Von Larissa Plath

Traditionen, die sich etabliert haben, gilt es zu erhalten: So wartet das „Bergische Uni-Theater“ (BUnT) seit seiner Gründung im Jahr 2010, damals noch unter dem Namen „Theaterkollektiv Kreative Randgruppe“, immer zum Ende eines Semesters mit einer neuen Inszenierung in Eigenregie auf. Dieses Mal bringt das Team aus Studierenden mit Rainer Werner Fassbinders 1968 uraufgeführten und später auch verfilmten Katzelmacher ein Stück auf die Bühne, welches seit seinem Erscheinen nichts an thematischer Relevanz verloren hat.

Schauplatz der abendlichen Theatervorstellung ist der größte Hörsaal der Bergischen Universität. Wo sonst in mehr oder minder ausgeprägter Arbeitsatmosphäre Vorlesungen und Gastvorträgen gelauscht wird, findet an diesem Abend die dritte von insgesamt vier Aufführungen in diesem Semester statt. Beim Betreten des Saals erscheint dieser zunächst wie gewohnt schmucklos. Erst bei genauerem Hinsehen werden diverse Kabel und die Ausstattung von Licht und Technik erkennbar – all dies verrät, dass heute keine gewöhnliche Universitätsveranstaltung auf dem Plan steht. Der mittlere Teil der zahlreichen Sitzreihen ist mit Bändern abgesperrt und bietet so einen optimalen Blick auf den zur Bühne umfunktionierten Teil des Saals. Dort, mitten im Geschehen, stapeln sich Unmengen von hellbraunen Umzugskartons, bilden eine meterhohe Pappwand und stehen hier und da auch einzeln verteilt.

Foto: Larissa Plath.

Nach und nach füllt sich der Saal. Mit um die sechzig Zuschauern, darunter neben Studierenden auch viele „Gasthörer“, dürfte die Vorstellung vermutlich besser besucht sein als so manche der regulären Vorlesungen. Zwar spielt das Wetter an diesem Abend nicht mit – Schneeschauer und eisige Temperaturen lassen den Weg über die Treppen hinauf zu Gebäude K zur Rutschpartie werden – so verspricht doch die Aufführung ein interessantes Theatererlebnis fernab der üblichen Bühnenatmosphäre. Es ist 19:30 Uhr, das Hauptlicht wird gedimmt, nur zwei Scheinwerfer, Neonröhren und eine Bodenlampe beleuchten jetzt noch die Bühne: Eine Figur nach der anderen tritt unter musikalischer Begleitung auf und nimmt still ihre Position ein. Direkt zu Anfang werden die Konstellationen dargestellt, es werden Zuneigung, Bewunderung und Besitzansprüche zwischen den insgesamt zehn Figuren des Stücks angedeutet.

Fassbinders Drama dreht sich um das von Frustration und Monotonie geprägte Leben einer Gruppe junger Menschen, die in einer dörflichen Gemeinschaft in Bayern lebt. Der Alkohol fließt ständig, eine gereizte und angespannte Stimmung ist an der Tagesordnung, und die Beziehungsgeflechte sorgen für zusätzliche Konflikte. Die festgefahrene Situation ändert sich, als auf Initiative der Unternehmerin Elisabeth hin der griechische Gastarbeiter Jorgos, auf den im Titel mit dem abfälligen Ausdruck „Katzelmacher“ angespielt wird, die Szenerie betritt. Als günstige und willige Arbeitskraft wird er von seiner auf Produktivität und Effizienz bedachten Chefin in die Abläufe seines neuen Jobs eingeführt. Was da in sachlicher und professioneller Manier vorgetragen wird, ist in Wahrheit eine unmenschliche Form der Ausbeutung, erscheint aber in den Augen der Einheimischen als Ungerechtigkeit ihnen selbst gegenüber. Besonders die jungen Männer äußern ihren Unmut darüber, dass eigentlich einem von ihnen diese Stelle zugestanden hätte: „Das geht nicht, weil das ist keine Gerechtigkeit“, wird da in einem das Stück prägenden Dialekt vorgetragen.

Foto: Martin Wosnitza.

In der „BUnT“-Inszenierung werden die Szenenwechsel durch eingespielte Musik und ein kurzzeitiges Innehalten der Figuren in ihren momentanen Positionen umgesetzt. Gerade dieser buchstäbliche Stillstand ist es, der sinnbildlich für die augenscheinlich ausweglose Situation der jungen Leute steht und stets von einer aggressionsgeleiteten Grundstimmung begleitet wird. So überrascht es wenig, dass der „gut gebaute“ Neuzugang Jorgos die bestehenden Gefüge im Dorf aus dem Lot bringt. Da, wo die männlichen Halbstarken zuallererst eine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und einen unerwünschten Nebenbuhler wittern, der bessere Chancen bei den Damen hat, treten letztere dem attraktiven Gastarbeiter mit unverhohlenem Interesse entgegen. Es dauert nicht lange, bis die Gerüchte über angebliche Affären kursieren und verschmähte Avancen mit Anschuldigungen der versuchten Vergewaltigung quittiert werden.

