Von Larissa Plath

Das Buchcover von Mirna Funks Debütroman Winternähe ziert eine Abbildung verschiedener, einander überlappender Texturen – darunter graue, harte Felsen, blauer, weich fließender Stoff und glänzendes Metall – vor einem hellblauen, wolkendurchzogenen Himmel. Eben diese Vielschichtigkeit ist es, die im Roman auf unterschiedliche Weise thematisiert wird, sei es mit Blick auf die Vergangenheit oder die Gegenwart der deutsch-jüdischen Geschichte. An einem Abend Ende Januar, zwei Tage nach dem ,Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust‘ lädt das Katholische Bildungswerk zu einer Lesung und einem Gespräch mit der Autorin ein.

Um die sechzig ZuhörerInnen nehmen im angenehm beleuchteten Vortragssaal des Katholischen Stadthauses Platz, ein durchaus gemischtes Publikum, unter dem sich auch viele jüngere Leute befinden. Zusätzliche Stühle werden bereit gestellt, bis die Veranstaltung dann mit der Begrüßung durch Dr. Katja Schettler, Mitarbeiterin des Katholischen Bildungswerks, beginnt. Sie betont die Vielgestaltigkeit der Literatur und verweist auf die Möglichkeit, durch die Lektüre die eigene Wahrnehmung zu schärfen und zu erweitern. Lesen erlaube es uns, fremde Welten zu erfahren und vermeintlich Bekanntes mit anderen Augen zu sehen, so Schettler. An diese Einleitung anknüpfend stellt Dr. Luisa Banki, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Bergischen Universität Wuppertal, den Gast dieser literarischen Veranstaltung vor: Die Autorin Mirna Funk, geboren 1981 in Ostberlin, lebt heute in Berlin und Tel Aviv und schreibt unter anderem für die Vogue, Welt und die Zeit. Ihr Roman Winternähe erschien 2015 und wurde mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet.

„Winternähe“ von Mirna Funk (Foto: Larissa Plath).

Im Mittelpunkt des Romans steht die Protagonistin Lola, eine junge Frau, die mit ihrer deutsch-jüdischen Identität hadert und sich auf der Suche nach ihren Wurzeln auf eine Reise von Berlin über Tel Aviv bis nach Bangkok begibt. Bei Lolas Auseinandersetzung mit ihrer widersprüchlichen Herkunft ist die Vergangenheit allgegenwärtig. Die von Mirna Funk für die Lesung ausgewählten Kapitel stellen exemplarisch die drei Stationen von Lolas Reise dar und lassen das Publikum an den unterschiedlichen Eindrücken und Empfindungen der Protagonistin teilhaben. Dabei ist die erste vorgetragene Passage aus dem Prolog zugleich eine der stärksten Szenen des Buches. Nachdem Lola zwei Bekannte angezeigt hat, die ein Foto von ihr mit einem Hitlerbart versehen und dieses in sozialen Netzwerken verbreitet haben, greift sie während der Verhandlung des Falls zur selben Maßnahme: Sie malt sich selbst ein schwarzes Viereck über die Oberlippe und betritt so demonstrativ den Gerichtssaal. Auf direkten Konfrontationskurs geht Lola auch mit ihrer Reise nach Tel Aviv im Sommer 2014, mitten im Gaza-Krieg. Begleitet wird sie dabei stets von der Geschichte ihrer Eltern und der ihrer Großeltern, einer traumatischen Geschichte, die eine wichtige Rolle in Lolas Verständnis ihrer eigenen Gegenwart spielt.

Das an die Lesung anschließende Gespräch mit der Autorin wird von Dr. Luisa Banki moderiert und gibt unter anderem Einblicke in Funks Konzeption des Romans, ihre Auffassung von Literatur und Geschichte sowie eigene Erlebnisse, die Eingang in ihre Darstellung Lolas gefunden haben. So hat der im Roman geschilderte Hitlerbart-Vorfall einen autobiographischen Hintergrund; Funk hat die Verantwortlichen zwar angezeigt, ist jedoch im Unterschied zu der Protagonistin ihres Romans nicht vor Gericht gegangen. Ein Gefühl der Feigheit habe sich im Nachhinein bei ihr eingestellt, erklärt Mirna Funk im Gespräch, dem sie jedoch durch das Schreiben des Romans entgegenwirken konnte. Dieser sei eine Möglichkeit gewesen, den Vorfall doch noch öffentlich zu machen und so, wenn auch nicht im wahrsten Sinne des Wortes, gewissermaßen „vor Gericht gehen“ zu können.

