Von Sebastian Schulz

Wenn Prof. Dr. Khorchide auf den Plakaten und Flyern zu lesen ist, kommen die Menschen scheinbar bereitwillig in großer Zahl, um Ihn zu hören. Der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hatte sich an einem Donnerstagabend in Barmen ein recht umstrittenes Thema vorgenommen, das sowohl Christen als auch Muslime entweder zu einem interreligiösen Dialog anregen kann oder je nach Auslegung Differenzen hervorruft: Jesus Christus als Prophet im Koran.

Eine sehr gemischte Zuhörerschaft füllte die Gemeinderäumlichkeiten von St. Antonius in Barmen. Tatsächlich geschah dies in einem Maß, dass sogar der Platz für weitere Stühle ausging. Der Grund dafür war die Frage nach der Rolle Jesu im Koran, welche im christlich-islamischen Kontext oft für Kontroversen sorgt. Folgt man den Erläuterungen von Mouhanad Khorchide, scheint das jedoch unbegründet, sofern eine sachliche Einstellung zu den Inhalten des Korans vorausgesetzt wird.

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide (Foto: Sebastian Schulz).

Prof. Dr. Khorchide im Interview (6.12.2018).

„Die Auseinandersetzung mit Jesus im Koran lädt ein, sich mit Liebe und Barmherzigkeit auch im interreligiösen Dialog auseinanderzusetzen“, erklärt Prof. Dr. Khorchide. Für die Beschäftigung mit dem Koran sei dabei zwischen zwei Richtungen der Leseart zu unterscheiden: die „monologische“ und „dialogische“ Leseart. Während erstere den Koran als abgeschlossen und somit eher rein zitiert als interpretiert, bezieht die dialogische Art die historischen und weitere Kontexte hinzu, um die Offenheit des Korans aufzuzeigen. Der Islamwissenschaftler begründet dies sogar mit einem gleichsam humoristischen wie treffenden Beispiel. Mit Bezug auf die Sure 16, Vers 8, welche die Mittel zum Transport von Waren und Menschen beschreibt, erklärt Khorchide, dass sich heutzutage die wenigsten dafür entscheiden würden, Pferde, Maultiere oder Esel als Haupttransportmittel zu nutzen. Es ist ein sehr simples Beispiel, doch ist es eine Bestätigung für eine gesunde Kontextualisierung des Korans. Für die Betrachtung von Jesus im Koran kann deshalb kein anderer Weg gelten, insbesondere da viele Bezüge inhaltliche Lücken aufweisen.

Prof. Dr. Khorchide im Interview (6.12.2018).

Gerade die Bezeichnung als „Sohn Gottes“ scheint im christlich-islamischen Dialog die meisten Kontroversen auszulösen. Die Sure 19, Vers 34 bezeichnet Jesus als Sohn Marias, wobei Mouhanad Khorchide zu verstehen gibt, dass das arabische Wort für Sohn die biologische Zeugung impliziert, was aus Sicht des Korans im Falle Gottes nicht möglich sei (Sure 112, Vers 3). Überhaupt scheinen die meisten Probleme ihre Wurzeln in der starren Übersetzungsweise und Interpretation sowohl von Muslimen als auch Außenstehenden zu haben. Dass der Koran in Jesus allerdings eine interpretatorische Offenbarung Gottes sieht, schlägt dabei jedoch eine Brücke zum Christentum.

Prof. Dr. Khorchide im Interview (6.12.2018).

Die Beschäftigung mit Jesus im Koran ist eine Detailarbeit, die Mouhanad Khorchide passend für das Publikum ausrichtete, ohne qualitative Abstriche zu machen. Dabei offenbart sich oft jedoch eine Entwicklung, die dem nicht unbedingt förderlich ist. Im Austausch mit Gelehrten, Islamwissenschaftlern aber auch schlicht Gläubigen der Welt sieht Prof. Dr. Khorchide, dass eine fundierte und kontextualisierte Befassung mit dem Koran entweder komplett ausbleibt oder schlicht monologisch geschieht, was den Koran zu einem starren Werk macht. Er kritisiert, dass zunehmend „die Mitte fehlt“, die einen sachlichen Umgang mit der Schrift befürwortet und somit auch den interreligiösen Dialog fördern würde.

Die Thesen von Prof. Dr. Mouhanad Khorchide sind in seinem neuesten Werk „Der andere Prophet. Jesus im Koran“ (Herder 2018) nachzulesen, das gemeinsam mit dem katholischen Theologen Prof. Dr. Klaus von Stosch entstand. Hierbei versuchen die beiden Wissenschaftler, Jesus gleichzeitig aus einer christlichen und islamischen Perspektive im Koran zu ergründen.

Eine Veranstaltung des Katholischen Bildungswerks Wuppertal/Solingen/Remscheid in Kooperation mit der Gemeinde St. Antonius und der Buchhandlung v. Mackensen.

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