Von Sebastian Schulz

Feridun Zaimoglu verändert sich, sobald er liest. Die Stimme des aus Kiel kommenden Autors unterscheidet sich immens zur gesprochenen Version, wenn er die Seiten eines Buches aufschlägt und beginnt, die wortgewaltigen Sätze, welche aus seiner eigenen Feder entstammen, stimmlich zu verbalisieren. In der hallenden Elberfelder Citykirche mag das aufgrund der Akustik sein Übriges getan haben. Diese Begebenheiten sollten das zur Schau stellen, was von mancher Seite als „feminitisches Manifest“ bezeichnet wird.

Feridun Zaimoglu während der Lesung (Bild: Sebastian Schulz).

Mit seinem neuesten Buch „Die Geschichte der Frau“ übernimmt der Autor die Rolle teils mehr teils weniger bekannter Frauen und erschließt so einen Weg, die jeweilige Selbstbehauptung der weiblichen Charaktere in ihren jeweiligen Epochen darzustellen. Denn diese Frauen stammen chronologisch aus zehn Etappen der Menschheitsgeschichte, was immer wieder ein völlig anderes Selbstverständnis zum Ausdruck bringt. Zaimoglu geht dabei bis in die alttestamentarische Zeit von Moses zurück und schlüpft in die Rolle von dessen Frau Zippora oder verleiht der Walküre Brunhild eine Stimme; auch in den 1960er Jahren scheint der Autor fündig geworden zu sein und interpretiert die Gedankengänge von Valerie Solanas, die neben ihrem selbstverfassten, radikal feministischen Manifest durch den Tötungsversuch auf Andy Warhol bekannt wurde.

Die Auswahl dieser zehn Frauen gleichsam einleuchtend und überraschend, denn während Persönlichkeiten wie Valerie Solanas ein Paradebeispiel für (radikalen) Feminismus sind, kommt in „Die Geschichte der Frau“ auch die unschuldig der Hexerei beschuldigte und verbrannte Prista Frühböttin im Jahr 1540 zu Wort. Die Wahl gerade jener historisch und literarischen zehn Frauen, die im Werk vorkommen, beschreibt Zaimoglu bei seiner ursprünglichen Liste von bis zu 50 Persönlichkeiten als relativ „willkürlich“ so wie jede Auswahl willkürlich sei, wie der Autor seine Kriterien in jenem Fall beschreibt. Das ist Feridun Zaimoglu auch bewusst: „Völlig zurecht kann man mir und soll man mir bitte auch auch als Kern – wenn ich so dreist bin – ein so genanntes feministisches Manifest zu liefern, schon vorwerfen, dass es natürlich unvollständig ist“.

Autor Feridun Zaimoglu vor Publkum in der Citykirche Elberfeld (Bild: Sebastian Schulz).

Überhaupt zeigt sich Zaimoglu an diesem Abend bewusst vorsichtig, was das Thema Frauen und Feminismus angeht, denn als Mann ist die Perspektive eine andere. „Es ist dann doch vielleicht dreist, dass ich als Mann mit meinem Geschlecht auf dem Papier breche – nicht das erste Mal – und mich der jeweiligen Frau anverwandle“ gibt Zaimoglu zu. Diese Anspielung verweist auf sein 2009 erschienenes Buch „Leyla“, das den Lebensweg einer jungen Frau, die in einer anatolischen Kleinstadt während der 1950er Jahre aufwächst und ebenfalls ihren Weg in das Buch gefunden hat.

Der Anspruch scheint groß gewesen zu sein, wenn man der Lesung von Feridun Zaimoglu folgt. Das beweist nicht zuletzt die Wortgewalt und -gewandheit, die jede Zeile auszuzeichnen scheinen. Dabei lässt der Autor den Protagonistinnen jedoch ebenfalls eine Wortgewandheit zukommen, die ihresgleichen sucht, dabei jedoch konstruiert wirkt.

Dennoch scheint der erwähnte Anspruch an das Werk erfüllt worden zu sein, denn es gelingt dem Autor, die Geschichte und Rolle der einzelnen Frauen im zeitlichen Kontext in einem Konflikt zwischen einer „Assistenzfuntion“, wie er sagt, und der Selbstbestimmung sowie Selbstidentifikation zu präsentieren. Trotz der konstruierten Szenarien und der Fiktion kann es der Bezeichnung „feministisches Manifest“ standhalten.

 

Feridun Zaimoglu mit seinem Buch „Die Geschichte der Frau“ – eine Lesung des Katholischen Bildungswerks Wuppertal/Solingen/Remscheid in Kooperation mit der Buchhandlung v. Mackensen, dem Kulturbüro der Stadt Wuppertal und der CityKirche Elberfeld.

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