Von Sebastian Schulz

Die Citykirche ist gut gefüllt an diesem Abend, der gleichzeitig das diesjährige Ende der Veranstaltungsreihe „Über die Welt und Gott“ des Katholischen Bildungswerkes darstellt. Das ist nicht unbegründet, denn die diesjährige Themenreihe, die in Kooperation mit dem Wuppertal Institut konzipiert und ausgeführt wurde, trifft den Nerv der Zeit.

Schauspielerin Silvia Munzón López bei der Lesung der Papstenzyklika „Laudato Si“ (Foto: Sebastian Schulz).

2015 reagierte Papst Franziskus im Hinblick auf die in jenem Jahr angesetzte Klimakonferenz in Paris. Mit seiner Enzyklika „Laudato si“ äußerte sich erstmals ein katholisches Kirchenoberhaupt zu den verheerenden Auswirkung des Klimawandels auf die Umwelt und vor allem auch auf die Menschen, die in diesem Zusammenhang von den Auswirkungen betroffen sind. Dieser Denkanstoß veranlasste die Initiatoren der Themenreihe, nicht nur den Klimawandel sondern auch Klimagerechtigkeit in den Fokus zu rücken. Eine Sicht, die im Umkehrschluss die Lebensweise der führenden Industriestaaten und ihrer Bürger aufs äußerste in Frage stellt.

Systematisch baute die Veranstaltungsreihe beispielhaft ein Bild und eigentlich nötige Schritte für einen Wandel im öffentlichen Raum und auch im persönlichen Lebensbereich auf: Kohleausstieg! Aber auf welche Weise und wie gerecht? Persönlicher Konsum und Verbrauch. Welche globalen Auswirkungen hat unsere Art zu leben? Verschwendungswirtschaft. Ist die Sharing-Economy eine alternative Methode im Alltag? Modifizierte Landwirtschaft. Mehr Fläche und Überproduktion statt nachhaltiger Aufbereitung von Anbauflächen?

Gerade die Forschung des Wuppertal Instituts in Bereichen von Verkehrs- und Umweltforschung beweist, dass unsere Gesellschaft in der Theorie viele Lösungsansätze vorweist. Doch wie so oft scheitern solche Ansätze an Wirtschaftsinteressen oder dem mangelnden Willen, seine eigene Lebensweise zu ändern.

Dr. Michael Kopatz (Wuppertal Institut) (Foto: Sebastian Schulz).

Der Umweltwissenschaftler Dr. Michael Kopatz vom Wuppertal Institut spricht der Einzelperson gar die Fähigkeit ab, diese nötigen Veränderungen zu ermöglichen: „Der Fleischkonsum geht nicht zurück und wir fahren als mehr als je zuvor […] Werbung manipuliert uns und das ist der Grund, dass alles immer mehr wird“. Der Einzelne könne das gar nicht stemmen, meint Kopatz und sieht höhere politische Instanzen wie die Bundesregierung in der Pflicht, die jedoch nur durch uns ihren Auftrag erhalten könne: „Ihre Aufgabe ist, diese Veränderungen einzufordern […] politischer Protest ist wichtiger als persönlicher Verzicht!“. So zeichnet er ein recht pragmatisches Bild unserer Möglichkeiten, doch womöglich ist der Zeitpunkt dafür richtig.

 

 

Dr. Uwe Schneidewind (Foto: Sebastian Schulz).

Die Mitarbeiter des Wuppertal Instituts wissen das. „Es ist eine Sackgasse, in der die Umweltbewegung steckt“, sagt Dr. Uwe Schneidewind, seines Zeichens Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer. Ideen scheinen nicht auszureichen, um eine geeignete Wende im Konsumverhalten und der Energiewirtschaft zu erreichen. An ihnen fehlt es jedenfalls nicht, wie der Wirtschaftswissenschaftler bemerkt, wenn er sagt, dass wir „technologisch noch nie so weit waren“. Der Stadt, die dem Institut seinen Namen gibt, spricht er sogar die Eigenschaft zu, „eine heimliche Künstler- und Kunststadt“ zu sein und spielt dabei auf den an diesem Abend oft verwendeten Begriff der „Zukunftskunst“ an.

 

 

 

Stadtdechant Dr. Bruno Kurth (Foto: Sebastian Schulz).

Ist es also ein Problem der Motivation? Reichen die Sicht auf die Auswirkungen von Klimawandel und Klimaungerechtigkeit nicht aus? Im Hinblick auf die Enzyklika „Laudato Si“ stellt sich dann die Frage: Welche Rolle könnte genau an dieser Stelle die Kirche einnehmen? Stadtdechant Dr. Bruno Kurth erklärt, dass es nur einen Weg geben kann, damit die Menschen ihr Verhalten ändern: „Als Christ erleben wir einen langen Prozess der Umkehr und auf diesem Weg braucht man Zeichen (im Sinne von Taten)!“ Seiner Ansicht nach käme ein Umdenken nicht ohne „die Impulse des Christentums“ und sieht vor allem „die Gemeinde als Gemeinschaft des Handelns“.

 

 

Was ist es also die Lösung mit Blick auf Klimawandel und Klimagerechtigkeit? Ist es eine abgeschwächte Ökodiktatur von oben oder ist es die Mobilisierung des menschlichen Potenzials in kompakten Gemeinschaften? Die Antwort bleibt entweder ein Streitpunkt oder löst sich in einem Mittelfeld auf. An diesem Abend gibt es keine endgültige Antwort und das trotz ausgeprägter Besucherzahl sowie der personellen Expertise des Wuppertal Instituts. Vielleicht mag es auch daran liegen, dass der Anteil der Bevölkerung, den es am meisten betrifft, kaum anwesend war. Der Altersdurchschnitt an diesem Abend: 50+!

V.L.: Dr. Michael Kopatz (Wuppertal Institut), Susanne Varnhorst (Stadt Wuppertal, Ressort Umwelt), Moderatorin Verena Hermelingmeier, Dr. Uwe Schneidewind (Wuppertal Institut), Stadtdechant Dr. Bruno Kurth (Foto: Sebastian Schulz).

Die sechste Veranstaltung der Reihe „Über die Welt und Gott“ wurde ermöglicht durch die Kooperation des Katholischen Bildungswerkes Wuppertal Solingen Remscheid, des Wuppertal Instituts und der Citykirche Elberfeld sowie mit Unterstützung der Jackstädt-Stiftung, der GEPA, der Stadtsparkasse Wuppertal und dem Oekom Verlag.

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