Von Ben Sulzbacher

Jesus – „die Menschwerdung Gottes“ – spielt für die Lehre des Christentums eine unverzichtbare Rolle. Auch im Koran gilt er als einer der bedeutendsten Propheten. Professor Mouhanad Khorchide hat es sich in den letzten Jahren zur Aufgabe gemacht, die Wertung anderer Religionen im Koran und insbesondere die der Figur Jesus zu untersuchen. Sein Fazit: Das Christentum und der Islam schließen sich nicht aus, sondern können einander in fruchtbarer Weise ergänzen.

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide im Saal der St. Antonius-Gemeinde in Wuppertal (Bild: Ben Sulzbacher).

Noch 15 Minuten bis Vortragsbeginn. Schon zum zweiten Mal werden Stühle nachgeholt und hinter die letzte Reihe gestellt. Am diesjährigen Nikolausabend ist das Pfarrzentrum der St. Antonius-Gemeinde in Wuppertal Barmen gut besucht. Rund 170 ZuhörerInnen haben sich eingefunden, um Professor Mouhanad Khorchides Vortrag über die Rolle des Propheten Jesus im Koran zu hören. Der Saal ist passend dekoriert: An den Wänden hängen die bunten Bilder des Künstlers Mohamed Aziz El Khiar, der versucht, die verbindenden Momente von Judentum, Christentum und Islam abzubilden. Am Eingang ist ein Büchertisch der Buchhandlung Mackensen aufgestellt, auf dem eine Auswahl der letzten Werke von Khorchide ausgebreitet liegt. Manche BesucherInnen haben jedoch auch eigene Bücher mitgebracht. So sprechen etwa zwei Frauen, von denen eine ein Buch mit der Aufschrift „Muslime in Deutschland“ aus der Tasche zieht, über ihre im Vorfeld selber angestellten Vergleiche zwischen Koran und Bibel, die zum Ergebnis hatten, dass die Unterschiede beider Schriften bis auf die „orientalische Sprache“ des Korans gar nicht so groß seien. Dann blicken beide erwartungsvoll nach vorne als der Redner endlich anmoderiert wird.

Khorchide, der seit 2010 Professor der Islamischen Religionspädagogik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ist, studierte im Libanon Islamische Theologie und schloss in Österreich zusätzlich einen Magister in Soziologie ab. Seine Lesart des Korans nennt er eine „dialogische“, welche die niedergeschriebene Schrift im Gegensatz zu einer „monologischen“ Lesart nicht als ewig gültige Selbstrede versteht, sondern ihr vielmehr eine Intention nachsagt, die auf die heutige Zeit übertragen werden muss. Wer den Koran heute stets wörtlich nehme, müsse sich sonst auch ausschließlich auf Pferden, Maultieren oder Eseln fortbewegen, wie es die 16. Sure – so werden die einzelnen Kapitel des Korans bezeichnet – nahelegt. Mit dieser von Offenheit geprägten Haltung blickt Khorchide auch auf die Darstellung anderer Religionen im Koran und kommt zu dem Schluss, dass dieser keine abwertenden Pauschalaussagen über den christlichen oder den jüdischen Glauben macht, sondern ihnen vielmehr eine gewisse Wertschätzung entgegenbringt. So wird Jesus etwa als „das Wort Gottes“ bezeichnet – ein Terminus, der nicht einmal dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird. Zudem seien in den überlieferten Schriften zahlreiche Leerstellen enthalten. Jesus werde beispielsweise in keiner Sure die Sohnschaft abgesprochen, lediglich eine biologische Zeugung durch Gott werde infrage gestellt. Klaus von Stosch, der 2016 gemeinsam mit Khorchide ein Buch zur koranischen Darstellung der Figur Jesus veröffentlichte und als Professor am Institut für Katholische Theologie an der Universität Paderborn lehrt, sieht darin für Andersgläubige eine Einladung zur Identifikation mit den Inhalten des Korans. Khorchide und er verstehen die Aussparungen in den Geschichten des Korans nicht als Leugnung bestimmter Ereignisse. Ihrer Meinung nach mache der Koran zu bestimmten Aspekten lediglich gar keine Aussage, sodass er dann auch nicht als Referenz für etwaige Abwertungen oder Verbote herangezogen werden kann.

