Von Ben Sulzbacher

Unter dem Motto „Spannende Experimente zum Märchen Rumpelstilzchen“ fand am 13. Dezember die alljährliche Weihnachtsvorlesung des JungChemikerForums Wuppertal-Hagen statt. Dr. Gerhard Heywang verblüfft Jung und Alt und zeigt, dass Wissenschaft längst nicht nur aus dröger Theorie besteht.

Die Weihnachtszeit ist für viele Menschen mit den verschiedensten Traditionen verbunden: Kekse backen, Lieder singen und das Schmücken des Tannenbaums gehören einfach zur Vorbereitung auf die Weihnachtsfeiertage dazu. An den naturwissenschaftlichen Fakultäten mehrerer deutscher Universitäten hat sich eine Tradition der anderen Art etabliert. Jedes Jahr finden dort in der Vorweihnachtszeit Vorträge statt, die weihnachtliche Themen aus chemischer oder physikalischer Perspektive betrachten. Auch an der Bergischen Universität Wuppertal finden seit mehreren Jahren die unter Studierenden berühmten Weihnachtsvorlesungen der Chemie statt. So kommt es, dass am Abend des 13. Dezembers im größten Hörsaal der Bergischen Universität Ausnahmezustand herrscht. Fast alle 790 Plätze sind belegt, nur wenige einzelne Sitze am Rand sind noch frei. Wer im Vorhinein Karten reserviert hat, ist klar im Vorteil. Das gilt nicht nur für die Vielzahl an Studierenden, die trotz später Uhrzeit den Weg zur Vorlesung gefunden haben, auch Nicht-Studierende wie Schüler, wissenschaftliche Mitarbeiter oder einfach Interessierte scheinen an dem Spektakel teilhaben zu wollen. Wer von den vorne Anwesenden durch den heutigen Abend führt, ist unschwer zu erkennen: Dr. Gerhard Heywang, der schon 2010 den Wuppertaler Weihnachtsvortrag hielt, trägt bereits einen langen weißen Kittel und die vielen aus dem Chemieunterricht bekannte Schutzbrille darf natürlich auch nicht fehlen. Als er schließlich hinter das Pult tritt, ebbt das Gemurmel im Hörsaal rasch ab.

Was wird nun wohl passieren, wenn … ?“

Den ersten Satz des Rumpelstilzchen-Märchens hat Dr. Heywang laut eigener Aussage auswendig gelernt, um bereits das daran anknüpfende Experiment vorzubereiten. Der Müller, dessen schöne Tochter für den König Stroh zu Gold spinnen soll, dient als Überleitung zur Demonstration einer Mehlstaubexplosion. Auf einer langen Tafel sind diverse Laborutensilien aufgereiht, von denen der Chemiker nun einige an die vordere Tischkante rückt. Damit den Versuch alle im Hörsaal genauestens verfolgen können, ist eine Kamera auf den Versuchsbereich gerichtet, die das Geschehen live und für alle gut sichtbar auf die großen Wände des Saals überträgt. Als Dr. Heywang dann einen Esslöffel handelsübliches Mehl über der Flamme des Bunsenbrenners zerstäubt, geht ein Staunen durch die Reihen. Innerhalb weniger Sekunden schlagen ca. 30 Zentimeter hohe Flammen empor. Anschließend wiederholt er die Demonstration, obwohl der erste Durchlauf bereits ausgereicht hat, um die vermutlich bisher vielen Anwesenden unbekannte Wirkung brennenden Mehls zu zeigen. Die nachfolgenden Experimente wirken zwar weniger bedrohlich, sind aber keinesfalls weniger interessant: Der Chemiker veranschaulicht die Oberflächenspannung der Tränen, die die Müllerstochter über dem zu spinnenden Stroh vergießt, zeigt, wie man eine wütende Rumpelstilzchen-Attrappe in einer mit Wasser gefüllten Plastikflasche durch die Änderung der Druckverhältnisse zum Toben bringt, simuliert mit Christbaumkerzen das Feuer Rumpelstilzchens und erklärt den Prozess des Spinnens mit flüssigen Klebstoffen. Als Nicht-Naturwissenschaftler merkt man schnell, dass Chemie einem im eigenen Alltag ziemlich häufig begegnet.

Damit trotz der Größe des Hörsaals jeder die Experimente mitverfolgen kann, überträgt eine Kamera die Geschehnisse am Versuchstisch via Beamer auf die Wände (Bild: Ben Sulzbacher).

und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, da war die Spule voll“

Dr. Heywang versteht sein Handwerk. Er zeigt sich nicht nur versiert im Umgang mit verschiedenen Substanzen, auch seine Erklärungen passt er an das zum größten Teil aus Laien bestehende Publikum an. Vereinzelt nennt er zwar die im Fachjargon gängigen Bezeichnungen einzelner chemischer Verbindungen, diese sind für das Verständnis der Experimente jedoch zum Glück nicht von Nöten und werden von den Anwesenden scherzhaft mit großen Augen, hochgezogenen Augenbrauen und angestrengten Seufzern quittiert. Seine humorvolle Art beweist er ebenfalls beim Vorlesen des Märchens. Besonders die klangliche Imitation des Spinnrads scheint ihm große Freude zu bereiten. Kein Wunder also, dass man nicht das Gefühl hat, in einer normalen Vorlesung zu sitzen. Unüblich für die meisten Hörsaalveranstaltung sind auch die wiederholten Fragen, die Dr. Heywang direkt an die ZuhörerInnen richtet. Weiß jemand die richtige Antwort, wird der- oder diejenige mit einer kleinen Tüte Süßigkeiten belohnt. Einige Versuche erfordern sogar Assistenten, sodass der Wissenschaftler zwischenzeitlich nicht alleine vorne steht. All das lockert die ohnehin schon abenteuerliche Lesung des Märchens zusätzlich auf. Und so macht das Zuhören keine Mühe, sondern bereitet Freude und weckt immer wieder aufs Neue das Interesse an Erklärungen.

Rückblickend war die Vorlesung ein universitäres Weihnachts-Highlight, auch wenn sich einige ZuschauerInnen sicher noch ein wenig mehr reaktive Chemie gewünscht hätten. Im Vergleich zu den letzten Jahren musste sich bei der diesjährigen Vorlesung niemand präventiv die Ohren zuhalten. Die Demonstration einer Chemie des Alltags war sicher lehrreich und nicht minder interessant, besonders reizvoll wäre es jedoch gewesen, das experimentelle Potenzial des Faches umfangreicher auszuschöpfen. Denn gerade in der Weihnachtszeit, wo bunte Lichterketten das Stadtbild bereichern, hätten ein paar bunte Lichtblitze gut zur allgemeinen Stimmung gepasst und gleich auch auf den anstehenden Jahreswechsel vorbereitet. Passender war hingegen die Wahl der Geschichte: Zwar beinhaltet Rumpelstilzchen nicht direkt weihnachtliche Elemente, Märchen gehören aber nun einmal zur Weihnachtszeit dazu und rufen darüber hinaus so manch schöne Kindheitserinnerung ins Gedächtnis. Und irgendwie erinnern die Unmengen von frisch gesponnenem Gold doch auch an das Lametta am Tannenbaum.

Ben Sulzbacher (23) studiert an der Bergischen Universität Wuppertal die Masterstudiengänge Soziologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft.

Dr. Heywang demonstriert nicht nur, wieso das Feuer des Rumpelstilzchens so schön hoch lodert, sondern auch, wieso man bei den heimischen Weihnachtskerzen auf genügend Sicherheitsabstand achten sollte (Video: Ben Sulzbacher).

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