Von Inken Busboom

Am 14. November waren die Sitze im Kinosaal des Filmtheaters Rex ausverkauft. Grund dafür war die Veranstaltung mit dem Titel „Sexueller Missbrauch und was die Kirche dagegen tun muss!“. Ein brisantes Thema, das die Gesellschaft schon seit vielen Jahren beschäftigt. Daher erschien im Jahr 2016 in Deutschland der Film Spotlight, der sich mit dem Missbrauchs-Skandal in Boston beschäftigt und die wahre Geschichte darzustellen versucht. Mit der Vorführung dieses Films begann die Veranstaltung und mit einem Podiumsgespräch und einer Fragerunde zwischen Publikum und Gesprächsteilnehmern endete sie. Der Abend, der durch eine Kooperation des Katholischen Bildungswerks und der Pfarrgemeinde St. Laurentius zustande kam, war zwar ein langer Abend, aber es hat sich gelohnt.

Beim Betreten des Filmtheaters scheint sich der Andrang noch in Grenzen zu halten. Die Leute, die bereits gekommen sind, stellen sich in die Schlange, um eingelassen zu werden und schauen sich dabei den Tisch neben dem Eingang an, auf dem einiges an Literatur zum Thema zu finden ist. Auch Flyer und Karten von möglichen Ansprechpartnern für Betroffene liegen dort bereit. Das Publikum besteht aus verschiedenen Generationen, wenn auch die jüngere Generation nicht ganz so stark vertreten ist wie die ältere oder mittlere. Nach einer kurzen Begrüßung der Moderatorin Melanie Wielens geht es mit dem Film los.

Wenn viele helfen ein Kind großzuziehen, helfen auch viele es zu missbrauchen“

Der Film Spotlight zeigt Boston im Jahr 2001. Das vierköpfige Investigationsteam des Boston Globe, bestehend aus Walter „Robby“ Robbinson (Michael Keaton), Mike Resendez (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matt Carol (Brian D’Arcy James) ist immer auf der Suche nach einer Story, über die sie über einen längeren Zeitraum, meist mindestens ein Jahr, recherchieren können und dadurch etwas aufdecken können, was sie ihren Lesern zeigen beziehungsweise offenbaren möchten, was andere Leute möglicherweise nicht gerne in der Öffentlichkeit sehen wollen. Ihr neuer Chef Marty Baron (Liev Schreiber) bringt sie auf die Idee der sexuellen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, bittet sie aber darum, bei diesem Thema diskreter als sonst vorzugehen, da es eine sehr heikle Angelegenheit ist. Sie willigen ein und stürzen sich in die Recherche. Sie interviewen Opfer sexueller Gewalt, reden mit dem Anwalt der Opfer Mitchell Garabedian (Stanley Tucci) und versuchen Priester ausfindig zu machen, die mit sexuellem Missbrauch in Verbindung gebracht wurden und stellen sie zur Rede. Den Journalisten fällt es irgendwann schwer, objektiv zu bleiben und das Thema beschäftigt sie auch immer mehr in ihrer Freizeit, denn es bleibt nicht bei einzelnen Missbrauchsfällen, sondern es werden nach und nach erschreckend viele weitere aufgedeckt. Die Recherche des Boston Globe wurde 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und auch der Film erhielt zahlreiche Preise.