Als Teil der Holocaust-Literatur will die Autorin ihren Roman nicht verstanden wissen. Ihr gehe es vielmehr um die Darstellung der „Dritten Generation“ junger Juden in Deutschland, ihr Verhältnis zur Geschichte und der Umgang mit ihr. Für Lola ist die Wahrnehmung des Holocaust zweigeteilt: Auf der einen Seite existiert eine von Dr. Banki mit den prägnanten Worten beschriebene „Holocaust is so over“-Mentalität, auf der anderen eine ständige Forderung an das Gedenken. Funk sieht bei sich selbst einen differenzierteren Umgang mit dem Erinnern. Ihrer Meinung nach existieren durchaus Grauzonen zwischen den von Lola empfundenen Extremen. Ohne Zweifel kommt im Gedenken an den Holocaust insbesondere den Zeitzeugen eine immense Bedeutung zu, doch neben dieser vergangenheitsorientierten Form der Erinnerungsarbeit gerät die Gegenwart oftmals in den Hintergrund. Mirna Funk gibt zu bedenken, dass in vielen Situationen ein Nichtwissen sowie mangelndes Interesse am jüdischen Alltag deutlich werden und fordert einen offeneren Umgang mit den jüdischen Kulturen und ihren Traditionen. Dass dieser immer von einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit begleitet wird, werden muss, steht außer Frage.

V.l.: Mirna Funk und Dr. Luisa Banki (Foto: Larissa Plath)

An diesem Punkt des Gesprächs wird Funks Verständnis von Geschichte deutlich, wenn sie die individuelle Biographie als Teil der Biographie einer Gesellschaft beschreibt. Jegliche Form der Erinnerungsarbeit, insbesondere die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, könne nur durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Großeltern und Urgroßeltern erfolgen. Durch deren Erzählungen werden die möglicherweise als entfernt und abstrakt empfundenen großen geschichtlichen Zusammenhänge zu einer „oral history“, die einen direkten und greifbaren Zugang ermöglicht. „Sich selbst als geschichtliches Wesen begreifen“ und auf diese Weise die eigenen Handlungen nicht als losgelöst, sondern bewusst als Teil der Geschichte betrachten, so lautet Funks Ansatz. Nur so könne die „echte Geschichte“ verstanden werden, die nicht nur aus Bildern, Zahlen und Fakten besteht, sondern real ist. Mit Bezug auf Walter Benjamin spricht Funk vom „Eingedenken“, einer Form des geschichtlichen Bewusstseins, bei der die Gegenwärtigkeit der Vergangenheit betont wird.

Neben dem Roman geben sicherlich auch die interessanten Ausführungen der Autorin genügend Anlass zu Nachfragen – dass die abschließende Diskussion mit dem Publikum eher zaghaft beginnt, ist daher wohl weniger fehlendem Interesse als vielmehr dem sensiblen Thema geschuldet. Mirna Funk reagiert auch auf schwierigere Fragen ausgesprochen offen und spontan, reflektiert den eigenen Standpunkt und nimmt sich viel Zeit, die Fragen aus den Zuschauerreihen zu beantworten. Die Gratwanderung zwischen dem, was man meint sagen zu dürfen und dem, was mit Bedacht formuliert werden will, wird durch die Beiträge des Publikums besonders deutlich. Unter Umständen wird da schnell aus einer verteidigenden Position heraus argumentiert und auf die ausgeprägte Erinnerungsarbeit hingewiesen, die in Deutschland geleistet werde. Das Erinnern nicht zu vergessen ist eine Sache. Mirna Funks Kolumne in der Vogue trägt den Titel „Jüdisch Heute“: ein Appell daran, neben dem Gedenken an die Toten die Lebenden im Hier und Jetzt nicht aus den Augen zu verlieren. Mit der Forderung nach Transkulturalität und der Integration der anderen in unsere Gesellschaft endet der Abend – für ein gelungenes Schlusswort ist ein gewisser Idealismus durchaus angebracht.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Katholischen Bildungswerks, der Begegnungsstätte Alte Synagoge, der Buchhandlung v. Mackensen und der Bergischen Universität Wuppertal.

Larissa Plath studiert im Master Anglistik sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal.

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