Dass entgegen aller Ablehnung des Fremden und Unbekannten auch eine Annäherung möglich ist, zeigt die aufkeimende Beziehung zwischen Marie, einer der jungen Frauen aus dem Dorf, und Jorgos. Marie bringt ihrem neuen Liebhaber zwar große Zuneigung entgegen, doch bleibt auch hier der Eindruck nicht verwehrt, dass die körperliche Anziehungskraft im Vordergrund steht. Über allem steht Maries Hoffnung, Jorgos werde sie mit nach Griechenland nehmen und ihr so einen Ausweg aus der Tristesse bieten. So oder so trägt die Beziehung der beiden dazu bei, dass aus der anfänglichen Ablehnung der Dorfbewohner offen dargelegte Gewaltfantasien werden. Die Pappkartons werden zur Mauer, mit der man sich abgrenzt und hinter der man sich verschanzt, eine Gang zum Schutz der allgemeinen Sicherheit wird gebildet, denn, so die einstimmige Auffassung, „eine Ordnung muss wieder hergestellt werden“.

Foto: Martin Wosnitza.

Während einer Messe in der Kirche, an der auch Jorgos teilnimmt, bildet ein Pappkartonkreuz im Hintergrund ein nunmehr inhaltsleeres Mahnmal. Besonders eindrücklich wirkt das monoton vorgetragene abschließende Gebet, in welchem die Stimme des Einzelnen in der Dominanz der Masse unterzugehen droht und sich so eine besorgniserregende Eigendynamik entwickelt, die mit Blick auf die angekündigten Gewaltmaßnahmen gegenüber dem Fremden nichts Gutes verheißt. Die aufgebauten Aggressionen entladen sich schließlich in einer der eindrucksvollsten Szenen des Stücks: Grell-blendende Diskobeleuchtung und wummernde Technomusik bilden den Hintergrund für eine über alle Maßen eskalierende Gewaltszenerie, in der die (Karton-)Mauern endgültig einstürzen und Jorgos zum Opfer wird. Schwer verletzt bleibt er am Boden liegen, das selbstvergessene exzessive Tanzen und Gebrüll der Anderen hält noch lange an. Welche Art der „Ordnung“ wurde durch diesen Akt der Zerstörung wieder hergestellt? Jorgos verlässt das Dorf, aber erst, nachdem er von einem neuen türkischen Gastarbeiter gehört hat: „Türk nix gut. Jorgos geht in andere Stadt“. Wie so oft, scheint sich die Geschichte zu wiederholen.

Die Inszenierung des Uni-Theaters überzeugt durch das starke Spiel der Darsteller, welchem das reduzierte Bühnenbild und die atmosphärische musikalische Untermalung ausreichend Raum zur Entfaltung bieten. Dabei werden die im Drama thematisierten Aspekte wie Fremdenfeindlichkeit, Frustration und Neid zu grundlegenden Konflikten, die sich auf die Gegenwart übertragen lassen. In Zeiten steigender Migrationszahlen verstärkt sich bei vielen Menschen eine diffuse Angst vor dem Unbekannten. Diese äußert sich häufig in Zuschreibungen und Stereotypisierungen, welche das Fremde auf einfache Formeln reduzieren, statt es in seiner Vielfalt zu begreifen. Dass die Universität im besten Fall auch abseits der Lehrveranstaltungen ein Forum für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen ist, wird an diesem Abend mehr als deutlich: Fassbinders Katzelmacher erzeugt auch vierzig Jahre nach seiner Uraufführung einen intensiven Nachklang, der über das Stück hinaus anhält und den die „BUnT“-Inszenierung auf ihre ganz eigene Weise hervorragend umzusetzen vermag. Man darf gespannt sein, welche Stückauswahl das nächste Semester bringt.

In der „BUnT“-Inszenierung des Katzelmacher spielten mit: Sebastian Berg, Marc Busch, Katrin Pfeiffer, Dardan Ramadani, Nadine Reubsaet, Yvonne Schnickmann, Erich-Gabriel Suslo, Deborah Trust, Verena van der Linde und Marcus Walter. Regie führte Michelle Middelhoff.

Weitere Informationen zu den jeweiligen Inszenierungen, Terminen und Eintrittspreisen des „Bergischen Uni-Theaters“ sind unter folgenden Links zu finden:

Bergisches Uni-Theater und das BUnT bei Facebook.

Larissa Plath studiert im Master Anglistik sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal.

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