Es gibt Muslime, die jetzt protestieren würden.“

Dennoch bilden Meinungen wie Khorchides aktuell eine Minderheit. Seine freizügige Auslegungspraxis erfährt von vielen Seiten Kritik. So zurückhaltend er durch seine bedächtig gewählten Worte auch wirkt: Er muss sich zu behaupten wissen – national wie international. Insbesondere seine These von einem barmherzigen Islam wird durch führende muslimische Verbände zurückgewiesen. Khorchide erklärt diese Diskrepanz damit, dass Muslime den Koran kaum noch selber lesen und konservativ ausgebildete Imame somit als einziges Sprachrohr für den Koran fungieren. Eine liberale Auslegung herrsche somit ausschließlich im elitär-wissenschaftlich geprägten Diskurs vor, dringe von dort aus jedoch nicht nach außen. Gleichzeitig betont er die Schwierigkeiten, die mit einer selbstständigen Lektüre des Korans einhergehen: Die einzelnen Suren folgen keiner chronologischen Reihenfolge und beziehen sich immer wieder auf kulturelle Sachverhalte, die heute längst unbekannt sind. Der Professor arbeitet daher an einem historisch-kritischen Koran-Kommentar, der auf 17 Bände angelegt ist und durch den Herder-Verlag vertrieben wird. Während Khorchide davon erzählt, kann man das Ausmaß eines derartigen Vorhabens nur erahnen. Die Arbeit klingt nicht nach einer reinen Übersetzungstätigkeit. Es müssen Wortgeschichten recherchiert, viele Textstellen miteinander abgeglichen sowie kulturelle und geschichtliche Sachverhalte zurück bis in das siebte Jahrhundert aufgearbeitet werden. Dann erst ist die Basis für eine reflektierte Interpretation möglich. Inwieweit die kommentierte Ausgabe eine „fertige“ Interpretation liefern wird, bleibt unklar. Vor dem Hintergrund, dass sie sowohl eine Grundlage für zukünftige wissenschaftliche Untersuchungen als auch eine Interpretationshilfe für ein breites Publikum bieten soll, bleibt zu hoffen, dass sie keine neue Lesart festlegt, sondern den Leser dazu anregt, sich sein eigenes Bild zu machen.

Die anschließende Diskussion fand unter der Leitung von Gemeindereferentin Angela Gotzhein statt (Bild: Ben Sulzbacher).

Nicht nur die eigene Religion im Blick

Im Anschluss an den Beitrag von Khorchide gibt es die Möglichkeit, ihm Fragen zu stellen. Ein Moment der Offenbarung? Schließlich hat man sich während des Vortrags doch gefragt, was die ZuhörerInnen, die sich sowohl durch ihr Alter als auch verschiedene Nationalitäten voneinander unterscheiden, an einem regnerischen Donnerstagabend zu einer Veranstaltung über die Auslegung des Korans zieht. Rasch wird deutlich, dass die Beweggründe für das eigene Erscheinen unterschiedlich sind. Ein paar ZuhörerInnen haben ihre Fragen im Vorhinein vor dem Hintergrund persönlicher Interessen offensichtlich vorbereitet. Wieder andere greifen direkte Aspekte des Vortrags auf. Auch die Rolle von deutschen Muslimen wird mehrfach thematisiert: Wie verlässlich sind etwa die Koranübersetzungen, die von häufig an Bahnhöfen anzutreffenden LIES!-Aktionen verteilt werden? Wie kann die Entwicklung fundamentalistisch-religiöser Gruppen eingeschätzt werden? Und wie kann man den Austausch zwischen Muslimen und Christen in Zukunft fördern?

Khorchide geht auf jede dieser Fragen ein und bemüht sich, sachlich zu informieren und dennoch seinen eigenen Standpunkt hervorzuheben. Vielleicht ist es seine ruhige Art, die absolute Authentizität ausstrahlt, vielleicht aber auch sein Status als Professor, der Objektivität suggeriert. Er scheint den Fragenden jedenfalls ein geeigneter Experte für die Beantwortung ihrer Anliegen zu sein. Auf die Frage, wie man von christlicher Seite aus den interreligiösen Dialog fördern könnte, antwortet Khorchide: „Einfach mal zusammen kochen“, und lächelt. Seiner Meinung nach ist es nicht nötig, die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen in der jeweiligen Religion zu suchen, wo es doch ohnehin genug gibt, was sie auf alltägliche Art anderweitig verbinden kann.

Khorchides Vortrag über die Rolle des koranischen Jesus hatte sicherlich ein spezielles Thema, in das man sich allerdings dank der eingängigen Herleitungen sowie den zahlreichen und oft auch humorvollen Beispielen gut einhören konnte. Deutlich wurde nicht nur, dass Christentum und Islam eine Menge gemeinsamer Berührungspunkte aufweisen, die sich nicht nur als Gegensatz, sondern auch als Ergänzungen verstehen lassen. Sein Versuch, eine neue Lesart des Korans zu etablieren steht einem Bild des unbarmherzigen Korans, aber auch einer fundamentalistischen Auslegung entgegen. Insofern kann sein Standpunkt und vor allem die öffentliche Vertretung dessen als eine Form der Präventionsarbeit verstanden werden. Die lebhafte Diskussion im Anschluss an seinen Vortrag hat gezeigt, wie groß das Interesse an der gesamten Thematik ist. Umso bedauerlicher, dass die Fragerunde pünktlich um halb neun beendet werden musste, weil der Vortragende seinen nächsten Zug erwischen musste.

Ben Sulzbacher (23) studiert an der Bergischen Universität Wuppertal die Masterstudiengänge Soziologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft.

Please follow and like us: