Von Ben Sulzbacher

Valerie Schönian lebt als Journalistin in Berlin und arbeitet für die Leipziger ZEIT-Redaktion. Von April 2016 bis Mai 2017 begleitet sie den ehemals in Wuppertal tätigen Priester Franziskus von Boeselager bei seiner Arbeit als Kaplan. Ihr Anliegen: der Versuch, den katholischen Glauben zu verstehen. Die gebürtige Magdeburgerin verharrt während dieser Zeit nicht in der stummen Beobachterrolle. Sie will Antworten auf Fragen, die weder einfach zu stellen noch zu beantworten sind. Ihre Erlebnisse und Gedanken schildert sie zunächst in dem Online-Blog Valerie und der Priester, um sie schließlich in dem diesjährig erschienen Buch Halleluja: Wie ich versuchte, die katholische Kirche zu verstehen niederzuschreiben. Am 04. November fand eine Autorenlesung mit anschließendem Gespräch in der Wuppertaler St. Suitbertus-Kirche statt.

Valerie Schönian (links) im Gespräch mit Christa Neumann (rechts).

Die christliche Kirche sieht sich einer voranschreitenden Überalterung gegenüber. Dies zeigt sich nicht nur an den steigenden Zahlen von Kirchenaustritten, auch die wöchentlichen Gottesdienste verlieren an Zulauf. Gerade im Alltag einiger junger Menschen spielen Kirche und Glauben keine nennenswerte Rolle mehr. Das führt oft zu Vorbehalten, die nur selten Abbau erfahren. Ähnlich ergeht es auch Schönian, bevor sie gefragt wird, ob sie ein Jahr lang bei Priester Franziskus von Boeselgaer in Roxel nahe von Münster verbringen möchte. Warum ausgerechnet sie für das Projekt ausgewählt wurde? Schönian beantwortet diese Frage, bevor sie aus ihrem Buch zu lesen beginnt, mit dem „Big-Brother-Effekt“. Um das Vorhaben auch in kirchenfernen Kreisen publik zu machen, sollen die Einstellungen der Journalistin und des zu begleitenden Priesters möglichst gegensätzlich sein. So kam es, dass Autor und Politikberater Erik Flügge, der das Projekt für die Deutsche Bischofskonferenz organisierte, einerseits Schönian als „linke feministische Journalistin aus der Großstadt“ und konträr dazu einen „konservativen Priester“ anfragte.

Aller Anfang ist schwer

Was auf die Zusage folgt, ist zunächst einmal ein Gefühl von „völliger Überforderung“. Während die Autorin das erste Kapitel vorliest, ahnen die rund 40 ZuhörerInnen, dass sie und der Kaplan keinen leichten Start hatten. Das mag einerseits an den unterschiedlichen Lebensentwürfen der beiden liegen, andererseits wird schnell deutlich, dass Schönian kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um kritische Nachfragen geht. So hakt sie nach, wie Boeselager sein Bild von Gott mit dem Sterben der vielen Flüchtlinge im Mittelmeer vereinbaren kann und welche Art von Tattoo sich der Geistliche stechen lassen würde. Auch auf Nachfrage von Dialogpartnerin Christa Neumann – Pastoralreferentin der Gemeinde St. Laurentius – tut sie ihre anfängliche Irritation kund. Besonders sei ihr ein Gespräch über den Teufel in Erinnerung geblieben, der einen laut Boeselagers Überzeugung in nahezu jeder Alltagssituation vom richtigen Weg abbringen kann. Dennoch gibt es auch am Anfang der gemeinsamen Zeit schon verbindende Momente – die Nutzung des Smartphones etwa. Da überrascht es nicht, dass Schönian zu Beginn der Veranstaltung ein Foto der besetzten Kirchenbänke aufnimmt, um es dem Priester gleich zu schicken.

Jeweils zwei Wochen am Stück verbringt Schönian in einem Hotel, welches nur eine Gehminute von Boeselagers Pfarrhaus entfernt liegt. Ihr ist es wichtig, ab und an ihre Freunde in Berlin wiederzusehen, um sicherzustellen, dass ihr altes Leben noch da ist. Das Doppel unternimmt neben den alltäglichen Aufgaben in der Gemeinde jedoch auch Reisen miteinander, fährt zusammen zum Weltjugendtag nach Krakau, fliegt nach Rom und besucht eine Priesterweihe in München. Dort verbringt die Autorin den Tag mit Priester Franziskus, während sie nachts alte FreundInnen wiedertrifft. Immer wieder fällt das Thema auf Schönians Projekt. Was dabei erstaunt: Wird Unverständnis gegenüber der Kirche und den Gläubigen laut, ergreift Schönian Partei. Wundersam – auch für sie selber –, kamen derartig kritische Bemerkungen sonst immer von ihr. Irgendwas scheint sich in der bisherigen Zeit getan zu haben. Es ist weniger die Verteidigung der katholischen Kirche, vielmehr geht es Schönian darum, sich gegen die Pauschalisierung von Menschen zu positionieren. Das kauft man ihr ab. Denn wer, wenn nicht sie, würde sonst keine Gelegenheit ausschlagen, die Kirche mit kritischen Fragen zu löchern. Das bedeutet wiederum nicht, dass sie keine Verbesserungsvorschläge in petto hat. Ihre Diagnose: Die Kirche kann Menschen Halt geben, sollte ihnen aber auch Raum für Fragen einräumen. „Wenn Leute fragen, dann hören sie auch zu.“ Und genauso scheint das auch bei Schönian zu sein. Im Anschluss an die Lesung gibt sie den BesucherInnen die Möglichkeit, ihre persönlichen Nachfragen zu stellen. Lediglich auf die Streitthemen zwischen ihr und Franziskus möchte sie nicht recht eingehen und verweist stattdessen auf ihr Buch, was eine rege Diskussion – insbesondere der „brisanten“ Themen – leider verhindert.

