Von Larissa Plath

„Ich bin sehr froh, dass dieses Buch erledigt ist.“ In der Stimme von Saša Stanišić schwingt Erleichterung mit, Erleichterung darüber, diese Art der „Selbstbefragung“, wie er es ausdrückt, bewältigt zu haben. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Autobiographie, Fiktion, Essay und trägt den schlichten und doch so gewichtigen Titel Herkunft. Ende Mai las der Schriftsteller in der Elberfelder CityKirche aus seinem aktuellen Buch.

Stanišićs Roman Herkunft werde für jeden, der ihn liest, einzigartig sein, verspricht Matei Chihaia, Professor für Romanische Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal, der an diesem Abend das Gespräch mit dem Autor moderiert. Dafür sorge nicht zuletzt eine formale Besonderheit am Ende des Buchs: Der Leser wird gewissermaßen zum Co-Autor der Geschichte, indem er über den Handlungsverlauf mitbestimmt. Mehrere Möglichkeiten tun sich auf, den einen richtigen Weg gibt es nicht. Chihaia zieht Parallelen zu einem Roman des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar aus den 1960ern, der durch seine experimentelle Kapitelstruktur vielerlei Lesarten ermögliche und einen „Gegenentwurf zu den großen Nationalepen“ biete. Stanišić selbst sieht die Struktur seines aktuellen Romans vor allem durch die Prämisse des Zufalls bestimmt, diese schicksalhaften Zusammenhänge, welche darüber bestimmen, wo und wann wir geboren werden und wohin uns der Weg von da aus führen wird.

V.l:. Prof. Dr. Matei Chihaia, Saša Stanišić (Bild: Larissa Plath)

In seinem Fall bedeutet der Zufall der Herkunft die Flucht aus der Heimat Jugoslawien, einem Land, das heute so nicht mehr existiert. 1978 in Višegrad (Bosnien) geboren, flieht Stanišić als 14-Jähriger mit seinen Eltern nach Deutschland, den rot-weißen Fanschal seiner Lieblingsfußballmanschaft „Roter Stern Belgrad“ im Gepäck. In Heidelberg sieht er sich mit der Frage nach seiner Herkunft konfrontiert, er ist Geflüchteter, Jugoslawe, spricht die deutsche Sprache nicht. „Sperrig“ ist sie zunächst, doch mit der Zeit füllt sich sein „Koffer aus Sprache“ und wird immer leichter. Die Sprachlosigkeit wandelt sich zu einer Lust am Geschichten erzählen, mit Worten, die plötzlich nicht mehr fremd sind.

Dass sich dieses Sprachvergnügen nicht nur in seinem Schreiben ausdrückt, sondern auch während der Lesung allgegenwärtig ist, überrascht da kaum: So lebendig, humorvoll und anrührend liest Stanišić die ausgewählten Kapitel aus seinem Roman, dass man oftmals den Eindruck bekommen könnte, er erzähle spontan und aus dem Moment heraus. Dazu trägt auch der sichtbare Einfluss einer mündlichen Erzähltradition bei, der dem Text einen ganz eigenen Klang verleiht.

Der Autor Saša Stanišić (Bild: Larissa Plath)

Das Erzählen spiele in seinen Werken eine zentrale Rolle, erklärt Stanišić. Für den Protagonisten in seinem ersten Buch Wie der Soldat das Grammofon repariert wird das Fabulieren zu einer Art Überlebensstrategie inmitten der Schrecken des Bosnienkriegs und der anschließenden Flucht. In Herkunft nähert sich der Autor über viele kleine Geschichten seiner eigenen Vergangenheit und der seiner Familie an. Für die Recherche kehrte er an vergessene Orte zurück: Einer davon ist das kleine Bergdorf Oskoruša, aus dem seine Urgroßeltern stammen und in dem heute nur noch dreizehn Menschen leben. Begleitet von seiner Großmutter Kristina besucht er das Grab seiner Vorfahren, trinkt Wasser aus dem Brunnen, den sein Urgroßvater einst ausgehoben hat. „Zugehörigkeitskitsch“ lautet seine erste Reaktion auf diese Erlebnisse. Für einen alten Mann aus dem Dorf, der Stanišić und seine Großmutter begleitet, fällt die Antwort auf die Frage nach der Herkunft des Autors dagegen eindeutig aus: „Du kommst von hier!“

Die Suche nach Erzählungen und das Erzählen selbst sind Stanišićs Art der Annäherung an diese komplexe Frage. Details und Anekdoten, (erzählte) Erinnerungen und Fiktion, das Hier und Jetzt und das Vergangene, werden in Herkunft miteinander verwoben, fügen sich zu einer Geschichte, die weit mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile. Am Ende obliegt es dem Leser, über den Fortgang des Romans zu entscheiden. Dazu gehört auch, den ein oder anderen Umweg zu nehmen: „Ohne Abschweifung“, schreibt Stanišić, „wären meine Geschichten überhaupt nicht meine“.

Die Lesung wurde vom Katholischen Bildungswerk in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung v. Mackensen und der CityKirche Elberfeld organisiert.


Larissa Plath studiert im Master Anglistik sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal.

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