Wow, den Film muss man nun erst einmal sacken lassen. Filme mit solch einem ernsten Thema sind keine leichte Kost und beschäftigen einen mehr als andere, aber sie sind wichtig, um in unserer heutigen Gesellschaft auf so prekäre Themen aufmerksam zu machen und die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Und das hat der Film bei mir definitiv erreicht. Es gab einige Stellen im Film, die mich getroffen haben, aber eine ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Nachdem immer mehr Vorfälle des Missbrauchs in der katholischen Kirche zum Vorschein kamen und auch Namen von Priestern fielen, die mit den Vorfällen in Verbindung gebracht wurden, merkt Matt Carol, dass einer von ihnen bei ihm in der Nähe wohnt und versucht, verzweifelt seinen eigenen Kindern einzuprägen, dass sie diesem Mann nicht vertrauen dürfen. Er hängt einen Zettel an ihrem Kühlschrank, auf dem er die Adresse des Mannes schreibt und, dass die Kinder sich von ihm fernhalten sollen. Außerdem plagt ihn sein Gewissen, da er nicht über die Story reden darf, bevor sie in der Zeitung erscheint, er sich aber dazu verpflichtet fühlt, die anderen Kinder aus der Nachbarschaft ebenfalls vor dem Priester zu warnen. Die Verzweiflung des Familienvaters ging mir nahe, aber auch die Verzweiflung der anderen Spotlight-Reporter bringt den Ernst des Themas so an den Zuschauer, dass man über das Thema über den Film hinaus nachdenkt. Sowohl die Geschehnisse, aber vor allem auch die Emotionen der Reporter sind im Film sehr authentisch dargestellt.

Wir brauchen mehr ´Einmischkultur`“

Nach einer kurzen Pause nach Filmende kommt nun also das Podiumsgespräch. Moderiert wird es von Melanie Wielens und es nehmen vier Gäste daran teil. Für den Zweck des Gesprächs wurden in der Pause ein Sofa und zwei kleine Sesselstühle auf die Bühne gebracht, die allerdings nach kurzer Zeit direkt wieder hinuntergetragen und durch einfache Holzstühle ausgetauscht wurden. Beim Umschauen im Saal sah man einige verwirrte Blicke der Zuschauer und erst nachdem die Gäste auf der Bühne nun Platz genommen haben, erklärt Frau Wielens, was es mit dem Tausch der Stühle auf sich hat. Sie und die Gäste sind der Meinung, dass es unpassend wäre, auf solch bequemen, weichen Stühlen zu sitzen, wenn es um so ein ernstes und gewissermaßen „unbequemes“ Thema geht. Daher haben sie beschlossen, einfachere Stühle auf die Bühne bringen zu lassen. Nun zeigt sich Anerkennung in den Gesichtern der Zuschauer.

Frau Wielens stellt nun die Gäste vor, die auf der Bühne von links nach rechts wie folgt sitzen: Ganz links sitzt Dieter Verst, der ehemalige Leiter des Jugendamtes Wuppertal, der das Thema aus der Perspektive der Stadt darstellen kann. Daneben sitzt Daniela Löhr, Gemeindereferentin und Präventionsfachkraft der katholischen Gemeinde St. Laurentius. Als drittes wird Frau Prof. Dr. Claudia Bundschuh vorgestellt, sie ist Erziehungswissenschaftlerin und Professorin für Pädagogik des Kindes- und Jugendalters und hat außerdem Täterforschung anhand einer Studie zum sexuellen Missbrauch in katholischen Internaten betrieben. Neben ihr hat der Stadtdechant der katholischen Kirche Wuppertal, Dr. Bruno Kurth, Platz genommen, der als Chef der katholischen Kirche in Wuppertal wohl die schwierigste Rolle bei diesem Thema innehatte. Das gesamte Gespräch zeigt, wie ernst das Thema genommen wird, sowohl von den beiden Teilnehmern Frau Bundschuh und Herr Verst, deren Tätigkeiten speziell mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, als auch von den beiden Vertretern der katholischen Kirche, Frau Löhr und Dr. Kurth.

Das gesamte Gespräch lässt sich wohl kaum ausreichend in Worte fassen, doch man kann sagen, dass sich die Gäste in vielerlei Hinsicht einig sind. So finden sie beispielsweise alle den Film Spotlight sehr plausibel und, dass er die Realität der damaligen Situation präzise darstelle. Außerdem mache er deutlich, dass auch heute noch einiges geändert werden muss und, dass Missbrauchsfälle auf keinen Fall vertuscht werden dürfen, da dadurch alles nur noch schlimmer gemacht wird.