Valerie Schönians diesjährig erschienenes Buch (© Piper Verlag).

Das Schöne: Hallelujah klingt auf allen Sprachen gleich“

Als am Ende der Veranstaltung ein Zuhörer nach ihrem persönlichen Fazit fragt, überlegt sie nicht lange: „Ich bin immer noch nicht katholisch geworden“, sagt sie und muss grinsen. Der Glaube ist nicht gekommen – Vertrautheit hingegen schon. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn die Kirchenglocken läuten. Was früher kaum oder als störend wahrgenommen wurde, empfindet Schönian jetzt als Einladung. Ein bisschen scheint sie also doch in den Alltag der Kirche und die ihr zunächst fernen Abläufe reingewachsen zu sein. Das gemeinsame Jahr hat ihr gezeigt, dass Glaube Menschen verbinden kann, sogar über nationale Grenzen hinaus. Dennoch unterscheidet sich ihre Meinung weiterhin in vielen Punkten von den Ansichten der Kirche. Ganz besonders gelte dies in Hinblick auf Themen wie Homosexualität oder Gleichstellung der Geschlechter.

Die thematisierte Unsicherheit im Umgang mit kirchlichen Riten ist für die ZuhörerInnen ebenfalls ein Stück weit spürbar. Spielt man im Team Schönian, versteht man zunächst nicht, wieso Boeselager schmunzeln musste, als die Autorin beim Friedensgruß aus Unwissenheit statt des eigentlichen „Der Friede sei mit dir“ ihren Vor- und Zunamen nannte. Andersrum verhält es sich, wenn Schönian von Netflix spricht, denn Priester scheinen nicht zu streamen. Während Schönian die einzelnen Passagen ihres Buches vorliest, ordnet man sich entweder der einen oder der anderen Sichtweise zu. Dass die Veranstaltung in einer katholischen Kirche stattfindet, verstärkt diesen Effekt: Als Nicht-Kirchengänger, der überwiegend von Menschen umgeben ist, denen das kirchliche Setting vertraut zu sein scheint, fühlt man sich doch ein wenig verloren. Die Reaktionen – hochgezogene Augenbrauen und hin und wieder ein lächelndes Kopfschütteln – auf die von Schönian vorgetragenen Anekdoten zeigen jedoch, dass auch regelmäßigen KirchengängerInnen das Leben eines konservativen katholischen Priesters in vielerlei Hinsicht fremd ist.

Ich bin dankbar für das Jahr. Für all die Erfahrungen, Menschen, Gedanken, die es mir brachte.“

Schönians Worte machen eines ganz deutlich: Es kommt nicht darauf an, die Meinungen des anderen anzunehmen. Sich hin und wieder auf bisher Fremdes oder gar Abgelehntes einzulassen, kann einen persönlich in Hinblick auf die eigenen Standpunkte voranbringen. Diese Message zieht sich wie ein roter Faden durch Schönians Buch, dessen Inhalte sie auf äußerst humorvolle Art vorträgt. Die pointierten Auszüge machen Lust auf mehr und so überrascht es nicht, dass sich nach Ende der Veranstaltung eine lange Schlange vor dem Verkaufs- und Signiertisch einfindet, um selber nachzulesen, wie es zwischen der Berliner Autorin und dem Priester weitergeht. Einen ersten Hinweis auf den Ausgang des Projekts gibt Schönian dann schließlich doch noch: Aus zwei Menschen, deren Welten kaum unterschiedlicher sein könnten, sind Freunde geworden. Und so besucht sie den Priester am Folgetag der Lesung – über ein Jahr nach Ende des Projekts – immer noch in seiner Gemeinde.

Valerie Schönian (rechts) beim Signieren von einem ihrer Buchexemplare.

Ben Sulzbacher (23) studiert an der Bergischen Universität Wuppertal die Masterstudiengänge Soziologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft.

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