes Leben

(© Klett-Cotta Verlag)

In der Literaturgeschichte nimmt der Roman eine besondere Rolle ein, da er unmittelbar nach den Novemberpogromen 1938 verfasst wurde und ein authentisches, bedrückendes Stimmungsbild jener Zeit liefert. Die späteren Entwicklungen waren für Boschwitz zu diesem Zeitpunkt ebenso wenig absehbar wie für seinen Protagonisten, den jüdischen Kaufmann Otto Silbermann. Als Folge der Pogrome findet sich Silbermann nach der überstürzten Flucht aus seinem Haus nur mit einem Geldkoffer in der Hand auf der Straße wieder, irrt ziellos umher. Neben dem Verlust seiner Reputation ist es vor allem die Ablehnung durch seine Mitmenschen, die er zu spüren bekommt. Der Fluchtversuch nach Belgien misslingt, Silbermann wird zum ständig Reisenden, der Schutz in Zugabteilen und Bahnhöfen sucht.

Zentrale Themen wie Flucht, die damit einhergehende Ruhelosigkeit und der von Silbermann empfundene, stetig steigende Sinnverlust ziehen sich durch die drei längeren Auszüge des Romans, die an diesem Abend von Schauspieler Eugen Verenin präsentiert werden. Boschwitz’ Werk erscheint in vielen Passagen nahezu filmisch und es gelingt Verenin in seiner Lesung auf eindrucksvolle Weise, die im Roman dargestellten Szenen für die anwesenden ZuhörerInnen greifbar zu machen. Jeder der Figuren verleiht er eine eigene, charakteristische Stimme. Es sind eben diese neuen und altbekannten Gesichter, die Silbermann auf seiner ziellosen Reise trifft, welche für zwischenmenschliche Begegnungen und kurze Momente der Normalität inmitten des erlebten Grauens sorgen. Im Mikrokosmos der Bahnhöfe und Zugabteile entfalten sich die Szenen in einer kammerspielartigen, eindringlichen Atmosphäre.

Literarischen Stoff liefert auch die schicksalhafte Biographie von Boschwitz selbst, der ebenso wie der Protagonist seines Romans ein Reisender war. 1915 in Berlin geboren, emigrierte er 1935 gemeinsam mit seiner Mutter nach Skandinavien und landete nach verschiedenen Stationen von Frankreich über Luxemburg und Belgien 1939 schließlich in England. Dort wurde er als ‚feindlicher Ausländer‘ (‚enemy alien‘) interniert und verbrachte zwei Jahre in einem Lager in New South Wales, Australien. Der Schriftsteller starb 1942 im Alter von 27 Jahren, als das Schiff, auf dem er sich während seiner Rückreise nach England befand, von einem deutschen U-Boot torpediert wurde.

Anfang und Ende einer Geschichte

Der Reisende ist der zweite Roman des Schriftstellers und entstand während seiner Zeit in Luxemburg und Belgien. Sein Erstlingswerk mit dem Titel Menschen neben dem Leben wurde 1937 in schwedischer Übersetzung veröffentlicht, das Manuskript für ein drittes Buch trug Boschwitz vermutlich bei seinem Tod bei sich. Von einem Früh- oder Spätwerk lässt sich bei diesem jung verstorbenen Autor kaum sprechen – umso beeindruckender die Tatsache, dass Boschwitz bereits mit 23 Jahren ein derart „gut durchkomponiertes Buch“ vorlegen konnte, so Peter Graf. Im Lektorat seien demnach bis auf einige stilistische Änderungen keine großen Eingriffe vorgenommen worden, nicht zuletzt weil gerade die Bearbeitung eines Werkes, welche aus gegebenen Umständen ohne Rücksprache mit dem Autor geschehen muss, eine gewisse Behutsamkeit erfordere. Hierbei gilt es, sich so gut wie irgend möglich in den Dienst des Textes zu stellen, erklärt der Herausgeber in einem abschließenden Gespräch zum editorischen Hintergrund von Boschwitz’ Roman.

Peter Graf (Foto: Sebastian Schulz).

Der Abend in der Begegnungsstätte Alte Synagoge neigt sich dem Ende zu, doch die Geschichte von Ulrich Alexander Boschwitz’ literarischem Erbe wird fortgeschrieben: Neben Übersetzungen in mehrere Sprachen sind ein Theaterstück sowie die Verfilmung von Der Reisende geplant, und auch der erste Roman des Schriftstellers wird im nächsten Jahr in deutscher Übersetzung erscheinen. „Dieser Autor hat seinen Platz in der Literaturgeschichte“, lautet das Resümee von Peter Graf. Mehr als 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung stellt Boschwitz’ Roman um seine Hauptfigur Otto Silbermann ein literarisches Zeugnis dar, das in der Unmittelbarkeit seiner Schilderungen jener Zeit nahezu unvergleichbar ist.

Weitere Informationen:

Die „Ulrich Boschwitz (1915-1942) Collection“ des Leo Baeck Institutes/Center for Jewish History hier als Link.

Larissa Plath studiert im Master Anglistik sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal und ist eine leidenschaftliche Leserin.

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