Um weitere Missbrauchsfälle vorzubeugen, sind Maßnahmen in Kraft getreten, die von großer Bedeutung sind und bereits Erfolg aufweisen. So arbeiten unter anderem Gemeinden und Erzieher gemeinsam an einem sogenannten Schutz- oder Präventionskonzept, was bestimmen soll, wie mit Kindern umgegangen werden soll und vor allem lehren soll, wie man Missbrauch verhindern kann. Es gibt beispielsweise aufklärende Schulungen, die den richtigen Umgang mit Kindern und deren Problemen vermitteln soll. Man lernt, dass man ihnen zuhören soll und sie ernst nehmen soll, wenn sie sagen, dass ihnen Unrecht widerfahren sei. Und wenn ein solcher Verdacht geäußert wurde, muss etwas dagegen unternommen werden, egal, um wen es sich bei dem Beschuldigten handelt. Dieter Verst verlangt nach mehr „Einmischkultur“ in solchen Situationen. Präventionsarbeit ist also nicht nur bei Kindern wichtig, sondern vor allem auch bei Eltern und anderen Erwachsenen, die täglich mit Kindern zu tun haben oder mit ihnen arbeiten. Mehr „Einmischkultur“ heißt also, dass es mehr Transparenz geben muss, und zwar in allen Bereichen des Systems, da, wie es auch im Film sehr deutlich gezeigt wird, das System die Täter schützt und die Opfer so eine noch geringere Chance auf ein normales Leben haben. Im Zuge des Themas Prävention fallen bei Frau Prof. Dr. Bundschuh die Worte „Missbrauch hat immer auch etwas mit Macht zu tun“. Sie erklärt, dass besonders Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen schneller sexuellem Missbrauch zum Opfer fallen, da sie häufig anfälliger sind, auf die Trost und Anerkennung. Aber natürlich werden auch Kinder aus sozial stabileren Verhältnissen missbraucht. Die Frage im Allgemeinen ist, welche Bedingungen überhaupt dazu führen, dass ein Mensch zum Täter wird. Was begünstigt sexuellen Missbrauch? Wenn man diese Fragen beantworten kann, kann man besser dafür sorgen, dass dagegen etwas getan wird. Frau Prof. Dr. Bundschuh erläutert außerdem, dass durch den Zölibat häufig ein unreifes Verhältnis zur Sexualität entsteht, was dazu führen kann, Täter zu werden. Der Zölibat allein ist nicht der Grund. Von zentraler Bedeutung ist die Machtposition eines erwachsenen Menschen gegenüber einem Kind, die ausgenutzt wird und das Kind wird für den Rest seines Lebens gezeichnet.

Zum Schluss des Gesprächs bittet Frau Wielens die Gesprächsteilnehmer um ein abschließendes Wort, auf das sie den Scheinwerfer, also das Spotlight, für die Zuschauer richten möchten. In allen vier Antworten schwingt ein Appell mit, an der Sache dran zu bleiben, noch mehr zu tun, die Betroffenen mehr mit einzubeziehen und denen zu danken, die bereits ihr Bestes geben. Wichtig für die Zukunft ist die Transparenz von öffentlichen Institutionen und der Kirche. Der Film hat schließlich gezeigt, was das Gegenteil von Transparenz, nämlich Vertuschung, für einen enormen Schaden anrichten kann.

Nach der Fragerunde mit dem Publikum verabschiedet Frau Wielens die Gesprächsgäste und die Zuschauer und der Abend ist vorbei. Doch obwohl die Veranstaltung ihr Ende gefunden hat, ist das Thema für einige der Zuschauer sicherlich noch nicht vorbei, denn der Abend hat zum Nachdenken angeregt.

 

Inken Busboom (25) studiert an der Bergischen Universität Wuppertal den Masterstudiengang Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft.

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