Von Larissa Plath

„Ein Klassiker ist ein Buch, das die Leute loben, aber nicht lesen“, sagte einst der amerikanische Schriftsteller Mark Twain. Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz ist so ein Klassiker: Man weiß ihn grob in die literarische Moderne einzuordnen, kennt den eigentümlichen Protagonisten Franz Biberkopf – aber wer hat das mehr als 500 Seiten starke Werk tatsächlich gelesen? Dass es sich lohnt, Döblins Roman nicht nur zu loben, sondern „die Geschichte vom Franz Biberkopf“, so der Untertitel, von Anfang bis Ende zu verfolgen, bewies eine klangvolle Darbietung aus Lesung und Musik im Katholischen Stadthaus.

Melodische Pianoklänge untermalen die Stimme des Schauspielers Stefan Walz, als er die ersten Sätze des Romans liest: Man begleitet Franz Biberkopf, wie er aus den Toren des Tegeler Gefängnisses tritt, nach kurzem Zögern in die „Elektrische“ steigt und sich unverhofft im Trubel der Großstadt wiederfindet. Es geht mitten hinein ins Berlin der 1920er Jahre. Vor dem geistigen Auge des Publikums werden Franz und seine Zeitgenossen an diesem Abend zum Leben erweckt – durch Worte, Musik und Gesang. Das Trio Stefan Walz, Ingrid Richter (Pianistin) und Jochen Bauer (Opernsänger) greift die charakteristische Vielstimmigkeit von Döblins Roman auf und ergänzt die ausgewählten Textstellen mit Werken von Komponisten wie Kurt Weill, Dmitri Shostakovich und Friedrich Hollaender.

Stefan Walz während der Lesung (Bild: Larissa Plath).

Mit sichtlichem Vergnügen und einer einnehmenden Präsenz folgen die drei Künstler Franz Biberkopf auf seinem Weg durch die Metropole: Stefan Walz wechselt von einer Figur zur nächsten den Tonfall, poltert mal mit Berliner Schnauze drauf los und hebt die (sprachlichen) Eigenarten von Franz, seiner Freundin Mieze, dem Verbrecher Reinhold und all den anderen Charakteren hervor. Ingrid Richters Spiel schafft eine Verbindung zwischen der Lesung und der gesanglichen Darbietung von Jochen Bauer – der so erzeugte Dreiklang spiegelt wider, was bei Döblin durch eine Montage aus Zitaten, Verweisen, Motiven und Symbolen erzeugt wird.

V.l.: Ingrid Richter, Jochen Bauer (Bild: Larissa Plath).

1929 im S. Fischer Verlag erschienen, gilt Berlin Alexanderplatz als Wegbereiter der literarischen Moderne und als der deutschsprachige Großstadtroman schlechthin. Die Metropole ist Handlungsort und Protagonistin zugleich, sie gibt den Takt für Franz’ Lebensweg vor: Dort wo „alles so rasch, so fix“ vonstatten geht, gerät der Außenseiter in die falschen Kreise und scheitert trotz seiner ehrbaren Absichten an den äußeren Umständen. Wie würde es Franz Biberkopf heute ergehen? Im 21. Jahrhundert scheinen Schlagworte wie ‚schnelllebig‘ oder ‚anonym‘ in Verbindung

mit der Großstadt zu Worthülsen geworden zu sein. Die gesellschaftliche Beschleunigung unserer Zeit hat andere Ursachen als in den 1920ern, doch im Kern sind die Probleme ähnlich. Fast ein Jahrhundert später empfinden die Menschen ihre Lebenssituation, bestimmt durch den technischen Fortschritt und sozialen Wandel, als eine immense Herausforderung.

Nachdem die letzten Töne verklungen sind, quittiert das Publikum die rundum gelungene Interpretation mit einem lautstarken und lange anhaltenden Applaus. Neunzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ist Döblins Berlin Alexanderplatz so gegenwartsnah wie zu seiner Entstehungszeit und verlangt danach, gelesen zu werden.

Die Veranstaltung entstand aus einer Kooperation des Katholischen Bildungswerks mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Wuppertal e.V.  


Larissa Plath studiert im Master Anglistik sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal.

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